filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

David Bowie Is

(Großbritannien 2013; Regie: Hamish Hamilton, Katy Mullan)

Ein Gruß aus der Küche

foto: © omniverse vision
Man sollte David Bowie nicht vorschnell abschreiben! Selbst einer seiner schwächeren Songs aus den achtziger Jahren wie "Modern Love" entfaltet noch hinreißende Wirkung, wenn er - wie in "Frances Ha" - zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Film eingesetzt wird. Während die sehr erfolgreiche Multi-Media-Show "David Bowie Is" nach den Stationen London und Berlin mittlerweile in Chicago gastiert, kann man jetzt im Kino noch einmal die Einladung zu einer kommentierten Führung durch die reich ausgestatteten Ausstellungsräume des Londoner Victoria and Albert Museums annehmen. Es lohnt sich, denn bekanntlich hatten die Kuratoren Zugriff auf Bowies private Archive und deren Reichtum macht auch deutlich, dass Bowie bei seiner vielschichtigen Inszenierung als Pop-Star und Identitäten-Sammler nichts dem Zufall überließ, weshalb die Erzählung hier mit schwarz-weißen Filmdokumenten des Babys David Robert Jones beginnt.

"David Bowie Is" - schon der Titel der Ausstellung offenbart, das es hier weniger darum geht, sich einen analytischen Reim auf das künstlerische Chamäleon David Bowie zu machen, sondern vielmehr die wechselnden Identitäten dieser sehr speziellen Karriere staunend zu begleiten und zu würdigen. Im Film ist das nicht anders: Geht es um frühe musikalische Einflüsse, bekommt man einen Kurzauftritt von Little Richard gezeigt. Die musikalischen Gehversuche vor "Space Oddity", die auch schon von einigem Eigensinn zwischen Popsong und Vaudeville geprägt sind, tauchen nur am Rande auf, verkürzt auf ein paar Fotos und Plattencover. Anschließend schöpfen Ausstellung wie Film dann aus dem Vollen, denn von jetzt an sind die Inszenierungen von David Bowie als "Major Tom", "Starman", Ziggy Stardust, Aladdin Sane oder "The Thin White Duke" bestens dokumentiert. Die Ausstellungsmacher erzählen von ihrer Konzeption bestimmter Räume und eingeladene Gäste wie der Mode-Designer Kansai Yamamoto oder der Ex-Pulp-Frontmann Jarvis Cocker halten kurze Referate und kolportieren Anekdoten, die aber dem, was man längst über David Bowie wissen kann, wenig hinzufügen.

Punkt für Punkt werden die Karriereschritte illustriert und abgehakt: die wichtigen frühen Jahre, als Bowies androgynes Erscheinungsbild bei einer ganzen Generation von Fans existentielle Fragen mit ganz neuen Antworten konfrontierte und wahrscheinlich sehr viele Biografien nachhaltig beeinflusste, die "Berliner Jahre" mit ihren musikalischen Experimenten, deren Resultat - die Album-Trilogie "Low", "Heroes" und - verspätet -"Lodger" - mancher für den popmusikalischen Höhepunkt der 1970er Jahre hält. Was Bowie zwischen 1969 und 1978 anstellte, revolutionierte die Pop-Musik nachhaltig und machte sie tendenziell zu einer Form von Konzeptkunst. Bowie bewies ein Jahrzehnt lang untrügliches Gespür für den nächsten Karriereschritt, entwarf und kontrollierte mit großem Aufwand die gewählte Persona und dürfte tatsächlich der einflussreichste Künstler der 70er Jahre gewesen sein, zumal er als multimedial arbeitender Künstler auch in Kinofilmen wie "Der Mann, der vom Himmel fiel", "Begierde" oder "Labyrinth" in Erscheinung trat.

