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A Most Violent Year

(USA 2014; Regie: J.C. Chandor)

Über den Prozess der Zivilisation

foto: © squareone/universum
New York 1981. Die Stadt versinkt in Gewalt und Korruption. Man sieht davon nichts oder zumindest nicht viel, aber aus dem Radio dringen andauernd irgendwelche Meldungen über Gewalttaten. Statistisch gilt 1981 als das "most violent year" der Stadtgeschichte. In dieser in mehrfacher Hinsicht winterlichen Atmosphäre leiht sich der mittelständige Unternehmer Abel Morales von orthodoxen Juden eine große Summe Geld, um damit eine Brache am East River zu kaufen, die es ihm erlauben würde, seine Ware direkt in Empfang zu nehmen und zu distribuieren.

Morales macht in Heizöl, das Grundstück würde sein Geschäft in eine neue Dimension befördern, aber die Bedingungen der Kreditgeber sind alles andere als ein Spaß. Morales steht unter Druck, aber dieses Gefühl braucht er als Ansporn. Doch die Situation ist schwierig; die Konkurrenz schläft nicht. Immer wieder werden Laster voller Heizöl auf offener Straße gekapert und später entladen irgendwo abgestellt. Die Polizei scheint machtlos, weshalb die LKW-Fahrer-Gewerkschaft über eine Bewaffnung der Fahrer nachdenkt.

Es geht hier immer wieder um die Präsenz von Waffen, die zwar selten zum Einsatz kommen, aber gerne gezeigt oder einmal auch »hinterlegt« werden. Die Crux des Ganzen: Abel Morales hat es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Aufstieg im Rahmen der Legalität zu vollziehen. Er arbeitet »sauber«, lässt sich nicht provozieren und begegnet seinen Konkurrenten als ein Freund offener Worte. Was er dabei (vielleicht) verdrängt: er hat das Geschäft seinem Schwiegervater abgekauft, einem in Brooklyn stadtbekannten Gangster. Und dessen Tochter Anna führt Abel jetzt die Bücher, weshalb es interessant zu werden verspricht, als ein afroamerikanischer Staatsanwalt Ermittlungen aufnimmt, die schließlich zur Anklageerhebung in mehreren Fällen führen werden. Was wiederum die Banken dazu veranlasst, bereits gegebene Kreditzusagen rückgängig zu machen. Keine einfache Situation für einen Mann, der im Alleingang die Geschäftsbedingungen innerhalb einer durch und durch korrupten Branche zu ändern versucht.

Die Zeichen der Zeit stehen jedenfalls auf Neoliberalismus, damals noch verstanden als Modernisierung und Aufbrechen verkrusteter Strukturen. So ist dieser Balanceakt denn auch nur mit größter Besonnenheit zu vollführen, aber gerade diese fast schon bockige Besonnenheit zeichnet Abel Morales aus. Einmal warnt Anna den Staatsanwalt, er möge Abels Ehrlichkeit bloß nicht mit Schwäche verwechseln, aber mehr als einmal lässt sie auch unmissverständlich durchblicken, dass sie Abels Rigorismus für Schwäche hält. Zumal die Ereignisse sie zu bestätigen scheinen.

Erstmals hat der Filmemacher J. C. Chandor ("Margin Call", "All Is Lost") jetzt eine widersprüchliche Paarbeziehung zu beschreiben versucht - und das Ergebnis ist nicht weit von Shakespeare entfernt: mit Jessica Chastain als Lady Macbeth. Zugleich sieht "A Most Violent Year" selbst so aus, als stamme er direkt aus der Zeit, in der er spielt. Die Ausstattung ist perfekt, aber die Figuren selbst  scheinen sich in Modefragen von Filmen wie "Der Pate" haben inspirieren lassen. Mehr als einmal fühlt man sich an die Milieustudien des "New Hollywood" von Coppola, Friedkin und insbesondere Lumet erinnert.

Passend dazu gewählt ist das »dreckige« Gewerbe der Heizöl-Auslieferung, wo noch mit der Hand gearbeitet wird und Firmen-Vertreter von Tür zu Tür gehen, um der Konkurrenz Kunden abzuwerben. Die richtig großen Geschäften werden drüben am anderen Ufer, in Manhattan, abgewickelt: das Hafengrundstück, um das hier alles geht, erlaubt mehr als einmal einen freien Blick auf die bekannte Skyline. Der amerikanische Traum, den Abel Morales träumt, ist demjenigen von Tony Montana in "Scarface" durchaus vergleichbar, auch deshalb kommt einem Jessica Chastain als Michelle Pfeiffer irgendwie bekannt vor. Ein Film, der die Krise von den Rändern in den Blick nimmt - und dafür seinerseits das Risiko eingeht, als kleiner, unspektakulärer Film wahrgenommen zu werden. Was auch durchaus nicht falsch ist.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (6/10)


A Most Violent Year
USA 2014 - 125 min.
Regie: J.C. Chandor - Drehbuch: J.C. Chandor - Produktion: Glen Basner, Joshua Blum, Neal Dodson, Anna Gerb, Jonathan King, Kerry Orent, Jeff Skoll - Kamera: Bradford Young - Schnitt: Ron Patane - Musik: Alex Ebert - Verleih: SquareOne/Universum - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Alessandro Nivola, Albert Brooks, Elyes Gabel, Catalina Sandino Moreno, Peter Gerety, Christopher Abbott, Ashley Williams, John Procaccino, Glenn Fleshler, Jerry Adler, Annie Funke, Matthew Maher
Kinostart (D): 19.03.2015
DVD-Start (D): 07.08.2015
Blu-ray-Start (D): 07.08.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2937898/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2.40:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch, Englisch für Fortgeschrittene - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Universum

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