filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Von Menschen und Pferden

(Island / Deutschland 2013; Regie: Benedikt Erlingsson)

Zaumzeug und Liebesdinge

foto: © nfp / filmwelt
Verkrachte Existenzen retten, Rennen und Preisgelder gewinnen oder menschliche Stars im Galopp durch die Landschaft tragen, so sieht ein Pferdealltag im Kino meist aus. Dass es auch anders geht, zeigte erst im Dezember Monika Treut mit ihrer Coming-of-Age-Story "Von Mädchen und Pferden" (2014), in der die vierbeinigen Darsteller erstaunlich viel Eigensinn beweisen durften und damit weit mehr waren als bloß eine Metapher menschlicher Bedürfnisse. Ganz ähnlich verhält es sich nun auch mit (Achtung, Verwechslungsgefahr!) "Von Menschen und Pferden", einer isländisch-deutschen Koproduktion, die auf diversen Filmfestivals bereits für Aufmerksamkeit gesorgt hat und die zudem vergeblich als isländischer Kandidat für die anstehenden Academy Awards vorgeschlagen wurde.

Von typischer Oscar-Kost ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs und Drehbuchautors Benedikt Erlingsson dann zugegebenermaßen auch ziemlich weit entfernt, tapfere Pferdehelden wie das Rennpferd Seabiscuit aus dem gleichnamigen Gary-Ross-Streifen von 2003 oder das Halbblut Joey aus Spielbergs "Gefährten" (2011) sucht man hier vergeblich. Stattdessen widmet sich Erlingssons Film in lose verknüpften Episoden dem Schicksal einer Reihe von meist namenlosen sowie recht stoischen Islandponys, die in einem abgelegenen Idyll aus verschneiten Berghängen, klaren Seen und endlosen Mooslandschaften leben.

Gleich die ersten Einstellungen tasten behutsam aus der Nähe einen Pferdekörper ab, Muskeln, Fell und ein großes schwarzes Pferdeauge beherrschen die Leinwand. Erst danach tritt ein menschlicher Protagonist auf, bezeichnenderweise als Reflexion in der dunklen Pferdepupille: Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson) heißt der Mann, der sich auf geradezu anachronistische Weise herausgeputzt hat, und nun seine weiße Stute sattelt, um der alleinstehenden Solveig (Charlotte Bøving) seine Aufwartung zu machen. Und obwohl die Häuser in dem beschaulichen Tal weit auseinander liegen, ist sich Kolbeinn doch bewusst, dass ihn die Dorfgemeinschaft genau beobachtet, als er über Feldwege zu seiner Solveig töltet - in der Ferne spiegeln die Ferngläser der Zuschauenden das verräterische Sonnenlicht.

Nach einem Kaffeekränzchen mit der Angebeteten, das in seiner adretten Spießigkeit die Dressur des albern trippelnden Pferdegangs fortzusetzen scheint, kommt es dann zur Katastrophe - der obszön baumelnde Pferdepimmel von Solveigs schwarzem Hengst kündigt das Unheil an: Vor lauter Geilheit bricht das Tier aus seinem Gehege aus und besteigt Kolbeinns Stute, als diese ihren Reiter nach Hause tragen soll. Kolbeinn bleibt nichts außer auf dem Rücken seines Pferds auszuharren, bis das demütigende Spektakel vorüber ist, das sich unter den aufmerksamen Augen des gesamten Dorfes abspielt.

Während dieser skurrile Einstieg noch nahelegt, dass die Tiere in Erlinssons Film in erster Linie als symbolischer Spiegel unterdrückter menschlicher Triebe dienen, so wird diese Lesart von den folgenden Episoden unterwandert. Die Beziehungen zwischen Pferden und Menschen erweisen sich als uneindeutiger und komplexer, die einen sind immer mehr als bloß eine zeichenhafte Wiederkehr der anderen. Ebenso ambivalent gibt sich der brillant bebilderte Film in Hinsicht auf Genre und Tonart: Ein wenig zaghafter Gruselfilm, der ebenso von sozialen wie körperlichen Schrecken berichtet, scheint sich hier mit einer lakonisch distanzierten Komödie zu einem Möbiusband zu verflechten, bei dem Horror und Humor nicht mehr zu unterscheiden sind.

Als Kontext für die zwischen anderen Episoden immer wieder auftauchende Geschichte um Kolbeinn und Solveig erweisen sich diese einander durchdringenden Ansätze, das schonungslose Hineingraben bis tief in die Eingeweide sowie das belustigte Zurückweichen im Angesicht des absurden Treibens, letztlich als überaus passend: Zwischen Zaumzeug und Stacheldraht erzählt der bisweilen abschweifende "Von Menschen und Pferden" nämlich vor allem und auch ganz treffend von Liebesdingen.

Carsten Moll

Benotung des Films: (8/10)


Von Menschen und Pferden
OT: Hross í oss
Island / Deutschland 2013 - 81 min.
Regie: Benedikt Erlingsson - Drehbuch: Benedikt Erlingsson - Produktion: Friðrik Þór Friðriksson - Kamera: Bergsteinn Björgúlfsson - Schnitt: David Alexander Corno - Musik: David Thor Jonsson - Verleih: NFP / Filmwelt - Besetzung: Ingvar Eggert Sigurðsson, Charlotte Bøving, Steinn Ármann Magnússon, Helgi Björnsson, Kristbjörg Kjeld, Sigríður María Egilsdóttir, Kjartan Ragnarsson, Atli Rafn Sigurðsson, Halldóra Geirharðsdóttir, Erlingur Gíslason, Maria Ellingsen
Kinostart (D): 19.02.2015
DVD-Start (D): 25.06.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3074732/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?