Als Leitmotiv jener Jahre zitieren Ausstellung wie Film den Künstler selbst: "All art is unstable. It′s meaning is not necessarily that implied by the author. There is no authoritative voice. There are only multiple readings." Für Literaturwissenschaftler eine Binse, in der Popmusik wohl die Revolution. Der Film schreitet die Räume der Ausstellung ab, fängt das Staunen der Besucher über Bowies kindliche Handschrift ein, staunt über die von Bowie mitkonzipierten Bühnenoutfits, präsentiert den kreativen Texter, der die Sprache selbst zum Arbeiten bringt, dokumentiert Foto-Sessions, zeigt Bühnenmodelle, Musikinstrumente, Platten-Cover und erinnert an die Quellen, aus denen Bowie schöpfte: die Expressionisten, die Pantomime, Warhol, Kubricks "2001" und "A Clockwork Orange".

Ab Mitte der 80er Jahre verlor Bowie den Faden, veröffentlichte Halbgares und zog sich nach einem Herzinfarkt für Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. 2013 überraschte er dann mit einem medienwirksam inszenierten Comeback-Album und dem selbstironischen und leicht nostalgischen Videoclip "The Stars Are Out Tonight" - und denkt man die internationale "Blockbuster Exhibition" "David Bowie Is" und diesen Kino-Führer hinzu, dann ist Bowie, ein älterer Herr mittlerweile, gerade wieder sehr "da". Multimedial und auf der Höhe der Zeit. Wiewohl er dafür nicht einmal persönlich in Erscheinung treten muss. Wer die Ausstellung in London oder Berlin gesehen hat, kann sie jetzt noch einmal im Kinosaal vergegenwärtigen. Wer erst jetzt auf den Geschmack kommt, sollte demnächst Reisen nach Paris oder Groningen ins Auge fassen.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (6/10)


David Bowie Is
OT: David Bowie Is Happening Now
Großbritannien 2013 - 99 min.
Regie: Hamish Hamilton, Katy Mullan - Produktion: Carla Holdforth, Dee Koppang - Verleih: Omniverse Vision - Besetzung: Vicky Broackes, Geoffrey Marsh
Kinostart (D): 18.11.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3670264/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 1

Erbsenzähler34 (zur Homepage) aus Berlin (Deutschland) schrieb am 29.11.2014 um 21:19 Uhr :

Herr Kriest, wenn ich auch gegen Ihre 6/10-Kritik keine qualitativen Einwände habe, so finde ich es doch ein wenig bedauerlich, dass Sie »Modern Love« (den Sie im übrigen zu Unrecht als einen der schwächeren Songs aus den Achtziger Jahren einordnen; kann man doch vielleicht sogar sagen, dass er von allen 80er-Jahre-Songs womöglich sogar ncoh heute der beste, weil typischste, prägnanteste und nicht zuletzt auch ein kompositorisch raffinierter ist, und dieser Meinung scheinen meiner Beobachtung nach nicht wenige Musikliebhaber/-kritiker zu sein) wie so viele Filmschauer erst einmal dem ganz sympathischen "Frances Ha" zuschreiben, ist doch die dort gedrehte Szene 1:1 aus Leos Carax' weitaus ambitionierterem Film "Mauvais Sang" (aka "Die Nacht ist jung") nachinszeniert. Was eine nette Idee war, aber leider immer wieder ärgerlich, dass die Idee nun Noah Baumbach zugeschrieben wird. Für mich war "Mauvais Sang" wie überhaupt der kluge Einsatz von Bowie-Songs in Carax' Filmen stets einer, der mich nachhaltig beeindruckt hat.

Nebenbei bemerkt finde ich Ihre schnell dahin geworfene These, dass David Bowie in den Achtzigern den Faden verloren hat (soweit OK), aber ihn dann quasi bis 2013 nicht wiedergefunden habe, äußerst fragwürdig. Ich kenne natürlich Ihren Musikgeschmack nicht, möchte Sie (wie auch andere Vertreter dieser Ansicht) herzlich dazu anregen, eine ganze Reihe hervorragender und künstlerisch einfallsreicher Werke aus diesen Jahr(zehnt)en zu entdecken: "Black Tie, White Noise", "Outside", "Earthling" oder "Heathen", um nur ein paar besonders gelungene zu nennen.[:-}[:-}





Einträge: 1   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 25.05.2017

Song to Song

(US 2017; Terrence Malick)
Häutungen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?