filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

1/2 Miete

(Deutschland 2002; Regie: Marc Ottiker)

Fremdduschen

foto: © neue visionen
Sympathisch sei Peter gar nicht angelegt, sagt Regisseur Ottiker im DVD-Off-Kommentar über seine Hauptfigur - eher widersprüchlich und mit Brüchen; dadurch würde er interessant. Und dann fällt der Name, auf den man sich dabei bezogen habe: Antonioni z.B. habe das auch so gemacht.

"½ Miete" ist meinetwegen deswegen ein bisschen Antonioni, weil Peter (Stephan Kampwirth), der Computerhacker, wirklich ein Unsympath ist. Wenns denn sein muss. Aber sonst kein bisschen. Es geht schon mit hektischer Kamera (und hektischem Schnitt) los, die - man mag es ja schon nicht mehr schreiben, geschweige denn sehen - offenbar auf dokumentarische Authentizität aus ist und wohl meint, sie käme den Seelen des gezeigten Gruselkabinetts je näher, je näher sie an die Gesichter und Körper heranführe. Unruhe und Effekthascherei, die keinen Effekt auslassen mag, sind das Ergebnis. Beides ist unkonstruktiv, weil der Erzählfluss dadurch ständig gestört wird. Nun aber zunächst zu dem Erzählten - das Antonioni nicht mal als schlechten Scherz bezeichnen würde.

Peter ist besessen vom Hacken. In Berlin spioniert er via Computer Betriebsgeheimnisse aus, die er gewinnbringend an die Konkurrenz verkauft. Seiner paranoiden Freundin (Natascha Bub) macht das so wenig Spaß, dass sie sich in der Wanne eine Überdosis Psychopharmaka gibt. Als Peter die Wasserleiche findet, schafft er es noch, den Notarzt zu rufen, verlässt dann jedoch schleunigst mit Laptop und Skateboard unterm Arm das hübsch auf Siebziger gestylte Plattenbauappartement am Alexanderplatz.

Stylish rollt er zum Bahnhof um sich da uncool in einen ICE zu setzen und - noch uncooler - sich von der Reisebegleiterin, die ihm 100 Euro (einer dieser typischen Deutsche-Bahn-AG-Phantasiepreise) abknöpft, vorschreiben zu lassen, wo er spätestens auszusteigen habe, nämlich in Köln. Viel zu affirmativ dieser Filmheld und dieser Plot; Roadmovies jedenfalls gehen anders los. Aber wie wir sehen werden, und wie der Name ja schon verrät, ist "½ Miete" ein Wohnungs- und kein Straßenfilm. In Köln angekommen, wirkt Peter ein wenig desorientiert, was sich z.B. darin äußert, dass er in ein eher parkendes, denn fahrendes Auto hinein skatet. Das musste aber sein, denn sonst hätte der Anti-Held ja nicht die Anti-Heldin und Fahrzeughalterin getroffen. Einer der billigsten Tricks der Filmgeschichte: Sollen sich zwei kennen lernen, lasse sie kollidieren! Damit nun ist also auch das weibliche Pendant gefunden und eingeführt. Während Peter zunächst weiterhin irritiert durch die Kölner Straßen skatet, dürfen wir sie nun ein wenig in ihrem Sekretärinnen- und Karierte-Röcke-Alltag beobachten. Da die Sekretärin (Doris Schretzmayer) Ordnungs-und Sicherheitsfanatikerin ist, kann sie zwar mit einem Tischstaubsauger aber nicht mit einem Mann zusammen leben. Ihr Nachbar (der in "Sonnenallee" gefallende, hier aber leider verunglückende Alexander Beyer), bei aller (nicht nachvollziehbarer) Sympathie, ist ihr zu chaotisch und er müffelt auch ein bisschen.

Und Peter? Stellt fest, dass er aus emotionalen Gründen nicht in einer Pension wohnen kann. Gleich in der ersten Nacht wird er dort von diabolischen Erinnerungen an die Verblichene heimgesucht. Die Konsequenz: In fremde, aber bewohnte, Wohnungen muss er eindringen, parasitär, um inneren Frieden zu finden, ähnlich - und da sind wir schon beim tiefschürfend philosophischen Gesamtkonzept - wie zuvor in fremde Computer! Aha!

