filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der wundersame Katzenfisch

(Mexiko 2013; Regie: Claudia Sainte-Luce)

Stiche und Scherben

foto: © arsenal
Ein grauer Tag bricht an in der mexikanischen Industriemetropole Guadalajara. Zur morgendlichen Routine der schweigsamen und selten lächelnden Protagonistin Claudia gehört neben dem Sich-aus-dem-Bett-quälen auch das Sortieren von bunten Cornflakes-Kringeln: Die violetten werden behutsam aus der Milch gefischt und fein säuberlich auf dem Kopfkissen drapiert, während der Rest der eingefärbten Zuckerflocken getrost gegessen werden kann. Eine komische Person also, diese Claudia, die mit ihrer neurotischen Verhaltensauffälligkeit im Kino gut aufgehoben zu sein scheint - als Heldin auf der Leinwand und wohl ebenso im Zuschauersaal.

Irritierender als die Marotte an sich ist da schon der Ton, in dem "Der wundersame Katzenfisch" seine Hauptfigur und deren merkwürdige Rituale einführt. Denn hier werden nicht mit einer penibel abgestimmten Farbpalette und symmetrischer Strenge liebenswerte Verschrobenheiten vorgeführt, wie es (nicht bloß) im US-amerikanische Independentkino seit Wes Anderson mit ermüdender Beharrlichkeit geschieht. Statt eine humorvolle Distanz zu wahren, wagt sich die zitternde Handkamera in Claudia Sainte-Luces Debütfilm ganz nah ran an den Körper der Protagonistin. Und von der Tonspur dröhnt dumpf und beklemmend ein tiefes, viszerales Unbehagen, das im Skurrilen stets auch ein pathologisches Moment mitschwingen lässt.

Erst nach und nach dringt auch die Außenwelt ans Ohr, das Gefühl von Stumpfsinn aber hallt noch nach. Draußen auf den Straßen blinken nervös die Neonreklamen und kitschiger Weihnachtsschmuck um die Wette, während Claudia sich auf den Weg zu der täglichen, Arbeit genannten Schikane im örtlichen Supermarkt macht. Das Radio im Bus leiert dazu irgendwas von 24 Stunden Emotionen, die mitten ins Herz gehen. Das Organ, das Claudia aber schließlich aus ihrem tristen Alltag reißt, ist ein anderes: Die Appendix vermiformis ist entzündet und mit dem pathologischen Befund beginnt dann auch eine Heilungsgeschichte, die weit über Claudias Eingeweide hinausgehen soll.

Im Krankenhaus macht die vereinsamte junge Frau nämlich eine folgenreiche Bekanntschaft. Sie lernt die an AIDS erkrankte Martha kennen und wird von der alleinerziehenden Mutter kurzerhand in deren chaotisches Familienleben integriert. Wer bei dieser schicksalhaften Ausgangssituation das Schlimmste befürchtet - sowohl für Marthas Leinwandleben als auch für den eigenen Kinobesuch -, kann zumindest teilweise entwarnt werden. Denn selbstverständlich muss Martha am Ende kurz vor dem Abspann dran glauben, aber die Regisseurin und Drehbuchautorin Sainte-Luce erzählt äußerst klug und konsequent an den lauernden Rührseligkeiten ihres Stoffes vorbei und hat auch nie so viel Respekt vor dem Tod, dass sie gleich in Ehrfurcht erstarrt und ihrem Film das ganze Leben austreibt.

Das fängt an mit der Darstellung von Marthas vier Kindern, die sich zwar hilfsbereit um die sterbende Mutter scharen und sie pflegen, sich dabei aber immer einen gesunden Egoismus bewahren und nie ihre eigenen Konflikte aus den Augen verlieren. Da wird sich noch am Krankenbett mit dem kleinen Bruder gekloppt und wenn Marthas Zweitälteste die Nacht an der Seite der Mutter verbringen soll, anstatt auf eine Party zu gehen, zieht sie auch das entsprechende Gesicht. Mit kräftigen Strichen skizziert Sainte-Luce diesen Familienkosmos und bedient dafür auch so manches Klischee, zeigt konsumgeile Teenager, missgünstige Chefinnen und verfressene Dicke.

Effizient erzählt der Film so seine im Kern simple und straighte Geschichte und nutzt seine Ressourcen dann lieber, um immer wieder abzuschweifen und sich in kleinen Episoden zu verlieren. Dass dabei vieles nur angerissen wird, stört nicht, denn gerade in der Auslassung beschwört Sainte-Luce auf eindrucksvolle Weise die Fülle ihres filmischen Universums. Beinahe wie eine Geste der Bescheidenheit wirkt es da, wenn Kamerafrau Agnès Godard sich gemeinsam mit Claudia und einer Handkamera zum ersten Mal in Marthas Zuhause wagt und versucht in einer langen Einstellung möglichst viel von dem lebhaften Treiben aufzuschnappen. Schnell wirkt nicht nur Claudia, sondern auch die Filmkamera verloren im Angesicht dieser Dynamik, die über falschen Pathos und Pointen einfach hinwegfegt.

Dass es in der Realität eh nicht läuft wie im Kino, diese Erfahrung macht auch Martha. Eigentlich hatte sie ja geplant, dass ihre Asche am Meer verstreut wird, so wie sie das in den Filmen gesehen hat. Aber der eigene Trip zum Strand lässt diesen Traum schnell platzen, die Widerhaken der Realität bohren sich ins Fleisch: Die eine Tochter wird von einer Qualle gestochen, der Sohn von einer Biene, eine andere Tochter tritt in eine Glasscherbe und dann kommt Martha auch schon das Kotzen und sie muss zurück ins Krankenhaus. Eine Ode an das Leben sieht anders aus, Sainte-Luces Film ist dann eher ein Haiku über KFZ-Versicherungen, Stiche, Scherben und die guten Chips in der grünen Tüte.

Carsten Moll

Benotung des Films: (7/10)


Der wundersame Katzenfisch
OT: Los insólitos peces gato
Mexiko 2013 - 87 min.
Regie: Claudia Sainte-Luce - Drehbuch: Claudia Sainte-Luce - Produktion: Philippe Akoka, Ruby Castillo, Christian Kregel, Alain Peyrollaz, Geminiano Pineda - Kamera: Agnès Godard - Schnitt: Santiago Ricci - Musik: Madame Recamier - Verleih: Arsenal - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Lisa Owen, Ximena Ayala, Sonia Franco, Wendy Guillén, Andrea Baeza, Alejandro Ramírez-Muñoz
Kinostart (D): 10.07.2014
DVD-Start (D): 20.11.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2414046/

Details zur DVD:
Bild: 1.78:1 (anamorph) - Sprache: Spanisch (DD 5.1, DD 2.0 Stereo) - Untertitel: Deutsch - FSK: ab 6 Jahren - Verleih: Arsenal

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge

kurzkritiken

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?