filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

21 Gramm

(USA 2003; Regie: Alejandro González Iñárritu)

Das Herz! Das Sperma!

foto: © constantin
Es gibt ja diese Menschen, die über alles Bescheid wissen und denen man nach einer Weile nicht mehr zuhören mag. Und es gibt Filme, denen man nicht mehr zusehen will. Den ewig gleichen Beziehungsdramen beispielsweise. »21 Gramm« ist dagegen ein Film zum Zusehen. Endlich mal wieder neugierig sein, auf Menschen, auf Orte. Wer zuschaut, wird gepackt und aktiviert; er gerät da in etwas hinein, was geschieht, was merkwürdig ist und immer vertrauter erscheint. An Plätzen, wo er noch nie war. In Memphis Tennessee etwa, im Winter. Was ist da los? - Da will man noch etwas von der Welt erfahren, die unbegreiflich erscheint, aber begriffen werden will.  

Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñarritu (»Amores Perros«) hat diesen Blick des Malers, der erst mal aufnimmt, was ihm der Ort sagen will, bevor er sich dran macht und gestaltet. Und der, der nicht nur über sich schreiben und die Welt belehren will, notiert sich erst mal, was er in Gesprächsfetzen und zufälligen Eindrücken mitbekommt, bevor er das in eine Form bringt. - Ich sag das mal so penetrant, weil das Industrieprodukt Film uns, die im Kino etwas aufnehmen wollen, aus der Übung kommen lässt. Wir könnten da genausogut Rezipienten des Films sein, wie der Künstler Orte, Menschen und Geschehen rezipiert. Statt dessen werden wir wie Konsumenten behandelt: kauen, schlucken, verdauen oder aber das Fastfood auskotzen und fertig. Davon haben wir nichts. Vielleicht von meinen belehrenden und für die Beteiligung an »21 Gramm« kontraproduktiven Vorbemerkungen (nein, eigentlich Hauptbemerkungen) auch nichts.  

Aber es muss raus: Augen öffnen und Ohren spitzen bitteschön! Wir sind hier weder im Diskurs noch in der narrativen Handlung. Der Film hat Handlung. Aber keine, die sich angemessen erzählen ließe. Wer′s dennoch tut, lügt. Oder bedient das Produkt »Filmkritik« und schreibt, wie schwer es einem der Film macht, Handlung wiederzugeben. In Konkret ist es möglich, statt dessen den Film zu beschreiben. Wie man ein Bild beschreibt. Und es dem Zuschauer zu überlassen, sich das Narrative selbst zusammenzupuzzeln. Und seinen Spaß, seine Aufregung zu haben.  

Tschuldigung, schon wieder diese, meine Bemerkungen. Aber ich bin hoffentlich wieder beim Beschreiben. Beim Beschreiben, wie diese ungewöhnliche Installation namens »21 Gramm« funktioniert und wie sie bedient werden kann. Was genau das Rezeptionsendergebnis ist, ist nicht vorauszusagen. Möglicherweise gibt es genausoviel Rezeptionsversionen wie Köpfe im Kino. Im Konkret-Umfeld war die Meinung geteilt: ja, nein. Mau lau gibt′s nicht. Das machen die »21 Gramm«-Emotionen.  

Das Herz! Das Sperma! Der Herzkranke wartet auf ein Spenderherz. Er vertreibt sich die Zeit mit Kettenrauchen und Husten. Die frustrierte Ehefrau wartet auf einen eigenen Kliniktermin. Auf die Transplantation des Samens, den der todkranke Gatte gespendet hat. Halten wir fest, dass der, dem gespendet wird (Herz), vorher gespendet hat (Samen) - nein, das ist es nicht. Gut, dann: der Todkranke weiß auch nicht weiter. Er raucht. Therapeutisch kontraproduktiv. Und die Ehefrau weiß es nicht besser. Die Beziehung war schon am Ende gewesen. Jetzt flüchtet sie sich in eine Position, in der sie sich einmauert. Liefe es mit dem Gatten schief, soll es nach dessen Tod mit der künstlichen Befruchtung klappen. Der Mann in mir, das Kind dann neben mir. Familie. Jetzt klappt′s.  