Und weil die Menschheit ihre Wohnungsschlüssel ja immer unter der Fußmatte oder im Sicherheitskasten versteckt, dringt er ein: In die Arbeitswohnung eines stagnierenden TV-Drehbuchautors (Kampwirth wird völlig an die Wand gespielt vom im ganzen Film allein auf weiter Flur glänzenden Thomas Kapielski (auch sonst Autor)), zum Schlafen in die Wohnhöhle eines alleinstehenden Schichtarbeiters, er benutzt die Dusche eines Türken im rosa Joggingdress, und schließlich sieht er auch - von weitem - die Sekretärin wieder. Aber ihre Wohnung benutzt er dann schon ganz selbstlos, denn eine wunderbare Wandlung ist mit Peter geschehen: Wir wissen nicht warum, aber er hat plötzlich erkannt, dass er ein schlechter Mensch war. Weil wir es sonst wahrscheinlich nicht glauben würden, sagt er es uns extra als inneren Monolog (sonst wird im Film darauf verzichtet) mitten während einer geschäftlichen Transaktion: "Wegen Typen wie uns wird irgendwann alles zugrunde gehen. Jetzt versteh ich das, und ich hab′ das so lange mitgemacht ..."

Denkt es und wirft zuerst die dreckigen Daten und gleich danach den bösen Laptop in den Rhein (der Rhein ist übrigens das einzige, was in diesem Köln noch an Köln erinnert). Brüskiert den extra angereisten Geschäftspartner, indem er ihn stehen lässt, und wendet sich seiner anderen Form des Hackens zu: Ordnet die Stichwortzettel des Autors neu, damit das Drehbuch termingerecht fertig werden kann, kauft dem Malocher Schweinshaxe, damit er endlich mal satt wird, und klebt der Sekretärin lila Notizzettel in bestimmte Seiten ihrer umfangreichen Bibliothek (einschlägige Werke von Fritz Riemann und Sigmund Freud), damit sie endlich merkt, dass sie ein Zwangscharakter ist. Bei Edgar Allen Poe wird die Erzählung "Liebe auf den ersten Blick" markiert, damit sie weiß, dass der unbekannte Einbrecher der Dieb ihres Herzens ist.

Leider merkt niemand, weder Peter noch die Sekretärin, noch der Schriftsteller, noch Regisseur und Buchautor Ottiker, dass Peter am Ende noch mehr nervt als am Anfang. Peters Wandlung ist eine Wandlung zum Schlechten. Hand aufs Herz: Wenn er vorher Industriedaten geklaut und verkauft hat, hat er damit immer auch jemand getroffen, der es irgendwie verdient hat, zumindest jemanden, der versichert war. Die Sicherheit, vor allem die innere, dieser neuen Opfer aber ist rettungslos dahin. Was haben unschuldige Privatleute falsch gemacht, dass man sich buchstäblich in ihrem Leben breitmachen darf und sich dreist in ihre inneren Angelegenheiten einmischt? Und dann auch noch so besserwisserisch?

Es ist die Psychologie von "½ Miete", die nicht funktioniert, denn niemand wird allen Ernstes sich darüber freuen, wenn seine Wohnung wiederholt von Unbekannten besucht wird. Aber die Leute im Film freuen sich und danken dafür. Weil einer solchen Konstellation jede Plausibilität fehlt, so meine Vermutung, tun sich die Darsteller auch so schwer, glaubwürdig und überzeugend ihre Rollen auszufüllen. Denn es geht einfach nicht. Industriespionage und das Schnüffeln in fremder Leut' Privatestem ist definitiv nicht kompatibel. Es ist bereits die Grundidee von "½ Miete", die den Film scheitern lässt.

Andreas Thomas

Benotung des Films: (2/10)


1/2 Miete
OT: 1/2 Miete
Deutschland 2002 - 93 min.
Regie: Marc Ottiker - Drehbuch: Marc Ottiker - Produktion: Ute Schneider, Wim Wenders - Kamera: Stefan Runge - Schnitt: Achim Seidel - Musik: Stefan Giuilani - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Stephan Kampwirth, Doris Schretzmayer, Natascha Bub, Christoph Krix, Martin Ecker, Thomas Kapielski, Sven Pippig, Alexander Beyer, Ingo Haeck, Sandra Borgmann
Kinostart (D): 01.01.2004

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0338087/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2004/_1_2_miete/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/11421/HALBE-MIETE/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...