filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Mein Herz tanzt

(Israel / Deutschland / Frankreich 2014; Regie: Eran Riklis)

Kunst auf den Konfliktlinien

foto: © nfp
Mit seinem neuen Film "Mein Herz tanzt" widmet sich Regisseur Eran Riklis den Arabern, die in Israel leben.

"Mein Vater ist Terrorist!" - Erst gestern hat sich Eyad von seinem jüdischen Kumpel aus der Zeitung vorlesen lassen. Und da stand drin, dass sein "Baba" unter diesem Vorwurf verhaftet wurde. Der kam zwar nach zwei Tagen wieder raus und war unschuldig. Der Lehrer, der dem jungen israelischen Araber auf die Hände schlägt, kann dies jedoch nicht wissen. "Tagelöhner" sei der, nicht "Terrorist". Darauf beharrt die Lehrkraft. Diese Kindergeschichte deutet an: Konfrontationen aller Art und harte Bruchlinien sind das Geschäft von Eran Riklis, aus dessen neuem Film "Mein Herz tanzt" diese Szene stammt.

Den Regisseur von Filmen wie "Lemon Tree" (2008) und "Zaytoun - Geborene Feinde, Echte Freunde" (2012) interessieren geradlinige Plots wenig. Israels bekanntester Filmemacher liebt es, Irrwitz auszustellen. Davon findet er im Zusammenleben bzw. Nichtzusammenleben zwischen Arabern - 1,6 Millionen von ihnen wohnen in Israel - und Juden jede Menge. Und so ist es kein Wunder, dass er auf die Bücher des Schriftstellers Sayed Kashua stieß. Der Palästinenser mit israelischem Pass, der zu den meistgelesenen Autoren des Landes gehört, schreibt über Identitätsprobleme der einen wie der anderen Gruppe - und über sich selbst gleich zweimal: Als ehemaliger Schüler eines Jerusalemer Eliteinternats hat er in seinem Buch "Tanzende Araber" , das er zum Drehbuch von Riklis′ Film umarbeitete, eine Menge über Selbstfindung zu berichten.

Der Plot ist zunächst eine mitreißende und doppelte Liebesgeschichte zwischen dem Jugendlichen Eyad (Tawfeek Barhom) und der jüdischen Mitschülerin Naomi (Danielle Kitzis), gegen die die Eltern beiderseits sind. Ebenso findet Eyad dort seinen besten Kumpel Yonatan (Michael Moshonov), der an einer unheilbaren Muskelerkrankung leidet. Gemeinsam treiben die drei durch den schwierigen Lernstoff der Lehranstalt Jerusalem.

Über insgesamt zwei Jahrzehnte erstreckt sich die Erzählung. Sie ist - einfach wie augenfällig - nach Kriegen strukturiert, vom Libanon-Konflikt in den achtziger Jahren hinein in den Zweiten Golfkrieg: Die arabischen Israelis stehen auf den Dächern und winken feiernd Saddam Husseins Scud-Raketen zu, die die Juden umbringen sollen - aber nur in ihren eigenen Häusern landen.

Der Film zeigt die Anfeindungen der Mitschüler, der Familien, der Soldaten. Allen gemein ist: Sie erzeugen aus Angst Angst. Wie Kashua teilt auch Riklis gern mit Blick aufs Absurde aus. Aber sie verteidigen auch mit allen Mitteln die Liebe ihrer Filmfiguren zueinander, selbst als diese sich gegeneinander entscheiden: Die eine zieht es zur Armee, der andere verschwindet unter falschem Namen. Der dritte wird begraben.

Dagegen teilen Riklis wie Kashua die Vision nicht nur eines friedlichen, sondern auch kreativen Miteinanders. "Immer dann, wenn in unserer Region die Staatenlenker keine Vision haben, liegt es an Künstlern, Verantwortung zu übernehmen", sagt Riklis. Die würde er gern auch über die Grenzen hinaus verwirklicht sehen: "Ich träume schon lange von einer starken Movie-Community in unserer Region." Aber er klagt auch, dass israelische Filme kaum jemals von großen arabischen Festivals eingeladen würden.

Eigentlich kommen sie an "Mein Herz tanzt" kaum vorbei. Dies ist ein schönes, manchmal nervenzerrendes, immer aber komplexes Kunstwerk, Entwurf für die Zukunft inklusive: Sie ist offen, lose, brüchig. Keine Ahnung habe er, sagt Riklis, wie sich Kashua, den er als "Mehrfachwesen" bezeichnet, weiterentwickle. Wahrscheinlich müsse er irgendwann einen zweiten Teil der Geschichte drehen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Amnesty Journal

Jürgen Kiontke

Benotung des Films: (7/10)


Mein Herz tanzt
OT: Dancing Arabs
Israel / Deutschland / Frankreich 2014 - 105 min.
Regie: Eran Riklis - Drehbuch: Sayed Kashua - Produktion: Chilik Michaeli, Tami Leon, Avraham Pirchi, Antoine de Clermont-Tonnerre - Kamera: Michael Wiesweg - Schnitt: Richard Marizy - Musik: Yonatan Riklis - Verleih: NFP - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Tawfeek Barhom, Ali Suliman, Laëtitia Eïdo, Yaël Abecassis, Michael Moshonov, Loai Nofi, Norman Issa, Daniel Kitsis, Marlene Bajali, Razi Gabareen
Kinostart (D): 21.05.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2841572/
Link zum Verleih: http://www.meinherztanzt-derfilm.de/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...