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Molière auf dem Fahrrad

(Frankreich 2013; Regie: Philippe Le Guay)

Misanthropische Spiegelungen

foto: © alamode
"Ich will nicht angeschlossen werden, ich bin unabhängig", verteidigt Serge Tanneur (Fabrice Luchini) seine stinkende Senkgrube gegenüber dem Ansinnen eines entnervten Bautrupps, seine Abwässer in die öffentliche Kanalisation zu leiten. Der ehemals erfolgreiche Schauspieler, der seit drei Jahren keine Engagements mehr angenommen hat, lebt zurückgezogen in einem idyllischen, aber leicht heruntergekommenen Haus auf der Île de Ré. Von seinem Metier und den Menschen enttäuscht, die ihn in seiner depressiven Phase fallen ließen, behauptet er eigensinnig seine Freiheit und verbringt seine Tage mit Puzzlespielen und erotischer Malerei. Wie seine Lieblingsfigur Alceste aus Molières "Der Menschenfeind" hasst Serge Lüge und Heuchelei, die unter Schauspielern wohl besonders ausgeprägt sind. Seine für Eitelkeit anfällige Berufsgruppe sei "voller Ratten".

Da trifft es sich ebenso gut wie schlecht, dass in dieser Situation Serges früherer Kollege Gauthier Valence (Lambert Wilson) aus heiterem Himmel auftaucht, um dem misanthropischen Einsiedler ausgerechnet die Mitwirkung in einer Inszenierung von Molières "Der Menschenfeind" vorzuschlagen. Die Fugen und Wendungen im Drehbuch zu Philippe Le Guays Film "Molière auf dem Fahrrad" ("Alceste à bicyclette") sind mitunter allzu konstruiert. Da es sich jedoch um eine französische Komödie mit ernstem Unterton handelt, die hauptsächlich vom Spiel ihrer prominenten Darsteller und dem Witz geistreicher Dialoge lebt, ist man gewillt, über erzählerische Forciertheiten und plakative Deutlichkeit hinwegzusehen. Natürlich reagiert Serge gemäß seines kritischen Charakters zunächst ablehnend auf den Vorschlag Gauthiers, ist zugleich aber geschmeichelt, kompetent und neugierig genug, um sich auf eine mehrtägige Leseprobe einzulassen.

Diese entwickelt sich zu einem Schauspieler- und Rededuell zweier ungleicher Charaktere, die sich in wechselnden Rollen im Stück widerspiegeln. Dabei geht es nicht zuletzt um Freundschaft, Liebe und Vertrauen, denn der beliebte TV-Serien-Star Valence und der querköpfige Aussteiger Tanneur sind jeder für sich auch auf den jeweils anderen angewiesen. Darüber hinaus nutzt Philippe Le Guay die Figurenkonstellation um neben einem Blick auf das Handwerk des Schauspielers die hitzigen ästhetischen Debatten über die "richtige Darstellung" von Klassikern zu vermitteln. Der rigorose Traditionalist Serge mit seiner Verteidigung des Alexandriners und damit der musikalischen Struktur des Stücks gerät diesbezüglich immer wieder heftig mit dem "Aktualisierer" Gauthier aneinander. Was die beiden aber wirklich trennt und letztlich in die Rollen von Molières Stück zwingt, ist ihr an unterschiedlichen Lebenserfahrungen gewachsenes Naturell. Selbst oder gerade im Spiel können die Figuren nicht über ihren Schatten springen, weil ihr Leben die jeweilige Interpretation des Stücks beglaubigt.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)


Molière auf dem Fahrrad
OT: Alceste à bicyclette
Frankreich 2013 - 104 min.
Regie: Philippe Le Guay - Drehbuch: Philippe Le Guay, Fabrice Luchini - Produktion: Anne-Dominique Toussaint - Kamera: Jean-Claude Larrieu - Schnitt: Monica Coleman - Musik: Jorge Arriagada - Verleih: Alamode - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Fabrice Luchini, Lambert Wilson, Maya Sansa, Camille Japy, Ged Marlon, Stéphan Wojtowicz, Annie Mercier, Christine Murillo, Josiane Stoleru, Laurie Bordesoules, Édith Le Merdy, Patrick Bonnel, Philippe du Janerand, Jean-Charles Delaume, Jean-Marc Rousseau
Kinostart (D): 03.04.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2207050/

Trailer:


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Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?