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Zwischen Himmel und Eis

(Frankreich 2015; Regie: Luc Jacquet)

Am weißen Rand der Welt

foto: © weltkino
Unser blauer Planet, so scheint es, ist inzwischen auch cineastisch vollends durchmessen. Erfolgreiche Naturdokumentationen wie "Unsere Erde" oder "Unsere Ozeane" haben eine Welle an Epigonen nach sich gezogen, die sich dermaßen diversifiziert haben, dass mittlerweile auch die "Magie der Moore" beschworen oder der Wald als "Das grüne Wunder" deklariert wird. Auch Regisseur Luc Jacquet hat sich hier eingereiht und mit seiner "Reise der Pinguine" im Jahr 2006 gar den Oscar gewonnen. "Zwischen Himmel und Eis", dem in diesem Jahr die Ehre des Abschlussfilms in Cannes zuteilwurde, möchte aus diesem Schema ausbrechen, kann sich aber nicht völlig von den Reizen des Subgenres lösen: neben den beeindruckenden Aufnahmen unberührter antarktischer Weiten gibt es die gewohnt pathetische Musik und den bemüht dramatischen Off-Kommentar, hier von Max Moor - den es in diesem Fall überhaupt nicht gebraucht hätte. Schließlich hat der Film einen überaus kompetenten Protagonisten und wäre, wenn sich Jacquet richtig getraut hätte, eine waschechte Forscherbiografie geworden, statt dieses Hybriden, der einer bestimmten Klientel hinterherjagt, die vermeintlich allein die schönen Panoramen goutiert.

Anders als die eingangs erwähnten Bildschirmschoner, die aber dennoch nicht den letzten Schritt wagen, ein reines filmisches Gedicht auf die Leinwand zu werfen wie etwa "Samsara" von Ron Fricke oder Godfrey Reggios Qatsi-Trilogie, sondern ein dünnes Infotainment-Deckmäntelchen überwerfen, besteht "Zwischen Himmel und Eis" zu großen Teilen aus Archivaufnahmen, die mit der ersten Expedition des französischen Polarforschers Claude Lorius im Jahr 1955 beginnen. Der Wissenschaftler entdeckte als einer der ersten, dass jede Luftblase, die in meterdicken Eisschichten der Antarktis eingeschlossen ist, eine Probe der Atmosphäre jener Zeit ist, in der sie konserviert wurde. Je tiefer man also bohrt, desto eingehender taucht man in die Klimageschichte des Planeten ein. Lorius gelang es im Laufe der Jahre und der zahlreichen Expeditionen sogar, mehr als 800.000 Jahre der Klimageschichte ans Tageslicht zu holen und somit den anthropologischen Einfluss, insbesondere den intensiven, oder vielmehr invasiven, der letzten 150 Jahre herauszufiltern und eindringliche Warnungen für die Zukunft auszusprechen. Aber während Lorius und sein Team unter größter Anstrengung in immer tiefere Eisschichten vordringt, bleibt die filmische Aufarbeitung dieser jahrzehntelangen Pionierarbeit leider lediglich an der Oberfläche haften. Nie gelingt es dem Off-Text, wirklich zum Kern von Lorius′ Forschungen vorzustoßen, er erschöpft sich in düster dräuenden Mutmaßungen und Prophezeiungen.

So bleibt das Werk von Claude Lorius nur eine vage Skizze. Seine lebenslange Reise durch die Klimageschichte der Erde, die sich nur äußerst mühsam offenbart, wird an Standardsentenzen eines Galileo-Features verschenkt. Zeitgeschichtlich allerdings bietet "Zwischen Himmel und Eis" einige bemerkenswerte Aspekte, mit seinen grobkörnigen Archivaufnahmen von Expeditionen aus den 50er und 60er Jahren, der länder- und blockübergreifenden Forschungszusammenarbeit während des Kalten Krieges und darüber hinaus.

Dass Lorius nach knapp 60 Jahren an den Ort - oder besser Nicht-Ort - seiner ersten Antarktisreise zurückkehrt, ergibt einen hübschen dramaturgischen Bogen und ebensolche Bilder einer majestätisch aufragenden Eislandschaft, die dem Untergang geweiht ist, wenn der Mensch weiterhin in diesem Maß den Raubbau an der Natur betreibt. Ein aufklärerischer Ansatz oder gar ein wirklicher Erkenntnisgewinn bleibt jedoch unter der gleißenden Fassade verschüttet und verliert sich im Ungefähren. So entfaltet das sicherlich gut gemeinte und dringend benötigte Plädoyer für den Klimaschutz weit weniger Wirkung als erhofft. Schade um die vertane Chance.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu "Zwischen Himmel und Eis".

Carsten Happe

Benotung des Films: (5/10)


Zwischen Himmel und Eis
OT: La glace et le ciel
Frankreich 2015 - 89 min.
Regie: Luc Jacquet - Drehbuch: Luc Jacquet - Produktion: Eskwad, Wild Touch, Kering - Kamera: Stéphane Martin - Schnitt: Stéphane Mazalaigue - Musik: Cyrille Aufort - Verleih: Weltkino - Besetzung: Claude Lorius
Kinostart (D): 26.11.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4466550/

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