filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Love Steaks

(Deutschland 2013; Regie: Jakob Lass)

"Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur."

foto: © daredo media / ferleih
Kommt da etwas in Bewegung? Man staunt nicht schlecht, wenn man die deutschen Produktionen der letzten Wochen Revue passieren lässt - jenseits der "Berliner Schule" und dem notorischen Blockbuster-Zeug von Schweighöfer & Co. Da gibt es die üblichen Themenfilme, mal besser ("Westen"), mal schlechter ("Zwischen Welten"), da gibt es formal Strenges ("Die Frau des Polizisten", "Kreuzweg") und das Spiel mit den Genres ("Banklady", "Das finstere Tal"). Dazu kommen noch Filme, die auf erfrischende wie hintergründige Weise mit dem Dokumentarischen im Fiktiven spielen, die Kapital aus der Durchmischung schlagen und damit an Filme von Klaus Lemke, Werner Herzog oder Alexander Kluge anknüpfen. Der aktuelle Klassenprimus ist dabei Jakob Lass′ "Love Steaks" - ein Festival-Renner, der sogar Drehbuchpreise abräumt, obwohl er darauf besteht, ohne konventionelles Drehbuch entstanden zu sein. Und ohne Fördergelder! Die wurden schlicht durch Enthusiasmus ersetzt. Dreharbeiten als Klassenfahrt. Der Film erzählt einerseits eine klassische "Boy meets Girl"-Geschichte, nur eben verquer, gegen den Strich, voller Überraschungen und Leerstellen.

Es beginnt mit einer falschen Fährte. In der ersten Einstellung erwacht ein Stein am Ufer des Meeres zum Leben, reckt sich und streckt sich und enthüllt im Zwielicht des anbrechenden Tages, dass er im Besitz von etwas ist, was später im Film, wenn Neugier in Liebe umschlägt, noch zum Gegenstand einiger Diskussionen werden wird. Stichwort: Fleisch oder Blut. Nach diesem archaischen, fast schon mythologischen Auftakt, an den sich der Film erst ganz am Schluss erinnern wird, ändert sich der Tonfall abrupt. Regisseur Lass lässt seine Protagonisten innerhalb eines realen Settings mit engagierten Laiendarstellern improvisierend agieren, was den Film schöne Funken sprühen lässt. Die Dreharbeiten wurden in die Arbeitsabläufe des gewählten Drehorts integriert. Man hört auch, dass die Schauspieler in bestimmten Szenen nicht wussten, ob sie es mit Kollegen oder Laien zu tun bekamen. Man musste also bereit sein, vor laufender Kamera etwas zu riskieren.

Und die Geschichte geht so: Der junge, sanfte und mitunter etwas unbedarft wirkende Physiotherapeut Clemens tritt in einem gehobenen Wellness-Hotel seine erste Stelle an. Clemens muss sich in der neuen Umgebung erst noch orientieren, kommt offenbar direkt aus der Ausbildung, muss auf die herrschenden Usancen »eingestellt« werden und bekommt als Schlafplatz einen öffentlichen Abstellraum mit, immerhin, Meerblick zugewiesen. Es passt zu Clemens, dass er beim Feudeln des Spa-Bereichs wiederholt lang hinschlägt oder dass er nicht so recht weiß, wie er auf die plumpen Verführungsversuche einer älteren Kundin angemessen reagieren soll. Kurzum: man schaut Clemens gerne dabei zu, wie er mühsam versucht, seinen Alltag geregelt zu bekommen. Gleiches gilt für die junge Lara, die in der Küche des Hotelkomplexes arbeitet. Sie gibt sich taff und burschikos, um den rauen Umgangsformen ihrer männlichen Kollegen in der Küche gewachsen zu sein. Sie trägt gerne mal eine Maske. Lara scheint dauernd unter Strom zu stehen und was zu Beginn sehr keck erscheint, erweist sich im Verlauf des Films als drogeninduziert. Der stille, unauffällige Clemens, der nicht nur aufgrund seiner Hasenscharte kein Sprücheklopfer ist, fällt Lara schnell auf. Sie beginnt mit Clemens auf kindlich regressive Weise zu spielen, unterschätzt dabei aber dessen naive Ernsthaftigkeit, die Pädagogik hinter der Weichheit.

Das Spiel verliert seine Unschuld, als die Machtverhältnisse innerhalb der Beziehung zu bröckeln beginnen. Clemens übernimmt die Initiative und macht sich daran, Lara zu retten. Was zunächst noch eine Wette ist, die Lara glaubt, souverän manipulieren zu können, wird spätestens dann ernst, als Clemens beginnt, die Kollegen in die Pflicht zu nehmen und entschieden eine störende Öffentlichkeit herzustellen. Vor dem Hintergrund der pointiert herausgestellten Reglementierungen und Rituale der gewünschten Dienstleistungen, die in einer »sprechenden« Parallelmontage von Massage- und Küchenbereich gipfeln, wirken die regressiven Spielchen wie ein übermütiger Protest. Was der Film durch seine genüssliche Ausstellung improvisierender Interaktion mit dem leitenden Personal noch unterstreicht, die abweichendes Verhalten gerne mal sehr selbstgefällig abstraft: "Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur. Egal, in welches Loch ihr euch verkriecht, ich finde euch."

So lädt der Film den Zuschauer zuvorkommend ein, sich zum Kumpel der rebellischen Kinder zu machen. Vergnügt schaut man den doppelbödigen Kinderspielen zu, die dann allmählich in einen sexualisierten Machtkampf übergehen, für den der Film dann nur noch eine rein filmische Lösung anbietet, deren stilisierte Drastik so recht gar nicht zum Ton des Films zu passen scheint, andererseits aber auf den Anfang des Films verweist. So erzählt "Love Steaks" ausgesprochen originell und sogar mit komödiantischem Impetus, der auch Momente des Slapsticks umfasst, vom Aufstand gegen Klassen- und Gender-Verhältnisse, die die Menschen auch im Wellness-Hotel krank machen. Doch dieser Aufstand findet im Kinderzimmer statt und hat letztlich wenig mehr anzubieten, als dem Zuschauer das gute Gefühl zu geben, für die geringen Unkosten einer Kinokarte Zeuge zu sein, wie ein Schamane eine Punkerin heilt, indem man am menschenleeren Strand mal so richtig die Sau rauslässt. In modischer Splatter-Zeitlupe.

Das Interessanteste an "Love Steaks", neben dem grandiosen Spiel der beiden Hauptdarsteller Lana Cooper und Franz Rogowski, ist die Tatsache, dass der Film fast schon als Befreiungsschlag abgefeiert wird. Was etwas verwundert bei einem Film, der damit hausieren geht, dass er improvisierend und ohne Drehbuch entstanden sei, während man beim Sehen statt der sogenannten Wirklichkeit eher das Rascheln der Stereotypen hört. Was sich auch nicht überhören lässt, wenn man sieht, dass jemand keck damit zu spielen beginnt. "Fogma" hin oder her, aber Aufbruch sieht hoffentlich etwas anders aus. Trotzdem ein guter Film, nur sollte man den Ball flach halten.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (7/10)


Love Steaks
Deutschland 2013 - 89 min.
Regie: Jakob Lass - Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Timon Schaeppi, Nico Woche - Produktion: Ines Schiller, Golo Schultz - Kamera: Timon Schaeppi - Schnitt: Gesa Jäger - Musik: Golo Schultz - Verleih: daredo media / Ferleih - Besetzung: Lana Cooper, Franz Rogowski
Kinostart (D): 27.03.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2960270/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke

kurzkritiken

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?