filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Agnes und seine Brüder

(Deutschland 2004; Regie: Oskar Roehler)

Ridicule is nothing to be scared of

foto: © x verleih
"Guten Tag. Ich hätte gerne die Nummer von Familie Hampel auf Rügen. Hampel, wie "Hampelmann". ------ .H - A - M - P - E - L., ------, - Ja, Hampel, wie "Hampelmann". Hab′ ich doch gerade gesagt ..." Dieses ist ein kleiner, nebensächlicher Dialog des Films "Agnes und seine Brüder", ein Mini-Detail, das schon mehr bundesrepublikanische Wirklichkeit enthält als manch anderer kompletter deutscher Film der letzten Zeit. Wie oft haben wir es mit schicken und arroganten Hightech-"Dienstleistern" zu tun, die uns mit schon etwas sadistisch anmutender Unaufmerksamkeit und programmatischen Bearbeitungsfehlern bedienen? Wie sehr steht so ein Alltagsgespräch nicht schon für die Stimmungslage einer ganzen Nation? Für das unterschwellige niederträchtige Grummeln einer so depressiven wie destruktiven Kollektivpsyche?

Pars pro Toto. Der hoch gelobte ("Die Unberührbare") und heftig kritisierte ("Der alte Affe Angst") Regisseur Oskar Roehler hat es erkannt und eingebaut. Und "Agnes und seine Brüder" ist voll mit solch richtigen kleinen Details. Atome, aus denen die Charaktere und die Welt vom transsexuellen Agnes und seinen Brüdern Hans-Jörg und Werner gemacht sind. Von drei sehr unterschiedlichen männlichen Strategien des Überlebens in den 00-er Jahren des 21. Jahrhunderts handelt Roehlers Film.

Für Agnes (überirdische Präsenz: Martin Weiß), vormals Martin, besteht die Lösung der Probleme der soziotypischen maskulinen Identität schlicht im Abstreifen derselben. Ein klassischer misfit ist er, er hat zwar einen Freund, doch wenn er sich als schillernde Disco-Tänzerin auslebt und damit Geld verdient  - und dabei ans Cabaret der Zwanziger Jahre und an die Travestien des 70er-Jahre-Glamrock erinnert - vereint er damit zu viele unbürgerliche Eigenschaften, ist er zu sehr Nonkonformist, Träumer und Künstler, als dass das für seinen malochenden Partner tolerabel sein könnte.

Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu) ist Bibliothekar an einer Universität. Sein bester Freund ist seine Sexsucht, die in dem Maße anwächst, wie sein Erfolg bei Frauen ausbleibt. So wie er in seinem zerknitterten, hausmeister-bläulichen Sakko durch die vor langbeinigen und vollbusigen Studentinnen nur so strotzenden Bibliothek schnürt, merkt man ihm an, wieviel Folter ihm in seiner Begierde stecken muss.

Werner (Herbert Knaup) ist der einzige der drei, der sich eine vorbildliche Existenz geschaffen hat. Neben dem Eigenheim und der Karriere als "Grünen"-Politiker (Schwerpunkt "Europaweites Dosenpfand") verfügt der spießige koprophile Hektiker über eine ihn innigst verachtende Gemahlin (Katja Riemann) und zwei Söhne, deren älterer (Tom Schilling) ihm die Position als Liebhaber der Mutter abspenstig zu machen droht.

Das einzige, was die Brüder wirklich gemeinsam haben, ist eine skurrile Vaterfigur. Günther (Vadim Glowna), mit seinem wallenden schlohweißen Haar, seinen Goldkettchen und seiner Tarnhose eine Mischung aus schmierigem Zuhälter und Guerillero. Er ist böser deutscher Patriarch, zugleich ein 68er, der mit seinem Vornamen angeredet wird, er kolportiert die Legende, die Mutter sei in Stammheim mit einem Feuerlöscher erschlagen worden ("Irreversibel" lässt grüßen) und als würde das noch nicht reichen, war er "Schänder" der eigenen Söhne - oder nicht? Er steht für eine neuere deutsche Vergangenheit, die genauso wenig bewältigt werden kann, wie die davor - es sei denn mit Gewalt ...

