filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

The Counselor

(USA / Großbritannien 2013; Regie: Ridley Scott)

Die elektrische Garotte

foto: © 20th century fox
Eine Drahtschlinge ist das Mittel der Wahl. Einmal um den Hals des Opfers geworfen, springt ein kleiner Elektromotor an und zieht die Schlinge zu. Unaufhaltsam läuft die Mechanik ab, bis innerhalb weniger Minuten - je nach physischer Konstitution des Opfers - die Schlinge zunächst die Halsschlagader durch- und zuletzt den Kopf von Rumpf abtrennt. Wer sich mit mexikanischen Drogenhändlern einlässt und seine neuen Freunde hintergeht, dem kann es passieren, dass ihm diese ebenso perfide wie effektive Mordkonstruktion eines Tages mitten im Trubel einer x-beliebigen westlichen Großstadt um den Hals geworfen wird. Dann ist alles vorbei.

Diese grausame Geschichte erzählt der neureiche Hedonist Reiner (Javier Bardem) seinem Freund, einem US-Anwalt (Michael Fassbender), den alle nur "Counselor" nennen. Dieser Rechtsbeistand hat scheinbar alles: Geld; Statussymbole; eine schöne Verlobte, die ihn liebt; ein Leben, das lebenswert ist. Und doch lässt er sich auf den Deal mit den Gangstern ein, der zu einer Serie gewalttätiger Ereignisse führt, die, ganz ähnlich wie die Drahtschlinge in Rainers Horrorgeschichte, sich unbarmherzig immer weiter zuzieht und ihm die Luft zum Atmen abschneidet.

Ridley Scotts jüngster Film "The Counselor" ist reich an solchen pittoresken Geschichten, die in elaboriert-feinziselierten Monologen dargeboten werden und deren grausame Metaphern früher oder später in hochsymbolischen Bildern und ganz konkreten Schreckenstableaus eingelöst werden. Die Frage ist nicht, ob die elektrische Garotte im Laufe des Films zum Einsatz kommt, sondern wann - und wer mit ihr getötet werden wird. In Scotts Film ist, analog zu Cormac McCarthys literarischen Höllenvisionen, die von pragmatischen Menschenfressern, religiösen Fanatikern und emotionslosen Serienmördern bevölkert sind, der Mensch des Menschen Wolf. Die hyperrealistischen Innenräume, von dezent eingesetztem Kunstnebel und sorgfältig gesetzten Lichtbahnen modelliert, stellen den nachgerade surrealen Kontrapunkt zur rohen Grausamkeit der Geschichte dar. Jedes Kleid, jeder Anzug scheint auf den Bildhintergrund abgestimmt, die innerlich leeren Menschen, die in diesen exquisiten Räume leben und sterben, gehen im Dekor auf, sind eher ein Teil der Ausstattung als echte Menschen.

Doch natürlich ist dies das Konzept dieses Films. Ridley Scott kommt wie sein kürzlich gestorbener Bruder Tony aus der Werbebranche und hat zahlreiche Werbeclips inszeniert, bevor er in den 1980er Jahren mit einer Reihe brillant ausgestatteter Spannungsfilme reüssierte. Wie in seinen frühen Filmen zeigt sich Scott mit "The Counselor" als Ästhet und Formalist, als Arrangeur und Designer hermetisch abgeschlossener Welten. Die Lebensumstände des Counselor erscheinen uns dabei so fremd wie die streng ritualisierte Welt der "Duellisten" in Scotts gleichnamigen Debüt von 1977 ("The Duellists"), von Sigourney Weavers Weltraumfahrerin Ripley in dem schwarzen Weltraummärchen "Alien" ("Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt; 1979) oder das Leben des Replikantenjägers Deckard (Harrison Ford) in dem Future-Noir "Blade Runner" (1982). Wenn man so will, dann könnte "The Counselor", dieser von einer gänzlich deterministischen Logik bestimmte Sunshine Noir, auch auf dem Mars spielen, so fremd sind uns die Menschen hier.

