filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Anonyma - Eine Frau in Berlin

(Deutschland 2007; Regie: Max Färberböck)

Blicke wandern hin und her

foto: © constantin
Verfilmt ist das Buch einer Zeitzeugin. Sie ist nur Eingeweihten namentlich bekannt. April 1945. Berlin. Der "Schändungsbetrieb" der Roten Armee. Ein Vergewaltiger reißt einer Frau die Kiefer auseinander und spuckt ihr in den Mund. Großaufnahme. Anonyma verlässt die Opferrolle und prostituiert sich freiwillig. Sie findet einen Beschützer. Andere tun es ihr nach. Major Andrej (Evgeny Sidikhin) tut Frauenproteste ab: "Die paar Minuten". Dann aber spielt er Klavier bei den Frauen. Schubert. Die Soldatenklientel feiert rauschende Feste im Frauenhaus. Wodka. Krakowiak. Und sie sind freizügig. "Die Russen spielen gerne Weihnachtsmann". Man muss sie verstehen. "Wenn die Russen das mit uns tun, was wir ihnen angetan haben, dann gibt es in Bälde keine Deutschen mehr". - "In Bälde?", fragt Irm Hermann zurück, "so was sagt doch keiner". Der Major entpuppt sich als feiner gebildeter Mann. Er und Anonyma verstehen sich. Eine Beziehung. Anonyma: "Ich möchte mich bedanken, dass ich Sie kennenlernen durfte". Fazit: "Wir Frauen sind jetzt auf Lebenszeit gestempelt, aber für den Moment fühl ich mich katzenwohl". Deutsche Frauen haben sich dank der Roten Armee emanzipiert. Ihre Männer, zurück aus Sibirien, versagen (Selbstmord, Tobsucht). Alles gut? Nein. "Das Unglück hat die größere Fantasie": Stalin.

Das Buch ist frei von Larmoyanz, kein Opfer-Pathos, aber sachlich kühl, schnoddrig, - rühmt Filmproduzent Günter Rohrbach. Doch der Film trifft diesen Ton nicht. Im Gegenteil. Der Schnitt ist getragen, bedeutungsschwer, pathetisch. Er legt Pausen ein zwischen den Sätzen, dass Blicke wandern, hin und her. Auf Fragen folgt Schweigen. Aus dem schnodderigen Zeitzeugenbericht wird das Weihespiel von Opferfrauen. Eine Schnittkatastrophe, aber immerhin die Länge für einen ZDF-Zweiteiler. Und das ist das zweite Problem. Die Darstellerinnen agieren wie in einem TV-Spiel, die russischen Schauspieler wie auf der Bühne. In einem Film, der mit gefühlter halber Geschwindigkeit projiziert wird. Verloren geht dabei der beeindruckende authentische Touch des Szenenbilds (Uli Hanisch). Verloren hat auch die Schriftstellerin Anonyma gegen die Schnittmeisterin Ewa J. Lind.

Es ist vorauszusehen, dass die Rezeption des Films wieder Opfer (deutsche Frauen) und Täter (Sowjets) sortiert. Das Presseheft steuert in diese Richtung. Es druckt die UN-Resolution von 2008 ab, die sexuelle Gewalt gegen Zivilpersonen verurteilt. In Ordnung das. Afrika heute! Aber was soll das beweisen? Dass die Rote Armee sich vor sechzig Jahren eines Verstoßes gegen den Beschluss des Sicherheitsrates von 2008 schuldig gemacht hat? Und: kommen die Milizen von heute aus einem Land, das von uns verbrecherisch angegriffen worden war und 26 Millionen Tote (Opfer!) zu beklagen hatte? Nochmal: so, wie der Film geworden ist und so, wie er wahrgenommen werden wird, contrakariert er das, was das Buch sagen wollte.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 11/2008

Dietrich Kuhlbrodt



Anonyma - Eine Frau in Berlin
OT: Anonyma - Eine Frau in Berlin
Deutschland 2007 - 131 min.
Regie: Max Färberböck - Drehbuch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann - Produktion: Günter Rohrbach, Martin Moszkowicz - Kamera: Benedict Neuenfels - Schnitt: Ewa J. Lind - Musik: Zbigniew Preisner - Verleih: Constantin - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Nina Hoss, Evgenij Sidikhin, Sandra Hüller, Irm Hermann, Jördis Triebel, August Diehl, Rüdiger Vogler, Juliane Köhler, Ulrike Krumbiegel, Rosalie Thomass
Kinostart (D): 23.10.2008

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1035730/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2008/anonyma_eine_frau_in_berlin/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/20290/ANONYMA/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn

Swiss Army Man

(USA 2016; Daniel Kwan, Daniel Scheinert )
Furzender Zivilisationsmüll von Ricardo Brunn

kurzkritiken

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?