filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

When Animals Dream

(Dänemark 2014; Regie: Jonas Alexander Arnby)

Das Fremde in mir

foto: © prokino
Sonderlich hübsch ist sie nicht, zumindest nicht nach den gängigen Next-Topmodel-Kriterien, eher spröde und verschlossen dazu, eigentlich ganz passend für den kleinen, verschlafenen, manchmal unwirtlichen dänischen Küstenort, in dem sie mit ihren Eltern lebt, ihrer Mutter im Rollstuhl und ihrem Vater, der irgendwie den Anschluss verloren hat. Und doch ist Marie eine Außenseiterin, wie sie im (Dreh-)Buch steht, uncooler als ihre gehässigen Klassenkameradinnen, ausgeschlossen von den Männerbünden in der Fischfabrik, in der sie neuerdings jobbt. Sie weiß genau, dass es mit diesem Status Quo nicht mehr lange weitergehen kann, sie spürt bereits die Veränderungen, die sich anbahnen, sich gewaltsam Bahn brechen in ihrem Leben und in ihrem Körper, sie schreckt davor zurück und kann sie doch keineswegs aufhalten, sie sind ihre Bestimmung, wenigstens.

Einzig in ihrem Kollegen Daniel findet sie einen Vertrauten, zumal er nicht minder fasziniert ist von ihr, ihrem wilden, ungestümen Wesen, egal wohin die Liaison sie beide führt, gegen wen sie sie aufbringt, was sie in ihrer Zerstörungswut mit sich in den Abgrund reißt, schließlich ist Marie ein Werwolf, der jüngste in einer langen Familientradition. Und das kontrollierte, unscheinbare Leben schon bald nur mehr ein Schatten der Vergangenheit.

Die offensichtlichen Pubertäts-Metaphern der forcierten Körper-Verwandlung rücken "When Animals Dream" zunächst in die Nähe von "Carrie" und ähnlicher gewaltsamer Coming-of-Age-Prozesse. Der Horror des Fremden im eigenen, erblühenden Körper wird zudem noch verstärkt, gespiegelt und limitiert durch den Verfall der vermeintlich engsten Vertrauten, Maries Mutter, und der zunehmenden Hilflosigkeit ihres Vaters. Aber Regiedebütant Jonas Alexander Arnby ist keineswegs an einem grellen Effektspektakel interessiert oder einer Bloßstellung seiner Protagonistin, stattdessen durchzieht eine wohlwollende Empathie die vielerorts sattsam bekannte Geschichte, eine bewusste Nähe zu seiner, ja, Heldin, die gegen Ignoranz und dumpfe Intoleranz aufbegehrt. Dies wäre an politischer Agenda allerdings das höchste der Gefühle, das eine entsprechende Lesart offenbart.

Denn vordergründig ist "When Animals Dream" ein lupenreiner, ziemlich geradliniger Genrefilm, der seine Hauptattraktion aus der Inszenierung einer atmosphärischen Dichte zieht, die ihn bisweilen in die Nähe des artverwandten schwedischen Vampirhorrors von "Let The Right One In" rückt, jedoch ohne jemals dessen existenzialistische Tiefe und Beklemmung zu erreichen. Dafür spult Arnby manche Stereotypen des Genres zu generisch und lieblos herunter, anstatt sich durchgängig den Eigensinn zu bewahren, den seine Protagonistin so eindrucksvoll aufrechterhält. Umso erlesener sind dagegen die Bildkompositionen des Kameramanns Niels Thastum, der in jeder Situation stimmige Bilder für die Wildheit und Zerrissenheit Maries und auch für ihre Verlorenheit findet. Newcomerin Sonia Suhl bewältigt ihre anspruchsvolle Rolle mit einer ebensolchen Souveränität und einem Selbstbewusstsein, das sich in der Haltung des Films an sich widerspiegelt: aufrecht und unbeugsam, auch ein wenig schroff, aber nie leidenschaftslos.

Für einen Low-Budget-Erstling also, für einen Werwolf-Thriller aus einem Land mit einer langen Filmtradition im sozialen Realismus - die man auch hier deutlich spürt - ist "When Animals Dream" letztlich ein durchaus beachtlicher Beitrag, der sich an den Referenzwerken des Genres zwar längst nicht messen kann und es vermutlich auch gar nicht will, aber in seiner europäischen Arthouse-Nische seinen Platz finden kann und vor allem als Talentprobe eines vielversprechenden Regieneulings für die zukünftigen Projekte einiges erwarten lässt.

Carsten Happe

Benotung des Films: (6/10)


When Animals Dream
OT: Når dyrene drømmer
Dänemark 2014 - 84 min.
Regie: Jonas Alexander Arnby - Drehbuch: Rasmus Birch - Produktion: Ditte Milsted, Caroline Schlüter - Kamera: Niels Thastum - Schnitt: Peter Brandt - Musik: Mikkel Hess - Verleih: Prokino - Besetzung: Sonia Suhl, Lars Mikkelsen, Sonja Richter, Jakob Oftebro, Benjamin Boe Rasmussen, Mads Riisom, Esben Dahlgard
Kinostart (D): 21.08.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2818178/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 1

Klingon01 schrieb am 8.8.2014 um 11:24 Uhr :

Der Film wird von einigen guten Darstellern getragen, jedoch ist er in keinster Weise ein besonderer Vertreter seines Genres. Die Spannungsbögen sind häufig sehr langatmig konstruiert, was immer wieder eine gewisse Langeweile erzeugt, und die Schnitte sind nicht selten zu abgehackt, um eine stimmungsvolle Narration zu erhalten. Der Höhepunkt des Films ist, und das ist in gewisser Weise traurig, der sensationell atmosphärische und grandios gefilmte Vorspann...





Einträge: 1   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...