Es gibt eine Menge Vorbilder aus Literatur und Film, bei denen sich Roehler unbefangen und freudig bedient hat: Von Woody Allens Filmtitel und filmischem Konzept  "Hannah und ihre Schwestern" bis zu dem sexsüchtigen Bruno aus Michel Houellebeqcs "Elementarteilchen", von den Selbsthilfegruppen aus "Fight Club" bis zu einer frech nachgestellten Szene (eine Fellatio, die nur wie eine aussieht) aus "American Beauty", Anklänge an Altmans "Short Cuts", vor allem aber mit seinem traurig-zynischen Humor ist "Agnes und seine Brüder" manchmal sehr nahe an Todd Solondz′ "Happiness" oder "Storytelling". Viel neueres amerikanisches Kino wird zitiert oder imitiert, aber auch Affinitäten zum Spanier Almodóvar oder zum Franzosen Ozon sind spürbar, speziell zu dem anarchischen Experimentierer und Provokateur Ozon aus seinen Filmen "Sitcom" und "Tropfen auf heiße Steine". Bezeichnenderweise entstand das Buch zu letzterem Film aus dem Nachlass R.W. Fassbinders, Roehlers (und Ozons) geistigem Vater. Denn inspiriert wurde Roehlers Figur Agnes laut eigenem Bekunden durch Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden",- auch ein Film über das Schicksal eines Transsexuellen.

Hauptmerkmal all dieser bei Roehler versammelten Versatzstücke, Quellen und Methoden ist, dass sie in erster Linie "undeutsch" (auch Fassbinder war ein untypischer Deutscher, obwohl er deutsche Filmgeschichte geschrieben hat) sind, denn mit der Fähigkeit, über Bitterstes mit treffsicherem schwarzen Humor zu spotten, sind die Deutschen seltenst ausgestattet. Dafür praktizierten sie in den 90ern Belangloses wie die Beziehungskomödie, und gerade aus diesem Fundus hat sich Roehler seine Schauspieler entliehen - mit, wie weiland bei Hannelore Elsner in "Die Unberührbare", verblüfffendem Ergebnis: Er geht gemeinsam mit Herbert Knaup, Katja Riemann, Moritz Bleibtreu, Til Schweiger, ja sogar noch Martin Semmelrogge, den er wohl zwischen zwei Knastaufenthalten engagiert hat, hinein in ihre Standardrollen, durch sie und ihre Parodien hindurch, um vermittelst einer Verabsurdierung zu etwas Neuem zu gelangen. Indem er sie bewusst als mutierte Zitate ihrer Klischees einsetzt, indem sie ihre Rollen zu Tode spielen, können sie sich davon befreien, was ihrer dankbar entfesselten Könnerschaft (wann hat man jemals einen so nuancenreichen Bleibtreu, wann eine so bösartig-witzige Riemann gesehen?) und Spielfreude anzumerken ist.

Allein dafür muss man diesem Film danken. Man muss ihm danken für den Mut zum Klischee und zum Brechen desselben, für den Mut, aktuelle deutsche Verzweiflung als totale Nullperspektive und dennoch als etwas Komisches zu zeigen, in seinem Mut, da, wo alle anderen einen Schritt zu kurz gegangen sind, einen Schritt zu weit zu gehen, auch wenn das vielleicht peinlich werden kann. "Agnes und seine Brüder", und das ist das Schönste an ihm, handelt, bei allem, was er auch zugleich ist, Satire, schwarze Komödie oder Melodram, Plagiat, Kopie oder kräftig fremdinspirierte Innovation, der Film handelt wirklich von der Bundesrepublik Deutschland. Deutschland als filmische Allegorie, wer nach Fassbinder hätte sich so etwas zugetraut? Vor allem deshalb hat Roehler mit Fassbinder zu tun, und nicht nur, weil Fassbinders Margit Carstensen in ihrer Nebenrolle den kaputtesten und hellsichtigsten David Bowie aller Zeiten, den seiner Berliner Jahre, wieder zum Leben erweckt hat ...

Andreas Thomas

Benotung des Films: (7/10)


Agnes und seine Brüder
OT: Agnes und seine Brüder
Deutschland 2004 - 111 min.
Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler - Produktion: Stefan Arndt - Kamera: Carl-Friedrich Koschnick - Schnitt: Simone Hofmann - Musik: Martin Todsharow - Verleih: X Verleih - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Martin Weiß, Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Katja Riemann, Tom Schilling, Susan Anbeh, Vadim Glowna, Margit Carstensen, Lee Daniels, Marie Zielcke
Kinostart (D): 14.10.2004

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0389738/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2004/agnes_und_seine_brueder/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/13317/AGNES-UND-SEINE-BRueDER/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...