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Härte

(Deutschland 2015; Regie: Rosa von Praunheim)

Eiskalter Block

foto: © missing films
Er sei ein "harter junger Mann" und "eiskalter Typ" gewesen, ein "Block", der niemanden an sich heran gelassen habe, sagt Andreas Marquardt im Rückblick auf seine Jahre als Berliner Zuhälter. Stark und unerschrocken, strahlt der vielfache Karatemeister (der mittlerweile Kinder trainiert) auch heute noch schiere Kraft und souveräne Männlichkeit aus. Vielleicht ist es diese Mischung aus körperlicher Energie und Verlässlichkeit, die ihn vor allem für viele labile, schutzbedürftige Frauen so attraktiv machte und ihnen ein Gefühl der Sicherheit gab, auch wenn sie von ihm ausgebeutet und geschlagen wurden. An einer Stelle von Rosa von Praunheims Film "Härte", der den unter gleichem Titel erschienenen Lebenserinnerungen Marquardts folgt, bemerkt der Portraitierte zu diesem paradoxen Verhalten: "Je brutaler ich zu den Frauen war, desto mehr liefen sie hinter mir her."

Das gilt vor allem für die hübsche Marion Erdmann (Luise Heyer), die als 16-Jährige den zunächst kleinkriminellen Macho "Andy" (Hanno Koffler) "anhimmelt", von seiner "verkehrten Welt" fasziniert ist und ab ihrer Volljährigkeit für ihn auf den Strich geht. Mit "Zuckerbrot und Peitsche", mit Komplimenten und Schlägen macht Marquardt die teils naive junge Frau gefügig; und noch Jahrzehnte später bekennt diese geradezu Hörige, er sei "der richtige Mann" gewesen. Was die beiden jedoch insgeheim verbindet: In ihrer Kindheit und Jugend waren sie Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. So ist Andreas Marquardt bereits als kleiner Junge nicht nur dem brutalen Sadismus seines Vaters, sondern auch den sexuellen Übergriffen seiner Mutter ausgesetzt, die den Heranwachsenden zum Geschlechtsverkehr mit ihr zwingt. Von Scham, schuldbeladener Lust und Ekel traumatisiert, entwickelt Marquand schließlich einen unbändigen Frauenhass.

Rosa von Praunheims Docufiction, die fließend zwischen den Selbstzeugnissen der Interviewten und nachgestellten, in Schwarzweiß gedrehten Spielszenen wechselt, schildert vor allem das Psychogramm dieser Gewalterfahrung und der daraus resultierenden Geschichte (die damals Therapeuten überforderte und noch heute Unverständnis hervorruft). In exemplarischen, auf das Wesentliche reduzierten Szenen zeigt der stark stilisierte Film, wie aus einem Opfer ein Täter wird, ohne damit dessen Taten zu entschuldigen. Dies gelingt dem Regisseur, indem er das Geschehen in einem künstlichen, fast abstrakten Studio-Setting inszeniert und durch diesen Verfremdungseffekt eine leicht unterkühlte Distanz schafft. Verstärkt wird dieses Konzept noch durch das leicht formelhafte Spiel der Darsteller, das so als Spiel immer sichtbar bleibt. Nur in der Darstellung des kleinen Andreas wechselt von Praunheim eine Zeitlang in die radikal subjektive Perspektive des Kindes und zwingt auf diese Weise auch den Blick des Zuschauers in eine unbehagliche Nähe zum Geschehen.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)


Härte
Deutschland 2015 - 89 min.
Regie: Rosa von Praunheim - Drehbuch: Jürgen Lemke, Nico Woche, Rosa von Praunheim - Produktion: Rosa von Praunheim - Kamera: Nicolai Zörn - Schnitt: Mike Shephard - Musik: Andreas M. Wolter - Verleih: missing Films - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Hanno Koffler, Katy Karrenbauer, Oliver Sechting, Luise Heyer, Sascia Haj, Luise Schnittert, Andreas Marquardt, Mica Bara, Folke Paulsen, Rüdiger Götze, Marc Bluhm, Marcus Lachmann, Stephan Schill, Gianni Meurer, Ilse Amberger-Bendin
Kinostart (D): 23.04.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4363672/

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