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Jenseits der Hügel

(Rumänien 2012; Regie: Cristian Mungiu)

Eine tiefe Verstörung

foto: © wild bunch
Von Einstellung zu Einstellung bewegt sich die schnörkellose, auf einen Soundtrack und dramaturgische Manipulationsstrategien verzichtende Erzählung von Cristian Mungius preisgekröntem Film "Jenseits der Hügel". Die Bilder sind reich und genau, ohne ausgestellt kunstvoll zu wirken, die Lücken wie das Schweigen beredt, und das Einzelne ist so wichtig wie das Ganze. In Cinemascope gedreht, ermöglichen die tiefenscharfen Bilder des Kameramanns Oleg Mutu immer wieder eine innere Montage, wobei die Inszenierung des Raums und die Dauer der Einstellung eine künstlerisch fruchtbare Einheit bilden. Die enorm starke Intensität, die teils schier unerträgliche Spannung und die sinnliche Dichte von Mungius Film resultieren gerade aus diesem scheinbar paradoxen Verhältnis von Abstand und Nähe. Die real erlebte Zeit zieht den Zuschauer ins Geschehen.

Eine tiefe emotionale Abhängigkeit verbindet die beiden Freundinnen Voichita (Cosmina Stratan) und Alina (Cristina Flutur), die zusammen in einem rumänischen Waisenhaus aufgewachsen sind. Jetzt kehrt die 24-jährige Alina aus Deutschland zurück, wo sie eine Arbeit gefunden hat, um ihre Freundin zu sich zu holen. Doch Voichita hat mittlerweile einen anderen "Weg gewählt": Sie lebt und arbeitet in einem kleinen orthodoxen Kloster in den Bergen. "Kein Zutritt für Andersgläubige" und "Glaube, frage nicht", heißt es auf einem Schild am Eingang der umzäunten Anlage. Die Liebe und herzliche Zuneigung der beiden jungen Frauen werden in der Folge durch ihre jeweils anderen Weltanschauungen und Lebenskonzepte in ein unlösbares Dilemma versetzt, das auch für die Klostergemeinschaft zur inneren Zerreißprobe wird.

Alina reagiert verstört und steigert sich in ihrem Verlorenheitsgefühl zunehmend aggressiver in Zustände der Hysterie und des Wahnsinns. Sie wird angebunden und geknebelt; über ihr gesprochene Gebete sollen die dunklen, (selbst)zerstörerischen Kräfte in ihr bannen. Dabei vermeidet Cristian Mungiu in der Darstellung des Klosterlebens jegliche Klischees und Wertungen. Zwar zeigt er den Priester (Valeriu Andriuta) und die Oberin (Dana Tapalaga) glaubensstark und prinzipientreu, aber nie verbissen oder gar fanatisch. Vielmehr ist ihr ebenso geistliches wie rationales Ringen um eine Lösung zunächst nach allen Seiten offen. Mungiu nutzt diese Offenheit immer wieder, um den schier ausweglosen Konflikt eindrucksvoll an der gesellschaftlichen Realität zu spiegeln. Dabei vermittelt er beunruhigende Einblicke in eine postkommunistische Gesellschaft zwischen Armut, Bürokratie und Gleichgültigkeit.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (10/10)


Jenseits der Hügel
OT: Dupa dealuri
Rumänien 2012 - 150 min.
Regie: Cristian Mungiu - Drehbuch: Cristian Mungiu - Produktion: Cristian Mungiu - Kamera: Oleg Mutu - Schnitt: Mircea Olteanu - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Valeriu Andriuta, Gina Tandura, Vica Agache, Dionisie Vitcu, Ionut Ghinea, Liliana Mocanu, Luminita Gheorghiu, Alina Berzunteanu, Teodor Corban, Calin Chirila, Cristina Cristian, Tania Popa, Petronela Grigorescu, Radu Zetu, Ion Sapdaru
Kinostart (D): 14.11.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2258281/

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