filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Die Hölle - Inferno

(Österreich/Deutschland 2016; Regie: Stefan Ruzowitzky)

Relativ böse, absolut fremd

foto: © splendid
Zwanzig Jahre nach dem Wiener Fahrradboten seines Regiedebüts "Tempo", 17 Jahre nach Franka Potente als "Anatomie"-Studentin unter Serienkillern und drei Jahre nach der stylishen Psychologisierung des Nazimassenmords in "Das absolut Böse" schickt der Wiener Regisseur Stefan Ruzowitzky (bevor demnächst sein britischer Zombiefilm "Patient Zero" an den Start geht) nun eine türkischstämmige toughe thaiboxende Taxlerin durch ein verregnetes Wien. Sie wird bedrängt von Männermachtritualen mehrheitsösterreichischer Art wie auch in ihren Herkunfts- und Freizeitmilieus (triste Wohnungen, ein Gym, also Boxsportcenter mit Sparringkäfig) - und vor allem von einem folterfreudigen Ritual-Frauenmörder, der ihr mit dem Messer nachstellt, nachdem sie zur Zufallszeugin einer seiner Untaten geworden ist.

Wortspiele mit dem Filmtitel "Die Hölle" verbieten sich. Sie wären auch unzutreffend. Eher gezielt räudig bis unfreiwillig holprig spielt dieser Thriller - der außerhalb Ösistans auch mit Titelzusatz als "Die Hölle - Inferno" antritt, wohl weil nicht sofort klar ist, was eine Hölle für eine Art von Ort sein soll, und weil "Inferno" mal ein etwas anderer Filmtitel ist - seine zweifellos vorhandenen Stärken nicht wirklich aus und betont eher seine ebenso merklichen Schwächen. Nach dem Hollywood-Einstand von Ruzowitzky (Auslands-Oscar für "Die Fälscher", 2008) mit dem stimmungsvollen und - blödes Wort - kompetenten Country-Krimi-Beziehungsdrama "Deadfall" (synchrondeutsch: "Cold Bood", 2012), ist es schon erstaunlich, wie grob hier nun die Musik Dramatik markiert und wie sehr in Nebenrollen geknödelt wird. Eine stark choreografierte Autoaction-Sequenz mit Messermörder auf dem Rücksitz sticht hervor, ein Hauch von Giallo bleibt hier nur ein Hauch. Mehr davon wäre fein gewesen.

Als Ethno- und Milieupanorama bietet "Die Hölle" sympathische Ansätze - und bezahlt sie teuer. Auf eine Reihe gelungener Bilder düsterer Wien-Peripherie (Gürtelgegend und weiter westlich in Ottakring) folgen im Schlussdrittel erste Szenen bei strahlendem Sonnenschein, die just rund um die Mölkerbastei und das Rathaus spielen; vermutlich weil in teurer Innenstadtlage halt alles schöner ist. Entwicklungsromanhaft zielt der Plot ins Gute und landet punktgenau bei Herrschaftsideologien: Die wortkarge, sich rasch handfest behauptende Hauptfigur (gut: Violetta Schurawlow) absolviert einen erwartungsgemäßen - und erwartungsgemäß depperten - Prozess von "Verweiblichung" mit Traumagarnierung; der Wiener Kripo-Ermittler wird als rassistischer Gockel mit Hang zum schnellen Schimpfwort und sexistischer Bevormundung eingeführt - und dann von Martin Ambroschs Skript, das offenbar vor seinem eigenen Mut in der Figurenzeichnung zurückscheut, als fürsorglicher Alter-Vater-Pfleger und liebenswerter Traummann entproblematisiert (Tobias Moretti spielt beides gekonnt). (Robert Palfrader spielt, wie in jeder österreichischen Film- und Fernsehproduktion derzeit, auch kurz mit; den dementen Vater gibt Friedrich von Thun charmant.) Und wenn eine Türkin - die, wie alle hier, nur Deutsch spricht - zuhauen darf, dann eigentlich nur auf Orientalen, und ihr in einer starken Szene vor dem Krankenhauszimmerspiegel demonstrierter Killerinstinkt gegenüber dem Mann, der ihr ans Leben will, geht in der Form wohl nur deshalb, weil ihre Jagd einem Serienmörder gilt, der Araber ist (gespielt von Sammy Sheik). Ist die in Zeiten allgemeiner Dämonisierung von "Willkommenskultur" etwas gar gschmackige Werbezeile des Films, wonach nicht wir in die Hölle kommen, sondern die Hölle zu uns kommt, also womöglich mehr als eine Entgleisung? Das weiß der Himmel. Ungut ist das in jedem Fall.

Drehli Robnik



Die Hölle - Inferno
OT: Die Hölle
Österreich/Deutschland 2016 - 90 min.
Regie: Stefan Ruzowitzky - Drehbuch: Martin Ambrosch - Produktion: Helmut Grasser, Thomas Peter Friedl - Kamera: Benedict Neuenfels - Schnitt: Britta Nahler - Musik: Marius Ruhland - Verleih: Splendid - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Robert Palfrader, Sammy Sheik, Friedrich von Thun, Murathan Muslu
Kinostart (D): 19.01.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5584732/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.01.2017

Hacksaw Ridge - Die Entscheidung

(USA/AUS 2016; Mel Gibson)
Im rechten Licht gesehen von Drehli Robnik

Resident Evil 6: The Final Chapter

(F/D/CA/AUS 2016; Paul W.S. Anderson)
Erkenntnisschock im Horrorschlock: In der Zombienormalität ist Geist Minorität von David Auer
kinostart: 19.01.2017

Die Hölle - Inferno

(AT/D 2016; Stefan Ruzowitzky)
Relativ böse, absolut fremd von Drehli Robnik

Personal Shopper

(F 2016; Olivier Assayas)
Gespenstische Welt von Nicolai Bühnemann

Where to, Miss?

(D 2015; Manuela Bastian)
Selbstbestimmte Autofahrt von Jürgen Kiontke
kinostart: 12.01.2017

La La Land

(USA 2016; Damien Chazelle)
Morgen soll wie gestern sein von Ricardo Brunn

Wild Plants

(DE/CH 2016; Nicolas Humbert)
Widerstand aus der Nische von Wolfgang Nierlin
kinostart: 05.01.2017

Passengers

(USA 2016; Morten Tyldum)
Was ist faul an Bord? von Drehli Robnik

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)
Das überwältigte Auge von Ricardo Brunn
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn