filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Love Hotel

(Großbritannien / Frankreich / Japan 2014; Regie: Philip Cox, Hikaru Toda)

Ein locus amoenus im Neonlicht

foto: © déjà-vu film ug
"Sie sehen so glücklich aus", bemerkt Herr Sakamoto nachdenklich. Zusammen mit seiner Frau hat er sich in eines der über 37.000 Love Hotels in Japan eingebucht, jetzt sitzt das Ehepaar in Unterwäsche auf einem großen Doppelbett und schaut sich einen alten Porno an, den ein ratternder Projektor an die Zimmerwand wirft. Die Sakamotos - er arbeitslos, sie Krankenschwester - sind Stammkunden im "Angelo Love Hotel" in Osaka und gehören damit zu den mehr als zwei Millionen Japaner_innen, die Schätzungen nach täglich ein Stundenhotel besuchen.

In einem Land, in dem öffentliche Zuneigung verpönt ist und beengte Wohnverhältnisse Intimitäten zusätzlich erschweren, gehören solche Etablissements vielerorts wie selbstverständlich zum Stadtbild und gelten nicht unbedingt als anrüchig. Erwachsene aus allen Schichten und allen Altersgruppen kommen hierher, um dem Alltag für einige Stunden zu entfliehen und ihre sexuellen Bedürfnisse ungestört zu befriedigen.

Der britische Filmemacher Phil Cox und sein Ko-Regisseur Hikaru Toda gewähren mit ihrem Dokumentarfilm nun seltene Einblicke in ein Love Hotel und stellen neben einer Reihe von Gästen ebenso die Mitarbeiter_innen des kleinen Betriebs vor. Trotz einer erstaunlichen, auch körperlichen Nähe zu den Protagonist_innen sowie einiger expliziter Szenen ist der Blick dabei nie ein voyeuristischer. Fernab von triebhafter Geilheit sind die Filmemacher einem anderen Glück auf der Spur: Begleitet von einem schwärmerischen Soundtrack aus Pop-Chansons und der croonenden Stimme Dean Martins zeigt "Love Hotel" vor allem Momente der Zärtlichkeit, Fürsorge und Nachdenklichkeit in einer von Anpassungszwang und Erfolgsdruck geprägten Welt.

Die Domina Rika erkundigt sich da etwa nach dem Fesselspiel besorgt bei ihrem Klienten, ob der denn auch gut nach Hause komme, und gibt dem unsicheren Geschäftsmann ein paar aufmunternde Lebensweisheiten à la "Niemand ist normal" mit auf den Weg. Und der Rentner Herr Yamada, dessen Frau nicht mehr mit ihm schlafen möchte und der schon gar nicht mehr weiß, ob er überhaupt noch eine Erektion bekommen kann, sinniert beim einsamen Anschauen einer Porno-DVD über seine Vergangenheit; besonders, dass er die Frauen nicht gut behandelt hat, bereut der 71-jährige heute.

Dass hinter den Kulissen der als Boxring, U-Bahn-Abteil, Dschungel oder Pharaonengrab gestalteten Mottozimmer des Love Hotels alles mit rechten Dingen zugeht, dafür sorgt der Geschäftsführer Ozawa mit seinem Team. Zwischen Rohrpostsystem, Telefonanlage und Videomonitoren bemüht sich das Personal nach allen Kräften, um den Gästen einen möglichst komfortablen und sicheren Aufenthalt im erotischen Refugium zu ermöglichen.

Doch nicht nur die Wünsche der Kund_innen bringen die Angestellten des "Angelo Love Hotel" in Bedrängnis, aus dem Radio dringen immer wieder beunruhigende Nachrichten an Ozawas Ohr: In einigen Nachbarschaften ist es zu Protesten von Anwohner_innen gegen Love Hotels gekommen und auch die Regierung unter Shinzo Abe setzt den Etablissements mit einer restriktiven Gesetzgebung zu, um von der rezessionsgezeichneten Wirtschaftslage Japans abzulenken.

Die ökonomische scheint sich so mit einer erotischen Krise zu verschränken, vor dem Hintergrund einer konservativer werdenden Gesellschaft werden die Love Hotels zu Orten eines (Auf-)Begehrens gegen erdrückende Normen und einen rigorosen Konformismus. Die junge Frau, die sich nicht in die für sie vorgesehene Rolle als Hausfrau und Mutter zwängen lassen will, findet im "Angelo Love Hotel" ebenso einen Freiraum und Unterschlupf wie die beiden schwulen Rechtsanwälte, denen ein Doppelzimmer in anderen Hotels verwehrt wird.

Bisweilen mit sentimentaler Verklärung schauen Cox und Toda mit ihrem Dokumentarfilm auf ein bedrohtes, aber längst nicht verschwundenes Milieu. Was für ein Verlust das Ende der Love Hotels  bedeuten würde und welch ein locus amoenus sich hier zwischen Bezahlautomaten und Roboterstimmen verbirgt, zeigen die Geschichten der Protagonist_innen dafür umso deutlicher.
Darunter ist auch die von Masa und Rumi, zwei alten Menschen, die sich im "Angelo Love Hotel" treffen und im nervös flackernden Neonlicht des Diskozimmers einen kleinen Walzer zu tanzen. Sie sehen glücklich aus.

Carsten Moll

Benotung des Films: (8/10)


Love Hotel
Großbritannien / Frankreich / Japan 2014 - 75 min.
Regie: Philip Cox, Hikaru Toda - Produktion: Giovanna Stopponi, Sophie Parrault - Kamera: Philip Cox, Hikaru Toda - Schnitt: Esteban Uyarra - Musik: Florencia Di Concilio - Verleih: déjà-vu film UG -
Kinostart (D): 11.06.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3526160/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FRK, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...