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Magic in the Moonlight

(USA 2014; Regie: Woody Allen)

Mentale Schwingungen

foto: © warner bros.
"Nichts ist echt, alles ist vorgetäuscht", sagt Stanley Crawford (Colin Firth) alias Wei Ling Soo. In seinen handwerklich ausgefeilten Zaubershows lässt der als chinesischer Magier verkleidete Perfektionist Elefanten verschwinden, zerteilt er in klassischer Manier Frauen oder aber er "beamt" sich selbst von einem Ort an einen anderen. Jenseits dieser künstlich erzeugten Illusionen existiert für den zynischen Rationalisten allerdings nur die graue Wirklichkeit, bevölkert von fiesen Menschen mit schlechten Eigenschaften. Alle Metaphysik ist für den aufgeklärten Skeptiker, der mit spöttischer Überheblichkeit seiner Umwelt begegnet, reinster Hokuspokus. Alles, was es gibt, so sein "wissenschaftliches" Credo, lasse sich erklären oder aber folge einem blinden Zufall. Ziemlich unverfroren und direkt entlarvt der eingebildete Misanthrop die Schwächen und den falschen Schein seiner Mitmenschen und bezeichnet sich gerade deshalb als "unglücklichen Mann".

Es liegt nahe, in dieser äußerst schlagfertigen, nihilistischen Künstler-Figur auch persönliche Züge ihres Erfinders Woody Allen zu erblicken, der sich mit einem leicht philosophisch gefärbten Unterton und einem Hauch von Weltschmerz im magischen Beziehungsdreieck von Existenz, Kunst und Liebe bewegt. Weil wir uns aber als Zuschauer trotz dieser schweren Thematik in einer sehr leicht und beschwingt vorgetragenen romantischen Komödie befinden, die im Jahre 1928 auf einem in mildes, freundliches Licht getauchten Anwesen an der Côte d′Azur spielt, wird das Ernste luftig und das Vergnügliche groß. Geschmackvoll, elegant und zauberhaft lauten die Eigenschaften, in denen dieser Ort erstrahlt. Doch Altmeister Allen, der vor allem in seinen jüngsten Filmen stets ein hohes Erzähltempo anschlägt und dieses ebenso routiniert wie ökonomisch verwaltet, inszeniert diesen nur als Ausstattungshintergrund, vor dem sich in langen, organischen Plansequenzen die Kamera von Darius Khondji bewegt; oder als Kulisse für altmodische Rückprojektionen.

Das eigentliche Movens dieses geistreich unterhaltenden, hervorragend besetzten Films sind hingegen die brillanten, pointiert geschriebenen Rededuelle, die Woody Allen abfeuert, sobald sein rationalistischer Zauberer im südfranzösischen Domizil eintrifft, wo er eine "falsche Spiritistin" enttarnen soll. Die junge Amerikanerin, von ihrer Mutter begleitet, heißt Sophie Baker (Emma Stone), ist schön, charmant und gewitzt; vor allem aber besitzt sie übersinnliche Fähigkeiten, empfängt "mentale Schwingungen" und nimmt in spiritistischen Séancen Kontakt zu Verstorbenen auf. Bald befinden sich der arrogante Engländer und das reizende Medium in einem welt- und lebensanschaulichen Clinch, dessen permanentes Hin und Her sich bald zu einem betrügerischen, von Neid und Rache getriebenen Spiel um Sein und Schein ausweitet. Die kalte Logik des Zynikers und das Glück verheißende Lächeln der Fee prallen also heftig und in retardierendem dramatischen Anstieg aufeinander, um die Liebe, um die es zwischen den beiden eigentlich geht, als "irrational" zu "enttarnen"; und um uns zu sagen, dass die Magie des Lebens von (künstlerischen) Illusionen zehrt.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Magic in the Moonlight
USA 2014 - 98 min.
Regie: Woody Allen - Drehbuch: Woody Allen - Produktion: Letty Aronson, Raphaël Benoliel, Ron Chez, Helen Robin, Stephen Tenenbaum, Edward Walson, Jack Rollins - Kamera: Darius Khondji - Schnitt: Alisa Lepselter - Verleih: Warner Bros. - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Emma Stone, Colin Firth, Marcia Gay Harden, Hamish Linklater, Jacki Weaver, Erica Leerhsen, Eileen Atkins, Simon McBurney, Antonia Clarke, Ute Lemper, Jeremy Shamos, Kenneth Edelson, Jessica Forde, Natasha Andrews, Valérie Beaulieu, Peter Wollasch, Jürgen Zwingel, Wolfgang Pissors, Sébastien Siroux, Catherine McCormack
Kinostart (D): 04.12.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2870756/

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