filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Deep End

(Deutschland / Großbritannien / Polen 1970; Regie: Jerzy Skolimowski)

Im großen, leeren Becken der Anstalt

foto: © koch media
Als der 15jährige Mike (John Moulder-Brown) einen Job in einer Badeanstalt im Londoner East End annimmt, da ahnt er nicht, was auf ihn zukommt. Nicht nur wird er von älteren Damen bedrängt, die sich von ihm Gefälligkeiten erhoffen, sondern vor allem ist es seine Kollegin Susan (Jane Asher), die es dem frisch erblühten Jüngling angetan hat. Auf sie projiziert er seine sexuellen Wünsche und schon nach kurzer Zeit macht er ihr Avancen. Die etwas ältere und abgeklärte Susan aber ist bereits mit einem Nichtsnutz verlobt und hat zudem mit einem Badegast ein finanziell gewinnbringendes Verhältnis - es ist Mikes ehemaliger Sportlehrer, der in seiner biederen Lüsternheit besonders abstoßend wirkt, und der als aktueller Lover die Rivalität des Teenagers herausfordert. Susan zu besitzen wird für Mike zu einer Besessenheit, die ihn in ein enormes Gefühlschaos stürzt.

"Deep End" ist ein Kuriosum der Filmgeschichte: ein Coming-of-Age-Drama eines Regisseurs der polnischen Nouvelle Vague, das im London der Swinging Sixties spielt, in London, aber auch teilweise in den Bavaria-Studios gedreht wurde, und das zumeist mit Antonionis "Blow Up" und Polanskis "Ekel" kontextualisiert wird - für Polanskis "Das Messer im Wasser" etwa schrieb Skolimowski das Drehbuch. Die Filmmusik stammt außerdem vom britischen Multi-Instrumentalisten und Singer-Songwriter Cat Stevens, sowie von der Kölner Krautrockinstitution Can. Diese vermögen eindrücklich die psychosexuell aufgeladene Thrilleratmosphäre zu verstärken, in die der Film hineindriftet. Mikes verwirrter Zustand, der sich in seiner Erregung sukzessive steigert, ist wohl das augenfälligste Merkmal dieses immer manischer werdenden Bewusstseins, das in seinem Begehren Grenzen zunehmend überschreitet. So kulminiert der Film in eine wunderbare Szene im Stadtpark, in der sich der Protagonist, unfähig, Ruhe zu finden, die Kleider vom Leib reißt, frech an einem Laufwettbewerb seiner alten Schule teilnimmt, um schließlich in Unterwäsche bei Minustemperaturen die angebetete Susan zu bedrängen. Als sie sich wehrt, verliert sie den Diamanten aus dem Ring ihres Geliebten, der in den Schneekristallen unauffindbar untergeht. Doch Mike hat eine Idee: Sie sammeln allen Schnee in Plastiktüten, brechen in die verschlossene Badeanstalt ein, und schmelzen ihn unter den großen Scheinwerfern der Deckenbeleuchtung.

Im großen, leeren Becken der Anstalt kommt es dann auch zum Beischlaf, doch Susan ist eine Erwachsene, die sich nicht weiter auf den deutlich Jüngeren einlassen will. Der reagiert also entsprechend aggressiv, und so beginnt ein beinahe surreales Ende, in dem sich das Blut, die Farben und die Wahnvorstellungen vermischen und überlagern. Bezeichnend ist Skolimowskis Zurückhaltung hinsichtlich einer moralischen Wertung: eine klare Botschaft vermittelt er nicht. Vielmehr pendelt der Film in diesen abschließenden Szenen in Richtung Exploitationkino und konfrontiert den Zuschauer mit gewagten Kameraperspektiven, die das Begehren des Betrachters auf ihn selbst zurückwerfen. Verstörend endet "Deep End", ein Film, in dem die Erwachsenen der Jugend die Unschuld rauben.

Neben dem Hauptfilm findet sich ein ausgezeichnetes Making-of samt Interviewszenen auf der DVD. Eine deutsche Untertitelspur fehlt leider.

Michael Schleeh

Benotung des Films: (9/10)
Benotung der DVD: (7/10)


Deep End
OT: Deep End
Deutschland / Großbritannien / Polen 1970 - 89 min.
Regie: Jerzy Skolimowski - Drehbuch: Jerzy Skolimowski, Jerzy Gruza, Boleslaw Sulik - Produktion: Helmut Jedele - Kamera: Charly Steinberger - Schnitt: Barrie Vince - Verleih: Koch Media - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: John Moulder-Brown, Jane Asher, Sean Barry-Weske, Erica Beer, Will Danin, Diana Dors, Dieter Eppler, Cheryl Hall, Anne-Marie Kuster, Burt Kwouk, Karl Ludwig Lindt, Eduard Linkers, Anita Lochner
DVD-Start (D): 26.08.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0066122/
Link zum Verleih: http://www.kochmedia-film.de/dvd/details/view/film/deep_end/

Details zur DVD:
Bild: 1,85:1 (anamorph/16:9) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 2.0 Stereo) - Untertitel: keine - Extras: Audiokommentar, Making of (73 Min.), geschnittene Szenen (8 Min.), Bildergalerie - Verleih: Koch Media

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?