filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Wie haben Sie das gemacht? - Filme von Frauen aus fünf Jahrzehnten 1+2

(Deutschland 2014; Regie: (Herausgeberinnen) Bettina Schoeller-Bouju, Claudia Lenssen)

Die Ahnung der Freiheit

foto: © absolut medien
"Wie haben Sie das gemacht?", lautet der prosaische, etwas unscharfe Titel einer zweiteiligen DVD-Veröffentlichung, auf der mit einer Spieldauer von rund fünf Stunden 24 Kurzfilme "von Frauen aus fünf Jahrzehnten" versammelt sind. Dass dabei der Fokus auf Filmemacherinnen aus dem deutschsprachigen Raum liegt, bleibt der Titel schuldig. Dieser spielt natürlich auf Francois Truffauts berühmtes Interview-Buch mit Hitchcock an, was eigentlich wenig Sinn macht, denn hier "sprechen" allein die Filme. Eher geht es um das Was als um das Wie, also um eine Bestandsaufnahme der vielfältigen Formen und Inhalte, um eine Rückschau, Sichtung und Sicherung weiblicher Filmarbeit der letzten fünfzig Jahre. Unter künstlerischen Gesichtspunkten erscheint das mitunter beliebig, auch wenn die beiden Herausgeberinnen Bettina Schoeller-Bouju und Claudia Lenssen das heterogene Material den beiden Teilen "Spielen und Dokumentieren" sowie "Neue Formen" zugeordnet haben, was nicht immer zwingend ist. Doch leider gibt es keine begleitenden Informationen, die etwa die Konzeption erläutern oder die Auswahl begründen würden. Auch zu den Filmen und ihren Macherinnen fehlen jegliche Angaben. Vermutlich wird die parallel erscheinende Buchveröffentlichung der beiden Herausgeberinnen diesen Mangel ausgleichen.

May Spils verspielt-anarchische Talentprobe "Das Portrait" aus dem Jahre 1966 mit ihren provozierenden Bild- und Tonmontagen, den ironischen Überblendungen und dem poppig-bunten Look hätte man natürlich auch der Abteilung "Neue Formen" zuordnen können. Andererseits gilt das auch umgekehrt, wenn man etwa den mehr "gespielten" und "dokumentierenden" Film "Umwege" von Susanne Beyeler sieht. Hier folgen wir einer jungen Frau, die im Aufbruchsjahr 1968 ihrem Schweizer Elternhaus und der Schule den Rücken kehrt, um in einer Münchner Kommune unterzutauchen. Zwischen politischem Kampf, der Bevormundung durch ihren Freund und dem Wunsch nach Selbstbestimmung geht sie mutig ihren Weg der Emanzipation. Mit viel Zeitkolorit und authentischem Material inszeniert Beyeler eine ebenso aufklärerische wie augenzwinkernde Milieustudie.

In beiden genannten Filmen kann man Einflüsse Jean-Luc Godards entdecken. Ästhetik und Politik, oftmals autobiographisch gefärbt, sind auch die Eckpfeiler, zwischen denen das breite Spektrum der ausgewählten Arbeiten aufgefächert ist. Dabei kommt der sich ändernden Frauenrolle, dem weiblichen Selbstverständnis und dem Streiten für mehr Gleichberechtigung eine besondere Bedeutung zu. Mit dem semidokumentarischen Spielfilm "Für Frauen - 1. Kapitel" hat Cristina Perincioli 1971 ein interessantes Experiment gewagt: "Dieser Film wurde von Verkäuferinnen und Hausfrauen gemacht", heißt es zu Beginn dieses geradezu sozialistischen Lehrstücks, das vom revolutionären Zeitgeist erfüllt ist und mit plakativen Mitteln die von männlicher Unterdrückung bestimmte Lebens- und Arbeitssituation der (sich mehr oder weniger selbst spielenden) Frauen darstellt. Der teils witzige Agitpropfilm zeigt aber auch, wie die revoltierenden Frauen durch kämpferische Solidarität die Ausbeutungsverhältnisse verändern, gemäß dem Text des von der Band Ton Steine Scherben gesungenen Abspannliedes: "Alles verändert sich, wenn du es veränderst. Doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist."

Am ästhetischen Gegenpol dazu steht - neben anderen Arbeiten wie zum Beispiel dem experimentellen Dokumentarfilm "Färblein" - Milena Gierkes intimes Frauenportrait "Volver" (2009). Allein mit ihrer Super-8-Kamera und dem Objekt ihres (fotografischen) Begehrens - einer jungen, sommerlich leicht bekleideten, bald nackten Frau auf einem roten Sofa im Freien - filmt Gierke ganz ohne Ton, wie sich die Portraitierte ihre Nägel pflegt, diese rot lackiert, Musik hört, liest, Mate trinkt und raucht. Vor allem aber filmt sie in poetischen Detailansichten ihren fragmentierten Körper, das sinnliche Spiel von Licht und Schatten darauf und vermittelt dabei eine schwebend-erotische Atmosphäre, die von einem aufmerksamen, fast verliebten (Kamera)blick evoziert wird. "Volver" ist eine ebenso sensible wie zärtliche Hommage an das Weibliche, ein romantisch-verträumtes Filmgedicht und zugleich die Ahnung der Freiheit.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)
Benotung der DVD: (6/10)


Wie haben Sie das gemacht? - Filme von Frauen aus fünf Jahrzehnten 1+2
Deutschland 2014 - 300 min.
Regie: (Herausgeberinnen) Bettina Schoeller-Bouju, Claudia Lenssen - Verleih: absolut MEDIEN -
DVD-Start (D): 31.05.2014

Link zum Verleih: http://www.absolutmedien.de/main.php?view=film&id=1564

Details zur DVD:
Bild: 4:3 / 16:9 - Sprache: Deutsch (DD 2.0 Stereo) - FSK: ohne Altersbeschränkung - Verleih: absolut MEDIEN

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge

kurzkritiken

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?