filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Als wir träumten

(Deutschland 2015; Regie: Andreas Dresen)

Ekstasen der Jugend

foto: © rommel film / pandora filmverleih
"Jeden Tag tanzen die Erinnerungen", sagt der Ich-Erzähler aus dem Off des Films. Die Worte und Geschichten stammen aus Clemens Meyers Roman "Als wir träumten", den Andreas Dresen zusammen mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase fürs Kino adaptiert hat. In einem solchen, heruntergekommenen Lichtspielhaus beginnt auch der gleichnamige Film. Zwischen der aufblitzenden Flamme eines Feuerzeugs und dem Lichtkegel eines Projektors, zwischen Traum und Erinnerung entfaltet sich das Zeitkolorit der sogenannten "Nachwendegesellschaft" im Leipzig der späten achtziger Jahre und mit ihm das Lebensgefühl einer Clique von Jugendlichen. Dem (Kino-)Traum und der Phantasmagorie verwandt, ähnelt der Film mit seinen ekstatischen Bildern und anarchisch-entgrenzenden Aktionen infolgedessen mehr einer Rauscherfahrung oder einem Drogentrip denn einem Sozialdrama.

Eher untypisch für seine Filme blendet Andreas Dresen in "Als wir träumten" soziale Hintergründe und eine differenzierte Charakterzeichnung weitgehend aus; auch folgt sein Film keiner linearen Erzähllogik oder durchgehenden Geschichte. Sein episodisches, in einzelne Kapitel gegliedertes Erzählen im Plural ähnelt in seiner zirkulären Struktur eher einem Kreisen, das überdies zwischen den Zeiten und Medien hin und her springt, um sowohl Kontinuitäten als auch Brüche zu imaginieren. Im Rausch energiegeladener Bewegung oder auch im Takt harter, pulsierender Techno-Beats und zuckender Stroboskopblitze dehnt sich die Zeit und zerplatzen schließlich die Träume.

In diesem Sinne leben die etwa 17-jährigen Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul einen wüsten anarchischen Traum fast ohne Gestern und mit wenig Sorgen um ein Morgen. Mit Wut im Bauch, dem "Gewitter im Kopf" und unbestimmter Sehnsucht, dabei immer leidenschaftlich, übermütig und unerschrocken, klauen sie Autos, unternehmen im Suff Spritztouren, zerstören fremdes Eigentum und führen heftige Kämpfe mit rivalisierenden Skinheads. Sie werden straffällig und landen im Arrest; und sind doch auch irgendwie nett, wenn sie einer alten Dame die Briketts aus dem Keller hochschleppen oder eine Frau vor ihrem prügelnden Ehemann schützen. In diesen Szenen entstehen Bilder einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die an anderer Stelle fehlen oder ausgespart bleiben; etwa wenn es um Schule, Elternhäuser oder auch das betreiben der Underground-Diskothek "Eastside" geht. Einerseits filmisch ausschweifend, atmosphärisch dicht und mit viel Drive, surft Dresens neues Werk andererseits nur auf der Oberfläche der Dinge: Ein Kino der Attraktionen ohne inhaltliche Vertiefung. Gerade - aber nicht nur - hinsichtlich des exzessiven Gewaltaspekts und Formen der (Selbst-)Destruktivität wäre es interessant, "Als wir träumten" mit Burhan Qurbanis kürzlich veröffentlichten Film "Wir sind jung. Wir sind stark." zu vergleichen.

Trotzdem legt Andreas Dresen auch diverse motivische Spuren aus. Gleich zu Beginn und noch vor der politischen Wende, als die Freunde im zarten Alter von 13 Jahren als "Schwerverletzte" an einer Katastrophenschutzübung ihrer Schule teilnehmen, tritt ein Oberst der Nationalen Volksarmee auf, der davon spricht, wie wichtig es sei, sich "ins Kollektiv einzufügen", um "ein guter Soldat" zu werden. Genau diesem stromlinienförmigen Geist und Gleichschritt scheinen sich die Freunde vier Jahre später in ihrem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit mehr oder weniger unkontrolliert zu widersetzen, während sie von der Liebe träumen, in die Sucht abgleiten, sich verlieren und verraten. Darüber hinaus und vor allem handelt Dresens Film aber von Freundschaften, ihren verwegenen Hoffnungen und unscharfen Utopien, die unter dem inneren und äußeren Druck schließlich zerbrechen oder im Drogenrausch untergehen und verlöschen.

Hier finden Sie außerdem ein Interview mit Regisseur Andreas Dresen.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)


Als wir träumten
Deutschland 2015 - 117 min.
Regie: Andreas Dresen - Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, Clemens Meyer - Produktion: Olivier Père - Kamera: Michael Hammon - Schnitt: Jörg Hauschild - Verleih: Rommel Film / Pandora Filmverleih - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Pit Bukowski, Joel Basman, Ruby O. Fee, Merlin Rose, Gerdy Zint, Dorothea Walda, Peter Schneider, Henning Peker, Marie Luise Stahl, Ramona Kunze-Libnow, Julius Nitschkoff, David Berton, Ronald Kukulies, Joachim Nimtz, Clemens Meyer
Kinostart (D): 26.02.2015
DVD-Start (D): 18.09.2015
Blu-ray-Start (D): 18.09.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3306858/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2.35:1 - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch, Englisch - FSK: ab 12 Jahren

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn

Swiss Army Man

(USA 2016; Daniel Kwan, Daniel Scheinert )
Furzender Zivilisationsmüll von Ricardo Brunn

kurzkritiken

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?