filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

5 Zimmer Küche Sarg

(USA 2014; Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi)

Reality-Soap mit Biss

foto: © weltkino
Der Wecker klingelt um sechs. Eine Hand schiebt sich aus dem Sarg, um ihn enerviert auszuschalten. So stinknormal beginnt der Tag von Viago. Oder besser gesagt: die Nacht. Denn wir befinden uns, so informiert das Presseheft, in einem "faszinierenden Dokumentarfilm", der "erstmals und mit schonungsloser Offenheit den unspektakulären Alltag einer bislang unerforschten Spezies" zeigt. Viago ist also, genau wie seine anfangs drei Mitbewohner in einer alten Villa in Wellington, Vladislav, Deacon und Petyr: ein Vampir (was auch den Sarg erklärt, über den aufmerksame Leser im zweiten Satz dieses Textes sicherlich gestolpert sind). Und "What We Do in the Shadows" - wie "5 Zimmer Küche Sarg" im Original wesentlich eleganter heißt - ist eine Mockumentary, die, angelehnt an gängige Reality-TV-Formate, den Alltag einer Vampir-WG schildert.

Viago, 379 Jahre alt, war in einem früheren Leben ein Dandy, weshalb er etwas pedantisch seine Mitbewohner dazu anhält, bei ihren Mahlen keine allzu große Sauerei zu veranstalten und sich darum kümmert, dass irgendjemand die sich stapelnden Geschirr-Berge abwäscht. Vladislav, im Mittelalter groß geworden, ist in seinen Ansichten eher konservativ. Eitel besteht er darauf, schon mit sechzehn Jahren zum Vampir geworden zu sein, was sich mit seiner doch nicht mehr ganz jugendlichen Erscheinung, sorry, beißt. Jedenfalls unterhält er eine - wenn auch in letzter Zeit seltener genutzte - Folterkammer und vergnügt sich vornehmlich mit gleich mehreren Jungfrauen. Deacon ist mit seinen schlappen 183 Jahren ein jugendlicher Haudrauf, der um keine Albernheit verlegen ist. Schließlich Petyr, mit 8000 Jahren mit Abstand ältester der WG, der sich in seinem Look denn auch an der Steinzeit des Vampirfilms orientiert, nämlich an Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu".

Um Schwung in die Bude - und den Plot - zu bekommen, muss Zuwachs her. Der kommt in Form des jungen Hipsters Nick, der von Petyr zum Vampir gemacht wird. Auch sein bester Freund, der Computer-Experte Stu, ist im Haus bald gerne gesehener Gast. Verklickert er den Vampiren doch den Umgang mit sozialen Netzwerken - und zeigt ihnen YouTube-Videos von Sonnenaufgängen. Leider hat Nick nicht nur seine Schwierigkeiten, sich mit den Gegebenheiten des ewigen Lebens abzufinden, sondern auch die unkluge Eigenschaft, überall mit seinen vampirischen Fähigkeiten zu prahlen ("Kennt ihr diesen Typen aus ,Twilight′? Das bin ich.") Wodurch die Villa bald nächtlichen Besuch von einem Vampirjäger bekommt. Gegen Ende gibt es dann auch noch die große "Unholy Masquerade", einen Maskenball für die verschiedenen untoten Communitys (also Vampire, Zombies et al), wo es Vladislav mit einer ehemaligen Geliebten zu tun bekommt, die nur unter dem vielsagenden Namen "Das Biest" bekannt ist.

Die Idee zu "5 Zimmer Küche Sarg" geht auf einen Kurzfilm zurück, den die Regisseure, Drehbuchautoren und Darsteller Taika Waitti (Viago) und Jemanine Clement (Vladislav) 2005 realisierten. Die Szenen wurden von einem Script vorgegeben und dann improvisiert. Dem Reality-Soap-Format entsprechend, folgt die Handkamera den Figuren oft dicht durch die eher karg eingerichtete Villa und das Nachtleben von Wellington. Manchmal gibt es, wenn man bei den Streifzügen durch die Nacht auf eine Werwolf-Clique trifft, Stunk - dies sind die wenigen Momente, in denen der Film das Komödienfeld zumindest ein Stück weit verlässt, um mehr in Richtung Horrorkino auszuschwenken.    

