filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

8 Namen für die Liebe

(Spanien 2014; Regie: Emilio Martínez Lázaro)

Willkommen bei den Sch′Paniern

foto: © alamode
Eine Flamenco-Bar in Sevilla. Für die junge Baskin Amaia ist dieser Ort eigentlich ein No Go. Auch ihr gepunktetes Flamenco-Kleid passt nicht. Üblicherweise kleidet sich die Nordspanierin eher dezent. Doch Amaia ist kurz vor der Hochzeit der Bräutigam davongelaufen. Um ihren Frust runterzuspülen, betrinkt sie sich mit Freundinnen im fernen Andalusien. Das war offenbar keine gute Idee, denn der eitle Kellner Rafa, der sich wie alle Andalusier als Geschenk für Frauen begreift, versucht sie auf eine ölige Art anzugraben und erhält eine patzige Abfuhr. Als er sich mit bitterbösen Baskenwitzen rächt, kommt es zu einem wüsten Schlagabtausch. Trotz ihrer kulturellen Differenzen landen die beiden im Bett - doch es passiert nichts. Am nächsten Morgen ist die kleine Brünette spurlos verschwunden, und der verliebte Rafa fasst sich ein Herz. Auf der Suche nach Amaia verlässt der Südspanier zum ersten Mal sein geliebtes Andalusien und begibt sich ins Baskenland. Für Südspanier ist das ungefähr so, als würde ein Hobbit aus dem grünen Auenland direkt nach Mordor reisen. Tatsächlich hängen hier gemäß seinen schlimmsten Befürchtungen die Wolken tief, und Blitze zucken vom Himmel herab.

Willkommen bei den Sch′Paniern. Mit mehr als 10 Millionen Zuschauern avancierte die kurzweilige Culture-Clash-Komödie zum erfolgreichsten Film der iberischen Halbinsel. Das Muster kommt einem bekannt vor. Wie in Dany Boons "Willkommen bei den Sch′tis" erzählt auch Emilio Martinez Lázaro von lieb gewonnenen innerkultureller Differenzen, die mit viel Witz und Liebe zum Detail entfaltet werden.

Rafa, gespielt von dem bislang eher in Spanien bekannten Dani Rovira, befindet sich plötzlich in einer fremden und seltsamen Welt. Die Menschen an der spanisch-französischen Grenze sprechen eine ganz andere Sprache. Außerdem umarmen sie sich nicht, sondern hauen sich derb auf die Schultern. Und sie tischen ungenießbare Lebensmittel auf, bei denen sich Rafa der Magen umdreht. Zu allem Überfluss will Amaia, gespielt von Clara Lago, nichts mehr von dem südspanischen Charmeur wissen, der aufgeblasen wie ein Torero in ihre Küche hineinstolziert. Hat Rafa seine Reise umsonst gemacht?

Die Verwicklungen einer Komödie sind bekanntlich nur schwer nacherzählbar. Bei "8 Namen für die Liebe" ist das nicht anders. Amaia würde den aufgeblasenen Südspanier am liebsten in lauwarmem Olivenöl ersäufen, doch dieser hat inzwischen mit ihrem Handy, das sie bei ihm liegen gelassen hat, ihren Vater Koldo (Karra Elejalde) angerufen. Prompt erscheint der raubeinige alte Herr, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, auf der Bildfläche. Um ihm vorzugaukeln, dass ihre Hochzeit wie geplant über die Bühne geht, muss der unwillkommene Andalusier, der längst wieder im Bus nach Hause saß, für einige Tage in die Rolle ihres verschwundenen Verlobten schlüpfen. Hilfe erhält er von einer Exil-Andalusierin, die sich spontan als seine Mutter ausgibt.

Das Muster ist, wie gesagt, nur allzu bekannt. Reduziert auf den bloßen Plot, erscheint der Film vorhersehbar und durchsichtig. Doch hier macht der Ton die Musik. Bei den zahlreichen "Prüfungen", die Rafa in den Augen seines Schwiegervaters in spe überstehen muss, gelingen herrlich absurde Szenen. Von einschlägigen Begrüßungsritualen bis hin zu verpönten Handy-Klingeltönen werden im Stakkatorhythmus regionalspezifische Klischees beschworen und in treffsichere Pointen umgemünzt. Zwischendurch avanciert der gefakete Baske sogar zum Chef einer lokalen Widerstandsgruppe, der Demonstranten mit dem Megaphon einheizt. Der Film traut sich einiges, denn die traditionelle Feindschaft zwischen Basken und Restspaniern bezieht sich nicht nur auf die Zugehörigkeit zu Fußballclubs und belanglosen folkloristischen Animositäten. Hier tobt ein historisch verwurzelter Unabhängigkeitskampf. Die baskische Untergrundorganisation Eta sagte sich erst 2011, also nach einigen Hundert Morden seit 1959, vom Terror los. Der politische Hintergrund verleiht dieser Romantic Comedy ihre besondere Würze. Ob die baskischen Zuschauer über sich selbst auch herzlich lachen konnten? Für den nicht-spanischen Zuschauer ist allerdings, selbst in der Originalversion mit Untertiteln, nicht jede Anspielung verständlich. Das kann man verschmerzen, denn die gut aufgelegten Darsteller verbreiten in diesem emotionalen Stierkampf durchweg gute Laune.

Manfred Riepe

Benotung des Films: (6/10)


8 Namen für die Liebe
OT: Ocho apellidos vascos
Spanien 2014 - 98 min.
Regie: Emilio Martínez Lázaro - Drehbuch: Borja Cobeaga, Diego San José - Produktion: Álvaro Augustín, Ghislain Barrois, Gonzalo Salazar-Simpson - Kamera: Gonzalo F. Berridi - Schnitt: Ángel Hernández Zoido - Musik: Fernando Velázquez - Verleih: Alamode - Besetzung: Clara Lago, Dani Rovira, Carmen Machi, Karra Elejalde, Alberto López, Alfonso Sánchez, Aitor Mazo, Abel Mora, Aitziber Garmendia, Miriam Cabeza, Iñaki Beraetxe, Egoitz Las
Kinostart (D): 11.06.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2955316/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...