filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Das große Museum

(Österreich 2014; Regie: Johannes Holzhausen)

Von Mal- und anderen Künsten

foto: © real fiction
Das Kunsthistorische Museum in Wien "zählt zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt" (Wikipedia). Es verfügt über so berühmte Werke wie Vermeers Malkunst, oder den Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel dem Älteren, oder jetzt auch wieder über die Saliera Cellinis, welche es vor einigen Jahren zu tatsächlicher, also massenmedial tauglicher Berühmtheit brachte, als sie durch einen spektakulär anmutenden Raub, den das FBI immerhin zu den "Top Ten Art Crimes" zählt, von ihrem ordentlichen Ort entfernt wurde. Was sich dann als weitaus weniger spektakulär und vielmehr absurd erwies, ist die Tatsache, dass das Spektakel von der Wachmannschaft verschlafen und die Lücke, die es hinterlassen hat, erst durch die Reinigungskraft bemerkt wurde. Dabei hatte das goldene Salzfass schon seit seiner Entstehung eine bewegte Geschichte hinter sich, und auch seine Entstehung stand ganz und gar im Zeichen des wirren Lebenswandels seines Fertigers, des Bildhauers Cellini (der weitaus mehr als nur Bilder, sondern bereitwillig auch in Gesichter haute).

Aber es muss nicht so weit ausgeholt werden, um die Autorität des Museums befragen zu können. Johannes Holzhausens grandioser Dokumentarfilm "Das große Museum" erzählt solche Dinge nicht, sondern seziert die verschiedenen Schichten jener Räumlichkeiten, welche die Werke in den Wirren ihres Wandels stabilisieren sollen. Das ist beinah wörtlich zu nehmen, kreist der Film vor allem um die Renovierungsarbeiten der Kunstkammer, eine umfangreiche Sammlung zu der auch Cellinis Saliera zählt, und die nach mehr als zehnjähriger Schließung im vergangenen Jahr unter viel Aufmerksamkeit - vielleicht nicht ganz so viel wie nach dem Raub - neu eröffnet wurde.

Ein anfänglicher Kameraschwenk von der Hofburg innerhalb der Wiener Ringstraße zum Kunsthistorischen Museum gegenüber und außerhalb derselben legt die historische Verzahnung politischer Macht mit Kunst nahe, welche ihre Entstehung und Konservierung garantiert und im Gegenzug von derselben repräsentiert wird. Dass diese Repräsentationen heute vor allem Kassenschlager sind, wird dann in weiteren Folge und nicht unlustig aufgedeckt. Das Museum wandelt sich, geht mit der Zeit, um seine Exponate zu erhalten. Nahe legt dies schon die bereits im Trailer zitierte Weisheit Giuseppe Tomasi di Lampedusas ("Es muss sich alles ändern, damit alles bleibt, wie es ist"), die Visconti so eindrucksvoll in Bilder übersetzte; sind es bei ihm allerdings die politischen Ordnungen, die einander ablösen und in denen die Mächtigen ihre Positionen zu halten trachten, schauen wir hier den Restauratoren bei ihren erhaltenden Arbeiten über die Schulter, verfolgen die ökonomischen Debatten der Museumsleitung, hören den Lärm der Bauarbeiter, die die Wände abtragen, oder bekommen gezeigt, wie mit Staub und Ungeziefer umgegangen wird (aber auch die zeitgenössische Bindung des Museums zur Politik wird dokumentiert).

Solcherhand bekommt die Heiligkeit des Museums Risse: einfach, indem ihre profanen Seiten aufgedeckt werden. Vor allem der Schnitt erweist sich hier als exzellenter Komplize, der diese agonalen Elemente meist komisch auflöst. Kennen wir nicht alle diese Kindheitserfahrungen, sei es durch die Schule, sei es durch die Familie, in denen ein gleichermaßen faszinierter wie seriöser Erwachsener uns durch die sakralen Räume geschliffen hat und zugleich zur ständigen Ruhe gemahnt hat? In Johannes Holzhausens Film gibt es Arrangements, die vielleicht all das, was wir damals unterdrückten, wieder aufleben lassen.

Die Perspektive, die dabei eingenommen wird, gibt sich zurückhaltend und bleibt bei aller räumlichen Nähe den Dingen auf Distanz. Das Off bleibt stumm, kein Erzähler schildert uns die großen Zusammenhänge und Bedeutungen der Räumlichkeiten. Zusehends bekommt man das Gefühl, dass es die Kamera selbst ist, die spricht. Dergestalt gewährt "Das große Museum" nicht nur einen Blick hinter die Kulissen eines großen Museums, sondern entfaltet einen Dialog zwischen dem Medium Film und einer Institution, die Bilder auf ihre eigene Weise ordnet, exponiert oder fast aktengleich schichtet.

Lukas Schmutzer

Benotung des Films: (10/10)


Das große Museum
Österreich 2014 - 94 min.
Regie: Johannes Holzhausen - Drehbuch: Johannes Holzhausen, Constantin Wulff - Produktion: Johannes Rosenberger - Kamera: Attila Boa, Joerg Burger - Schnitt: Dieter Pichler - Verleih: Real Fiction -
Kinostart (D): 16.10.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3488668/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?