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Louise Hires a Contract Killer

(Frankreich 2008; Regie: Gustave de Kervern, Benoît Delépine)

Amoklauf mit Herz

foto: © kool
Was tun, wenn die Krise des Kapitalismus einen persönlich erreicht? Die Belegschaft findet die Fabrik leergeräumt, die Manager verschwunden, sie selbst abgefunden mit einem lächerlichen Betrag. Also was jetzt. Sich empören? Zu wenig. Das Geld zusammenlegen und, ja was, einen Killer besorgen und mit denen von International Invest Schluss machen? Vorschlag ohne Diskussion angenommen. Michel, der Killer, erweist sich als Weichei. Die dicke Louise muss selber ran. In der Luxusvilla auf New Jersey läuft sie Amok, stoisch, voll konzentriert, erfolgreich. Ein sympathischer Amoklauf nach dem Herzen aller Zuschauer, mich eingeschlossen. Nicht nur weil der Überboss ein fetter Arsch ist, sondern weil das eine Tat ist. Die fällig ist.

Der französische Film spiegelt vorbildlich wider, wie dort zurzeit die Nicht-mehr-Arbeiter aktiv sind, Fabrikbesetzungen, Geiselnahmen, Bombendrohungen, der Reihe nach. Scherz dabei ist, dass nix propagiert wird, kein Pamphlet, keine Resolution, keine Emotionalisierung, kein Kommentar. Das schon deswegen, weil Louise nicht lesen kann, auch den Räumungsbefehl nicht. Kaum geht sie aus dem Hochhaus, wird es hinter ihr schon gesprengt. Sie verzieht keine Miene. Ein Sketch, diese Szene. Der Film besteht aus diesen Sketchen. Bitterbösen und immer hochgradig komischen. Vorm Trailer sind die Twin Towers nachgebaut. An einem Draht werden zwei Flugzeuge reingeschickt. Rumms. Der eine Turm explodiert. Der andere auch. Wieder kein Kommentar. Ein Spiel, ej. Ein Modell.

Louise (Yolande Moreau) also zieht im Gefolge von Michel (Bouli Lanners) ihr Ding durch, allein gelassen von Organisationen wie zum Beispiel Gewerkschaften. Sie kommen im Film realistischerweise nicht vor. Sie ist, ohne es zu wissen, eine Heldin wie die historische Louise-Michel (Originaltitel des Films!), die Rote Jungfrau, Attentäterin gegen Napoleon III. Der deutsche Verleihtitel spielt angemessen auf Aki Kaurismäki an ("I Hired a Contract Killer"), den die Regisseure während des Drehs trafen. Der Witz ist jedoch, dass das perfekt ausdruckslose Gesicht nicht zum Mitleid einlädt, sondern zur anarchistischen Tat. Sich nicht klein kriegen lassen. Aber rumms machen. Da steckt in Frankreich ein Potential, das wir in unserm Einerlei des korrekten Films entbehren. Ich sach ja, "Louise Hires a Contract Killer" törnt an. Auf die absurd-komische Tour.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 09/2009

Dietrich Kuhlbrodt



Louise Hires a Contract Killer
OT: Louise-Michel
Frankreich 2008 - 94 min.
Regie: Gustave de Kervern, Benoît Delépine - Drehbuch: Gustave de Kervern, Benoît Delépine - Produktion: Benoît Jaubert, Mathieu Kassovitz - Kamera: Hugues Poulain - Schnitt: Stéphane Elmadjian - Musik: Gaëtan Roussel - Verleih: Kool - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Yolande Moreau, Bouli Lanners, Benoît Poelvoorde, Mathieu Kassovitz, Albert Dupontel, Jean-Luc Ormieres
Kinostart (D): 24.09.2009

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1132594/combined
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2009/louise_hires_a_contract_killer/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/20976/LOUISE-HIRES-A-CONTRACT-KILLER/Kritik/

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Kommentare


Einträge: 1

Anton Holzer aus Wien (Österreich) schrieb am 16.4.2013 um 22:24 Uhr :

Einer der besten französ.Filme,welche ich gesehen habe,
einmalig,wie der Regisseur die heutigen Zustände verarscht,göttlicher Humor (wie der "Killer"die Pistole verliert und Jolande hebt sie auf)der "Wohnblock" des
Killers,in dem man labyrinthartig seine Wohnung suchen muss und Vieles andere mehr - die Überfahrt auf die Canalinseln - der Fang des Hasens und dessen roher
Verzehr,nicht jedermann versteht diesen Humor,aber mir
tut jeder leid,welcher den Film nicht gesehen hat,er ist
EINER MEINER LIEBLINGSFILME.

Benotung von Anton Holzer: 6



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