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Victoria

(Deutschland 2015; Regie: Sebastian Schipper)

Absolute Dilettanten

foto: © senator film verleih
Eine junge Frau tanzt selbstvergessen unter den blendenden Stroboskopblitzen einer Techno-Disco und wirkt dabei ein wenig verloren. An der Bar bestellt sie auf Englisch einen "Schnaps" und sucht vergeblich nach Anschluss. Das ändert sich, als sie bei ihrem leicht frustrierten Aufbruch vier "echten" Berliner Jungs in die Arme läuft und in einer Mischung aus Abenteuerlust und Neugier kurzentschlossen mit ihnen um die Häuser zieht. Sonne, Blinker, Boxer und Fuß sind langjährige Freunde und ein wenig betrunken. Vor allem aber sind sie übermütige Sprücheklopfer und liebenswerte Kindsköpfe, die sich mit alten Heldengeschichten brüsten, auf Hausdächern im Flüsterton feiern und dafür höchstens Mal ein paar Flaschen Bier im "Spätkauf" klauen. Besonders Sonne (Frederick Lau), ein Meister des originellen Flirtens, trifft mit seinem charmanten Englisch und einer sanften Ironie ins Herz der einsamen Spanierin, die plötzlich aufblüht und mutig wird.

Dass sich Victoria (Laia Costa), die Titelheldin aus Sebastian Schippers neuem, gleichnamigen Film, nach einem bezaubernden Flirt mit Sonne und ein paar kleinteiligen Verwicklungen allerdings auf einen bewaffneten Banküberfall mit der Clique einlässt, ist nicht gerade glaubwürdig oder wenigstens plausibel; auch wenn es dabei vor allem um Loyalität, Freundschaft und aufkeimende Liebe geht. Als gescheiterte Pianistin, die seit drei Monaten in Berlin lebt und für wenig Lohn in einem Café jobbt (obwohl sie kaum Deutsch spricht), zeigt die als Fahrerin verpflichtete Madrilenin bald mehr Mut als die kleinkriminellen Amateure. Diese haben nämlich gewaltiges Muffensausen, nachdem sie von einem coolen Verbrecherboss (André M. Hennicke), bei dem Boxer in der Schuld steht und den sie am sehr konspirativen Ort einer Tiefgarage (!) treffen, in die halsbrecherische Mission gezwungen werden.

Weil die sympathischen Freunde unprofessionell und planlos, ängstlich und ein bisschen dumm sind, läuft die gewagte, ziemlich holprige Unternehmung zwar zunächst gut, endet dann aber ziemlich übel. Zu unvorsichtig und naiv ist der Dilettantismus der weichen harten Jungs, die eigentlich nur ein wenig Spaß haben wollen, sowie der starken Frau, die sich nach Nähe und einem anderen Leben sehnt. Während zunächst Euphorie, dann Angst und hektischer Stress das zunehmend unlogische Handeln der Helden bestimmt, werden immer mehr Unschuldige in die unüberlegten Aktionen verwickelt. Das Verbrechen zieht gewissermaßen seine Kreise und erzeugt einen Sog der Bewegung, dem Schipper und sein norwegischer Bildgestalter Sturla Brandth Grøvlen zwischen nächtlichem Dunkel und beginnendem Morgengrauen in einer einzigen langen Einstellung folgen. Der dabei entstehende Drive wirkt manchmal intensiv und atemlos, dann wieder gehetzt und unkontrolliert oder einfach nur langatmig und uninspiriert.

Das formale Konzept eröffnet hier in den besten Momenten zwar eine künstlerische Freiheit, die einerseits Raum schafft für spontanes Agieren und schauspielerische Improvisationen; andererseits wirkt diese Prämisse auch als Korsett für die Handlungslogik und den dramatischen Spannungsbogen. Die starre Form verwässert gewissermaßen den Inhalt, der eh schon etwas dünn und oberflächlich ist. So erzeugt der Zwang zum "gedrängten" Ereignis immer wieder eine aufgesetzte hektische Dramatik oder einfach nur Leerlauf. Manchmal ist das ein erzählerisches Atemholen, manchmal aber auch ein artifizielles Innehalten: Dann stellt Sebastian Schipper für lange Momente auf stumm und lässt die hypnotischen, schwerelosen Sounds von Nils Frahm "sprechen".

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (5/10)


Victoria
Deutschland 2015 - 136 min.
Regie: Sebastian Schipper - Drehbuch: Olivia Neergaard-Holm, Sebastian Schipper, Eike Frederik Schulz - Produktion: Catherine Baikousis, Emma Rebecka Borg, Barbara Buhl, Jan Dressler, David Keitsch, Anatol Nitschke, Sebastian Schipper, Andreas Schreitmüller - Kamera: Sturla Brandth Grøvlen - Schnitt: Olivia Neergaard-Holm - Musik: Nils Frahm - Verleih: Senator Film Verleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, André Hennicke, Anna Lena Klenke, Eike Frederik Schulz, Martin Goeres, Daniel Fripan, Nadja Laura Mijthab, Ernst Stötzner, Philipp Kubitza, Adolfo Assor, Anne Düe
Kinostart (D): 11.06.2015
DVD-Start (D): 20.11.2015
Blu-ray-Start (D): 20.11.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4226388/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2,40:1 (anamorph / 16:9) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Senator

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Kommentare


Einträge: 1

Mark23 aus Köln schrieb am 19.6.2015 um 23:57 Uhr :

Eine sehr treffende Kritik mit fairer Bewertung.
Ja, Form geht in dem Streifen klar über Inhalt. Die Form ist zwar bisweilen beeindruckend, aber für einen richtig guten KINO-Film erwarte ich dann doch mehr als ein gelungenes Experiment (keine Schnitte). Schlicht mehr Inhalt und Tiefgang nämlich.
Einen Film mit dermaßen langer Spielzeit und dermaßen wenig Handlung muss man zwar auch erst einmal hinbekommen, warum dies 95% der Kritiker jedoch zu dermaßen großen Lobesyhmnen hinreißt, erschließt sich mir nicht.
Danke deshalb für diese sachliche Kritik hier.





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