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Liverpool

(Argentinien / Frankreich / Niederlande / Deutschland / Spanien 2008; Regie: Lisandro Alonso )

Fremd am Ende der Welt

foto: © arsenal
Das geduldige, fast absichtslose Beobachten und Aufzeichnen physischen Handelns charakterisiert die Filme Lisandro Alonsos. Die Sprache des Körpers, die sich ausdrückt in Bewegungen und Gesten, in alltäglichen Verrichtungen und handwerklicher Arbeit gibt dem Schweigen der verschlossenen Figuren eine Stimme. Dieser Umgang mit den Elementen erfüllt Raum und Bild und überträgt sich als physische Erfahrung förmlich auf den Zuschauer. Essen und Trinken, Arbeiten und Nichtstun, als Meditation über die berührende Tiefe des Gewöhnlichen in langen Einstellungen und mit dokumentarischem Blick inszeniert, verdichten die physische Existenz zum schieren Seinsgrund. Ausgesetzt in der Zeit und durch Orte determiniert, sind die Figuren jenseits dramatischer und psychologischer Vorgänge einfach nur sie selbst. In Alonsos Filmen gibt es nichts, was dem schönen Schein gängiger Kino-Ware zuarbeitet. Selbst ein mögliches Zentrum scheint sich immer wieder zu verflüchtigen.

Das ist auch in "Liverpool", dem aktuellen Film des argentinischen Regisseurs, nicht anders. In Wiederaufnahme verschiedener Motive seines 2004 entstandenen Werkes "Los muertos" (Die Toten) begleitet der Film den Matrosen Farrel (Juan Fernández) auf seiner Reise zur südlichsten Stadt Argentiniens in der Provinz Feuerland. Von Ushuaia aus, wo sein Containerschiff anlegt, bewegt er sich durch eine unwirtliche, schneebedeckte Landschaft am Ende der Welt, durch Eis und Kälte, um seine Mutter zu besuchen, von der er nicht weiß, ob sie noch lebt. Doch in seiner Heimat ist Farrel zum Fremden geworden. "Warum bist du zurückgekehrt?" und "Was hoffst du zu finden?", wird er argwöhnisch gefragt. Seine mittlerweile alte, bettlägerige Mutter erkennt ihn nicht wieder, während er vergeblich versucht, Nähe herzustellen und sich mit diversen Erinnerungsstücken seiner Kindheit vergewissert.

Farrel ist ein einsamer Held ohne feste Bleibe, der in ärmlichen, heruntergekommenen Provisorien sein Lager nimmt. Überhaupt interessiert sich Lisandro Alonso für ein Kino der Armut und des einfachen Lebens, darin ähnlich seinem portugiesischen Kollegen Pedro Costa oder auch Buñuel und Pasolini. Wenn sein verlorener, trostloser Protagonist seinen Geburtsort schließlich wieder verlässt, verschwindet er förmlich in der Landschaft, die - auch in den Bildern vom Meer - alles Enge kontrastiert. Entgegen der Erzählkonvention ist der Film allerdings dann noch nicht zu Ende. Vielmehr bleibt der Zuschauer nach diesem Abschied noch eine Weile im Dorf unter den Fremden zurück.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (9/10)


Liverpool
OT: Liverpool
Argentinien / Frankreich / Niederlande / Deutschland / Spanien 2008 - 84 min.
Regie: Lisandro Alonso - Drehbuch: Lisandro Alonso, Salvador Roselli - Produktion: Lisandro Alonso, Ilse Hughan, Luis Miñarro, Marianne Slot - Kamera: Lucio Bonelli - Schnitt: Lisandro Alonso, Fernando Epstein, Martin Mainoli, Sergi Dies - Verleih: Arsenal - Besetzung: Juan Fernández, Giselle Irrazabal, Nieves Cabrera
Kinostart (D): 15.04.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1002539/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/liverpool/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21368/LIVERPOOL/Kritik/

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