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Art War

(Deutschland / Ägypten 2014; Regie: Marco Wilms)

Revolution als Langzeitprojekt

foto: © missingfilms
"Jede Revolution ist ein Würfelwurf" - an diesen Filmtitel von Huillet/Straub nach Mallarmé mag man sich erinnern, wenn man "Art War" sieht. Geplant hatte der Berliner Filmemacher Marco Wilms ein Porträt des streitbaren Politologen Hamad Abdel-Sawad, hierzulande wohl am besten bekannt als Sidekick von Henryk M. Broder in dem Fernsehstück "Entweder Broder - Die Deutschland Safari". Doch dann wurden Abdel-Sawad, Wilms und letztlich auch der Film "Art War" von den Ereignissen in Ägypten im Frühjahr 2011 überrollt - und aus dem Filmporträt wurde eine Folge kürzerer Filmporträts, organisiert entlang der Chronik der laufenden Ereignisse.

So teilt sich Abdel-Sawad die Bühne mit dem Musiker Ramsy, den Künstlern Ganzeer und Ammar und der Sängerin Bosaina. Schnell wird klar, dass die jungen Künstler den Aufbruch gegen Mubarak als Befreiung erleben, als Chance, ihre Vorstellungen eines selbstbestimmten und selbstbewussten Lebens zu realisieren. Und diese Befreiung dokumentiert sich in mannigfaltiger Kunst: Musik, Graffiti-Wandmalereien, Performance-Kunst. Am interessantesten sind die Passagen des Films, die die Graffiti-Künstler bei der Arbeit zeigen.

Neben Facebook und Smart-Phones hatten die Wandmalereien im Verlauf der ägyptischen Revolution die Funktion der Aufklärung: Einmal wird gezeigt, wie das Foto eines Snipers in Polizeiuniform durch Steckbrief-Graffiti öffentlich gemacht wurde. Doch die äußerst selbstbewussten Protagonisten von "Art War", allesamt bereits entschieden auf dem Weg nach Westen, unterschätzen in ihrer Euphorie die Trägheit des Aufbruchs und die Dynamik des Reaktionären. Der Film selbst tut es ihnen dabei gleich, wenn er glaubt, die Muslimbrüder etwas simpel »entlarven« zu können.

Es hagelt kleine und größere Niederlagen und Rückschläge, die zur Ernüchterung führen. Im Februar 2012 müssen überlebensgroße Märtyrer-Porträts an die Mauern der Mohammed-Mahmud-Straße gemalt werden, um der Toten von Port Said zu gedenken. Auf Mubarak folgt Mursi folgt der Militärputsch: Der Film zeigt eine Gesellschaft im Übergang, zerrissen von widersprüchlichen Ungleichzeitigkeiten. Die Protagonisten gehen durch ihre rückhaltlose Mitwirkung an diesem Film hohe Risiken ein. Abdel-Sawad hat früh darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Theaterstück "Aufbruch in Ägypten" sehr lang dauern dürfte, zumal noch nicht einmal der erste Akt zu Ende gespielt ist. Kann man sich auf die Position zurückziehen, dass - egal ob Sieg oder Niederlage - die Revolution der Motor der Geschichte ist? Ägypten ist in Bewegung: Man wünscht den Protagonisten dieser packenden Dokumentation, dass am Ende die Richtung in ihrem Sinne stimmt.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (6/10)


Art War
Deutschland / Ägypten 2014 - 90 min.
Regie: Marco Wilms - Drehbuch: Marco Wilms - Produktion: Marco Wilms, Marlen Burghardt - Schnitt: Stephan Talneau - Verleih: missingFILMs -
Kinostart (D): 23.01.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3385408/

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