Neben gängigen Versatzstücken der Blutsauger-Mythologie, etwa fehlenden Spiegelbildern en masse,  zitiert sich der Film exzessiv durch die Vampir-Filmgeschichte: von Murnau über "The Lost Boys" und "Blade" bis zu "Twilight". Neben der Darstellung des allzu Menschlichen des Vampir-Daseins bezieht der Film seinen Humor also aus nerdigen Wiedererkennungswerten. Beides regt in seinem beständigen Over Drive eher zum Schmunzeln an. Die großen Lacher sind selten.

Seine besten - und witzigsten - Momente hat "5 Zimmer Küche Sarg" dort, wo er sich gehen lässt und es eher grob wird. Etwa in der Szene, wenn Viago, der seinen Opfern gerne einen schönen (Lebens-)Abend beschert, beim Biss die Halsschlagader trifft und das Blut nur so spritzt und sprudelt. Oder wenn es um zwei Vampirmädchen geht, deren Hauptnahrungsmittel Pädophile sind. In diesen Momenten wird deutlich, welcher Film "5 Zimmer Küche Sarg" hätte werden können, wenn er es sich öfters erlaubt hätte, das Konzept-Korsett zu verlassen, um sich allerlei Ausschweifungen hinzugeben.

Nicolai Bühnemann

Benotung des Films: (5/10)


5 Zimmer Küche Sarg
OT: What We Do in the Shadows
USA 2014 - 86 min.
Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi - Drehbuch: Jemaine Clement, Taika Waititi - Produktion: Jemaine Clement, Pamela Harvey-White, Emanuel Michael, Taika Waititi, Chelsea Winstanley - Kamera: Richard Bluck, D.J. Stipsen - Schnitt: Tom Eagles, Yana Gorskaya, Jonathan Woodford-Robinson - Musik: Plan 9 - Verleih: Weltkino - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Taika Waititi, Jemaine Clement, Jonathan Brugh, Cori Gonzalez-Macuer, Stuart Rutherford, Jackie van Beek, Rhys Darby, Luke Bonjers, Kura Forrester
Kinostart (D): 30.10.2014
DVD-Start (D): 05.06.2015
Blu-ray-Start (D): 05.06.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3416742/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DD 2.0 Stereo) - Untertitel: Deutsch - Extras: Bonusvideos, Deleted Scenes, Interviews, Promoclips, Easter Egg, Booklet - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Weltkino

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 2

Franziska Tretter (zur Homepage) schrieb am 8.10.2014 um 14:46 Uhr :

Ich finde 5 von 10 Punkten doch etwas wenig für so eine lustige Mockumentary wie WHAT WE DO IN THE SHADOWS. Es ist durchaus möglich, dass viele der Witze in der deutschen Synchro einfach nicht zünden, da häufig Wortspiele (Beispiel: What are we? Werewolfs, not Swearwolfs) vorkommen. Ich hatte die Chance den Film auf der Berlinale im Original zu sehen, der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und wir alle hatten in den eineinhalb Stunden eine gute Zeit. :-D

Nicolai Bühnemann schrieb am 27.11.2014 um 14:31 Uhr :

Ich hab den Film tatsächlich in deutscher Synchro gesehen. Mag sein, dass dadurch einiges an (Wort-)Witz verloren ging. Ob das etwas daran ändert, dass er mir insgesamt etwas zu brav war, sei dahingestellt...





Einträge: 2   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 25.05.2017

Song to Song

(US 2017; Terrence Malick)
Häutungen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?