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Womb

(Deutschland / Ungarn / Frankreich 2010; Regie: Benedek Fliegauf)

Geschenkte Ewigkeit

foto: © camino
Eine Insel in der Nordsee, ein Stelzenhaus auf einem weiten, flachen Sandstrand, anbrandende Wellen und das ferne Rauschen des Windes: In eine geheimnisvolle, fast magische Atmosphäre tauch der ungarische Regisseur Benedek Fliegauf mit seinem neuen Film "Womb". Bevor die ersten Bilder langsam vom Weiß der Leinwand verschluckt werden, sagt eine Frauenstimme: "Dass du weggegangen bist, heißt noch lange nicht, dass du nicht mehr hier bist." Als wäre das Leben zeitlos und der Atem der Natur ewig behaupten die Worte die Anwesenheit des Abwesenden. Dass die Identität eines Menschen sich nicht in seiner Genetik erschöpft, wäre gewissermaßen die Gegenposition zu diesem Satz, der die Idee der romantischen Liebe mit einem zeitgenössischen Sciencefiction-Motiv verbindet.

Dabei entdecken Rebecca (Ruby O. Fee) und Tommy (Tristan Christopher) ihre tiefe Seelenverwandtschaft bereits als Kinder. Im Alter von etwa zehn Jahren wachsen ihre ersten zärtlichen Gefühle füreinander, während sie die Dünen durchstreifen und die Gezeiten erleben. Zugleich richten sich ihre Blicke auf die Erkundung des eigenen und des fremden Körpers, seine blühende und seine welke Haut. So mischt sich in ihre keimende Sehnsucht und in ihr intimes Vertrauen früh die Ahnung der Vergänglichkeit. Unterm Vergrößerungsglas, mit dem sie die Haut des Großvaters betrachten, aber auch im eingeschränkten Erfahrungshorizont der Schnecke, die zum Symbol ihrer Freundschaft wird, verwandelt sich die Welt in ein relatives Terrain.

Als sich die studierte Mathematikerin Rebecca (Eva Green), die mittlerweile als Software-Entwicklerin für Sonargeräte arbeitet, und der Biologiestudent und Umweltaktivist Tommy (Matt Smith) zwölf Jahre später wiedersehen, ist die frühere Vertrautheit unverändert. Doch bevor sich ihre zärtliche Liebe mit Leben füllen kann, stirbt Tommy bei einem Unfall, der Banalität und Tragik schmerzlich verbindet. Weil das Leben einer nicht allzu fernen Zukunft aber die Möglichkeit bietet, Tommy als Klon noch einmal zur Welt kommen zu lassen, macht Rebecca sich und ihrem Geliebten dieses Geschenk.

Und so wächst im stillen Refugium am Meer neben der Isolation auch die Symbiose zwischen Mutter und Sohn, bis der "Inzest" schier unvermeidlich wird. Zur existentiellen Dringlichkeit gesteigert wird das, als Tommy seine Freundin Monica (Hannah Murray) mitbringt und Rebecca daraufhin in dunkles Schweigen und lähmende Passivität versinkt. Längere Zeit verharrt Benedek Fliegaufs ebenso eindrucksvoller wie bewegender Film in dieser Depression, in der sich die Identitätskrise des Klons und die Seelenqual seiner Mutter, ihre unterdrückte Liebe und ein peinigendes Schweigen kontinuierlich zuspitzen. "Wer bin ich?", fragt Tommy immer verzweifelter. Als sein eigener, phantastischer Wiedergänger erfüllt sich durch ihn auf tröstliche Weise Rebeccas verlorene Liebe. Jenseits dieser romantischen Projektion fragt Benedek Fliegauf in "Womb" aber auch danach, ob das Leben einzigartig und vergänglich oder wiederholbar und ewig ist.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Womb
OT: Womb
Deutschland / Ungarn / Frankreich 2010 - 107 min.
Regie: Benedek Fliegauf - Drehbuch: Benedek Fliegauf - Produktion: Gerhard Meixner, Roman Paul, András Muhi - Kamera: Péter Szatmári - Schnitt: Xavier Box, Patricia Rommel - Musik: Max Richter - Verleih: Camino - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight, Tristan Christopher, Ruby O. Fee, István Lénárt, Hannah Murray, Jesse Hoffmann
Kinostart (D): 07.04.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1216520/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/womb/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21999/WOMB/Kritik/

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