Vor und hinter der Kamera versammelt Scott, der auch als Produzent fungiert, viele große Namen. So legt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Cormac McCarthy, der sich seit den 1960er Jahren als Spezialist für Neo-Western etabliert hat und dessen grimmiger Humor und dezidiert düstere Weltsicht bereits die Adaptionen seiner Romane "No Country for Old Men" (2007; R: Joel & Ethan Coen) und "The Road" (2009; R: John Hillcoat) infiziert hatten, für "The Counselor" sein erstes Originaldrehbuch vor. Die Kamera führte der exzellente "Pirates of the Caribbean"-Kameramann Dariusz Wolski, den Schnitt besorgte der zweifachen Oscar-Gewinner Pietro Scalia ("JFK"; 1992). Die internationale Cast wird angeführt von dem Iren Michael Fassbender, den US-Amerikanern Cameron Diaz und Brad Pitt (hier im weißen Anzug mit Designer-Stetson), den Spaniern Penélope Cruz sowie Javier Bardem (mit sensationell zerzauster Frisur). In Gastauftritten sind unter anderem "Carlos"-Darsteller Édgar Ramírez, "Perdita Durango"-Naturgewalt Rosie Perez sowie Bruno "Der Untergang" Ganz als Diamantenhändler zu sehen.

Und doch ist "The Counselor" kein Film für das große Publikum, dem er zu langweilig, zu leer, zu nihilistisch und zu grausam erscheinen dürfte. Als starbesetzter Unterhaltungsfilm ist Scotts jüngster Film gescheitert, wenn auch auf eine reizvolle Weise: Die Handlung zerfällt in Einzelszenen, manche davon furios und mitreißend, andere schlicht prätentiös und geschwätzig. Insbesondere Fassbenders Protagonist bleibt ein leeres Zentrum; eine Figur die in die Hölle hinabsteigt und der man dabei fast teilnahmslos zusieht. Drive kommt so nicht auf - für einen Thriller eigentlich unverzeihlich. Obendrein treibt die deutsche Synchronfassung den Dialogen das Gewirr der Dialekte aus. Trotz aller offenkundigen Schwächen, ist "The Counselor" nach einer Reihe mittelmäßiger Versuche im Mainstream jedoch einer der interessantesten Filme dieses Regisseurs seit langer Zeit. Hilfreich zum Verständnis ist dabei am ehesten eine Einstellung, wie sie François Truffaut im Rückblick auf seine Kritikertätigkeit formulierte, als er schrieb, dass sein "Vergnügen oft da anfing, wo das meiner Kollegen aufhörte: bei Renoirs Stilbrüchen, bei Orson Welles' Exzessen, bei Pagnols oder Guitrys Schlampereien, bei Cocteaus Anachronismen, bei Bressons Nacktheit." Voller Stilbrüche, Exzesse, Schlampereien und Anachronismen ist auch Scotts Film. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, kann unter der polierten Oberfläche dieses vermeintlichen Ausstattungsfilms in einen tiefen Abgrund blicken - und der starrt zurück.

Diese Kritik ist zuerst erschienen auf: themroc-filmblog

Harald Steinwender

Benotung des Films: (7/10)


The Counselor
USA / Großbritannien 2013 - 117 min.
Regie: Ridley Scott - Drehbuch: Cormac McCarthy - Produktion: Paula Mae Schwartz, Steven S. Schwartz, Nick Wechsler, Ridley Scott, Cormac McCarthy, Mark Huffam, Michael Schaefer, Michael Costigan - Kamera: Dariusz Wolski - Schnitt: Pietro Scalia - Musik: Daniel Pemberton - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Natalie Dormer, Michael Fassbender, Brad Pitt, Javier Bardem, Cameron Diaz, Penélope Cruz, John Leguizamo, Dean Norris, Goran Visnjic, Sam Spruell, Rosie Perez, Bruno Ganz, Christopher Obi, Alex Hafner, Rubén Blades
Kinostart (D): 28.11.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2193215/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...