Wie finden Sie diese Mordsinterpretation? Scheiße. Aber wie wär′s mit dem hyperrealistisch Dokumentarischen: Die Kamera hält fest, was ihr vors Auge kommt. Auf der Werbetafel eines verlassenen Kinos steht: God bless the USA. Der Patriotismus auch eine Haltung, in die sich flüchtet, wem′s zu kalt wird? Aber das dokumentarische Auge sucht keine Metaphern. Die Handkamera läuft hinterher. Wir sehen die Darsteller oft von hinten. Werden sie eingeholt, sucht die Kamera einen Blick zu erhaschen. Gern unter einem Ellenbogen hindurch. Vorn ist′s unscharf. Die Kamera will nicht eingreifen. Was sie aufnimmt, ist benutzt. In der Gefängniszelle ist der Putz abgeblättert. Sowas kriegt kein Studio hin. Was unaufgeräumt, trostlos, schmutzig ist, das lässt sich nicht herstellen, aber wiedergeben. »21 Gramm« ist ein Dokumentarfilm. An Originalorten gedreht. Und die Statisten sind nicht Laiendarsteller, sondern das, was sie in ihrem Leben darstellen: Kardiologen, Krankenschwestern, Stammkneipengäste. Und beim Samenspenden läuft zur Ermunterung ein Pornofilm, der da immer läuft. Der echte Arzt stellt ihn echt an und gibt dem Spender (ausnahmsweise Sean Penn) ein echtes, abgegriffenes und wahrscheinlich nicht ganz trockenes Exemplar von »Penthouse«. Und wenn man dazu wahrnimmt, dass selbst die Stars sehr viel mehr tun, als das Gesicht hinzuhalten und ihre Rolle zu spielen, wird′s nahegehend und persönlich. Besonders die Frauen gehen über die Spielfilmgrenze hinaus. Als Zuschauer kann man wählen, sich auszuklinken und seinerseits eine feste Position einzunehmen oder sich hineinzerren zu lassen in das, was nahe geht und näher kommt - und das Feld der offenen Position besetzt.  

»21 Gramm« ist also, was die Kamera, die Selbstdarsteller und die sich entäußernden Schauspieler betrifft, authentisch. Jawohl. Gleichwohl ist der Film kunstvoll gepuzzelt. Der Schnitt holt gern eine Großaufnahme heraus. Dann gibt′s ein stehendes Bild. Zum Abtauchen in mögliche Verknüpfungen und Assoziationen. - Wir hatten die Position des Rauchens-trotz-allem. Auch die der Heilen-Familie-wider-alle-Vernunft. In einem anderen Erzählstrang gibt es auch die tatsächlich heile Familie. Bloß, was heil ist, geht auch kaputt. Die echt glückliche Frau verliert Mann und Kinder durch einen Unfall. Aber wir kennen das aus »Amores Perros«: Was ihr bleibt, ist die Flucht in die Position Drogensucht.  

Der Todesfahrer ist ein gewöhnlicher Krimineller, mit Erfolg resozialisiert. Er hatte gemeint, eine feste Burg im Glauben an den Herrn gefunden zu haben. Es wird schwer katholisch. Wir nehmen an endlosen Gebeten, Gesängen und Alles-besser-wissen-Ritualen teil. Er zwingt das weinende Töchterchen, dem bösen Bruder auch den anderen Arm hinzuhalten, damit dieser auf jenen schlagen kann. Dann schlägt er den Jungen. Aus religiöser Überzeugung. Sind wir jetzt wütend auf den Film oder auf den Mann, der eine feste Position eingenommen hat? Keine Angst, der Film geht weiter. Der Herzkranke-mit-dem-neuen-Herz schläft mit der Witwe, derem Gatten ebendieses Herz entnommen worden war. An Links ist kein Mangel. Wer, wie eben bei den Großaufnahmen, nicht draufdrückt und damit herumspielt, hat noch nie einen Rechner bedient.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 03/2004

Dietrich Kuhlbrodt



21 Gramm
OT: 21 Grams
USA 2003 - 125 min.
Regie: Alejandro González Iñárritu - Drehbuch: Guillermo Arriaga Jordan - Produktion: Alejandro González Iñárritu, Robert Salerno - Kamera: Rodrigo Prieto - Schnitt: Stephen Mirrione - Musik: Gustavo Santaolalla - Verleih: Constantin - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Clea DuVall, Danny Huston
Kinostart (D): 26.02.2004

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0315733/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2004/_21_gramm/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/12214/21-GRAMM/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 25.05.2017

Song to Song

(US 2017; Terrence Malick)
Häutungen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?