filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Like Someone in Love

(Japan / Frankreich 2012; Regie: Abbas Kiarostami)

Auf der Suche nach Konstanten

foto: © peripher
Callgirl trifft alternden Intellektuellen in dessen Wohnung. Der neue Film "Like Someone in Love" von Abbas Kiarostami setzt ein Klischee an den erzählerischen Anfang: Eine desillusionierte junge Frau verdingt sich und ihren Körper zwischen blinkenden Werbeflächen und Hochhausfassaden der Großstadt. Doch was der 72-jährige Iraner Kiarostami daraus entwickelt, ist beeindruckend: eine sanft erzählte Geschichte über die Möglichkeit der Annäherung.

Der Film beginnt inmitten einer recht absurden Szene: Die junge Akiko arbeitet als Hostess/Callgirl und wird von ihrem Boss, Typ Geschäftsmann mit der nötigen Mischung aus Autorität und Verständnis, in einer Bar dazu "überredet", am gleichen Abend einen wichtigen Kunden aufzusuchen, obwohl sie, wie sie sagt, Prüfungen hat. Akikos Freund Noriaki weiß davon nichts und geht von einem gewöhnlichen Treffen mit einer Freundin aus.

Im Taxi auf dem Weg zum Kunden erfahren wir über eine Stimme auf einer Mailbox, dass sich für den gleichen Tag Akikos Großmutter aus der Provinz angekündigt hatte und bis zum Abend auf Akiko gewartet hat. Um die Großmutter wenigstens kurz und unbeobachtet aus der Ferne zu erspähen, lässt Akiko das Taxi zweimal um den Platz herumfahren, auf dem ihre Großmutter mit ihrer Hoffnung, die Enkelin zu sehen, alleine steht. Und hier wird das Netz aus Lügen und Abhängigkeiten, das die junge Frau davon abhält, einfach auszusteigen und ihre Familie zu sehen, so weit aufgespannt, dass man sich unweigerlich die Frage stellt: Wie hat sich Akiko da bloß hineinmanövriert? Und hat sie sich freiwillig in dieses Netz gelegt? Die Antworten, so wird dem Zuschauer bewusst, spielen dabei aber keine große Rolle.

Nach dieser wunderbaren Einleitung trifft Akiko den um viele Jahre älteren Mann und Kunden Takashi, einen Schriftsteller und Übersetzer. In dessen Wohnung, in der Bücher in hohen Regalen bis an die Decke wuchern, spielt sich die nächste, bizarr anmutende Szene ab: Takashi kümmert sich großväterlich um die erschöpfte Frau, sanft und zurückhaltend, sogar das Weinglas fasst er mit einer solchen Vorsicht an, als habe er Angst, das Glas könnte zwischen seinen Fingern plötzlich zerspringen.

Die junge Frau und der ehemalige Professor unterhalten, amüsieren sich und als sich Akiko müde ins Bett legt, setzt sich Takashi mit einem Stuhl an ihre Seite. Allein diese Szene verdichtet die milde und faszinierende Erzählweise des Regisseurs und zeigt, worauf es ihm ankommt: Er führt Menschen per Zufall zusammen, verwickelt sie in beiläufige Gespräche und lässt aus diesen Kreuzwegen unvorhergesehene, gleichsam zarte wie bedeutende Blüten zwischenmenschlicher Annäherung entstehen. In einer minimalistischen Inszenierung und in ruhigen, langen Einstellungen spürt er diesen Blüten nach, immer in der Angst, ein Zuviel an Drama, ein Zuviel Bewegung könnte die Blume kaputt treten.

Der eifersüchtige Freund und Verlobte Noriaki kommt wieder ins Spiel und hält Takashi für den Großvater. Nun wird die Erzählung etwas angespannter, mühevoller, der Bringschuld des Dramas verhaftet, obgleich der Erzählstil weiterhin ruhig und geerdet bleibt. Und welchen Wegen für Verständigung, Konflikt und Kompromiss Kiarostami in Folge dessen nachgeht, überzeugt erzählerisch dann leider weniger, ist frei von Subtilität und zerstreut sich schlussendlich in eine doch recht schale Ansammlung von Motiven und Emotionen, im Zaum gehalten von technisch einwandfreien und filmisch anspruchsvollen Bildern.

"Like Someone in Love" spielt nicht nur in Tokyo, sondern wurde mit japanischen Schauspielern in japanischer Sprache realisiert. Natürlich stellt man sich die Frage, wie man als Regisseur ein Gefühl sowohl für die Umsetzung der eigenen Geschichte als auch für die Schauspieler und deren Spiel bekommt, wenn man sich jedes Wort und zahlreiche kulturelle Codes übersetzen lassen muss. Aber genau darin liegt wohl der Sinn dieser Unternehmung: Der Regisseur ist auf der Suche nach Konstanten. Nach der Universalgrammatik, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen kontextübergreifend bestimmt - kurz: nach allgemeinen, menschlichen Gefühlen. Zwar wird er auch in diesem, letztlich etwas künstlich wirkenden Feld fündig, doch setzt der Filmemacher leider zu oft voraus, was er eigentlich erkunden möchte.

"Like Someone in Love" hat dabei nicht nur anekdotische Parallelen zu dem gleichnamigen Musikstück, einem mehrfach interpretierten Jazzstück aus den 1940ern, das auch im Film - in der Wohnung von Takashi - zu hören ist. Es ist eine ruhige, verträumte, aber auch traurige Musik. Dabei macht nicht die Musik an sich traurig, sondern ein bestimmtes Verlust-Gefühl. Ein Gefühl, mit dem das im Moment der Musik Erlebte, in imaginärer Schönheit Aufkeimende in Beziehung gesetzt wird zur harten Wirklichkeit. Dieser Moment lässt den unüberwindbaren Unterschied zwischen Vorstellung und Realität bewusst werden. Das stimmt melancholisch. Das schafft Musik, und manche Momente in "Like Someone in Love".

Ilija Matusko

Benotung des Films: (7/10)


Like Someone in Love
Japan / Frankreich 2012 - 109 min.
Regie: Abbas Kiarostami - Drehbuch: Abbas Kiarostami - Produktion: Marin Karmitz, Kenzô Horikoshi - Kamera: Katsumi Yanagijima - Schnitt: Bahman Kiarostami - Verleih: Peripher - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase, Denden, Mihoko Suzuki, Kaneko Kubota, Hiroyuki Kubota, Hiroyuki Kishi
Kinostart (D): 27.02.2014
DVD-Start (D): 06.02.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1843287/
Link zum Verleih: https://absolutmedien.de/film/7013/Like+someone+in+love

Details zur DVD:
Bild: 1,78:1 (anamorph) - Sprache: Japanisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Trailer - FSK: ab 6 Jahren - Verleih: absolut MEDIEN

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 1

Lupina Lupo schrieb am 5.3.2014 um 10:27 Uhr :

Schön geschrieben!





Einträge: 1   Seite: 1 (von 1)
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 23.06.2017

Personal Shopper

(FR, DE 2016; Olivier Assayas)
Unsichtbare Präsenz von Wolfgang Nierlin

Pet

(USA/ES 2016; Carles Torrens)
Eingesperrt und an der Nase herumgeführt oder: die ewige Frage, wer wessen Haustier ist von Nicolai Bühnemann
dvd-start: 23.06.2017

Die Hände meiner Mutter

(DE 2016; Florian Eichinger)
Zum Sprechen finden von Wolfgang Nierlin
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke

kurzkritiken

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?