filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Le passé - Das Vergangene

(Frankreich 2013; Regie: Asghar Farhadi)

Dialektik der Sprachlosigkeit

foto: © camino / studiocanal
Die erste Szene. Am Flughafen. Zunächst vergeblich versucht eine Frau einen Mann, der an der Gepäckausgabe steht, auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind getrennt durch eine dicke Glasscheibe. Dass die in Schuss und Gegenschuss gefilmte Szene gerade keinen Dialog zeigt, sondern wie er verhindert wird, ist bezeichnend. Mit dem Außenvorsein der Frau ist der Zuschauer mitten drin in diesem Film, in dem es um die Unfähigkeit miteinander zu kommunizieren und ihre Folgen gehen wird. Dabei wird viel durch - oft regenverhangene - Scheiben gefilmt. Auch die Titeleinblendung: "Le passé" erscheint wie auf einer Scheibe und wird dann nach und nach von einem Scheibenwischer von der Leinwand gekratzt, bis sie vollständig verschwunden ist. Würde das Vergangene aber, einmal "weggewischt", verdrängt und vor allem totgeschwiegen, fortbleiben, könnte direkt nach dem Titel der Abspann beginnen.

Ahmad (Ali Mosaffa) kommt nach vier Jahren aus Teheran zu seiner Frau Marie (Bérénice Bejou) nach Paris zurück, um sich scheiden zu lassen. Jedoch hat Marie nicht, wie er sie gebeten hatte, ein Hotelzimmer für ihn bestellt, sondern er soll bei ihr in ihrem baufälligen Häuschen in einem Vorort leben. Erst dort angekommen erfährt Ahmad, dass sie einen neuen Freund hat, dass sie sich scheiden lassen will, um wieder heiraten zu können. Damit nicht genug: Der neue Freund, Samir (Tahar Rahim), lebt teilweise bei ihr, mit seinem fünfjährigen Sohn Fouad (Eleys Aguis), mit dem sich Ahmad nun ein Doppelstockbett teilen soll. Außerdem begegnet Ahmad hier Léa (Jeanne Jestin) und Lucie (Pauline Burlet) wieder, Maries Töchtern aus erster Ehe. Während ihn die kleine Léa begeistert empfängt, macht sich die jugendliche Lucie erst mal rar. Was nicht an ihm liegt, sondern am angespannten Verhältnis zu ihrer Mutter. Ahmad findet bald heraus, dass Lucie mit der neuen Beziehung Maries nicht einverstanden ist. Jedoch erschließt sich ihm in dem komplexen familiären Gefüge, wo niemand wirklich offen und ehrlich mit dem anderen spricht, erst sehr allmählich, warum: Samirs Frau Céline liegt im Koma, nach einem Suizid-Versuch, den sie beging, weil sie von der Affäre ihres Mannes mit Marie erfuhr.

"Le passé" ist der siebte Film Asghar Farhadis, und der erste, der nicht im Iran, sondern in Frankreich und komplett auf Französisch gedreht wurde. Der Film knüpft zunächst deutlich an die Vorgänger an. Und zwar sowohl was die Themen von dysfunktionalen Familien, Trennungen und Schuld anbelangt, als auch in der Struktur. Ins Zentrum seiner Filme stellt der Regisseur oft ein Rätsel mit dezidiert kriminologischen Zügen. Nach dem Verschwinden einer jungen Frau ("Alles über Elly") etwa oder der Klärung der Umstände, unter denen eine andere junge Frau ihr ungeborenes Kind verlor ("Nader und Simin"), geht es nun darum, warum wiederum eine junge Frau versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Viel wichtiger als die Tatsache, dass dieses Rätsel in allen Filmen schließlich mehr oder weniger vollständig aufgelöst wird, ist, dass durch sie Konflikte zwischen den Figuren aufbrechen und zu Tage treten, die vorher nur unter der Oberfläche gärten und brodelten.

Durch den Wechsel des Schauplatzes merkt man jedoch auch deutliche Akzentverschiebungen. In allen vorangegangenen Filmen seit "Fireworks Wednesday" (2006) spielte soziale Segregation eine entscheidende Rolle. Die zentralen Konflikte entstanden oft zwischen einer gehobenen Teheraner Mittelschicht und ihren Bediensteten. Außerdem ging es häufig um die Rolle der Frau in einer Gesellschaft, die sich in einem Spannungsfeld zwischen religiöser Tradition und moderner Lebenswelt befindet. In "Nader und Simin", dem mit dem Oscar und dem goldenen Bären prämierten Vorgänger zu "Le passé", findet sich hierfür eine wunderbare Szene. Eine Frau, die einen senilen alten Mann pflegen soll, muss ihn sauber machen, nachdem er sich eingemacht hat. Sie ruft bei einer Hotline für religiöse Fragen an, um sich zu erkundigen, ob das mit den Moralvorstellungen des Koran vereinbar ist.

In "Le passé" nun spielen weder soziale noch Geschlechterfragen eine bedeutende Rolle. Vielmehr geht es um die vielfältigen psychologischen Verwicklungen eines modernen westlichen Familiengefüges, in dem der Regisseur, das ist definitiv eine Leistung, so souverän den Überblick behält, dass es aussieht, als ob es eine Leichtigkeit wäre. Wurden in den iranischen Vorgängern in die jeweiligen Fälle auch die Behörden (Richter, Polizei) mit einbezogen; spielten auch äußere Zwänge immer eine Rolle (vom "was sollen denn die Nachbarn denken" bis zur Migration auf der Suche nach einem besseren Leben), werden die vielfachen Konflikte und moralischen Dilemmata in "Le passé" ganz ins Innere der Figuren und ihrer Beziehungen verlagert.

Paradoxerweise treibt aber gerade dieser Film Farhadis Tendenz, seine Sozialdramen wie Krimis zu erzählen, auf die Spitze. Die - teilweise beträchtliche - Spannung ergibt sich ganz aus der zunehmenden Anspannung in und zwischen den Figuren. Den zahlreichen plot twists liegt immer ein psychologisches Moment zu Grunde; sie ergeben sich aus Verschiebungen, Übertragungen, Ersatzhandlungen.

Farhadi beweist einmal mehr, dass er ein Regisseur ist, der sich darauf versteht, hervorragendes Handwerk ganz in den Dienst seiner Erzählung zu stellen. Wurde in "Nader und Simin" noch viel mit der Handkamera gedreht, bleibt die Kamera in "Le passé" überwiegend statisch und ruhig. Wenn jedoch gestritten wird, was häufig vorkommt und selten zu irgendwelchen Lösungen führt, fängt er die destruktive Dynamik des Geschehens in hektischen Schwenks und Bewegungen ein.

Ein weiterer Punkt, der maßgeblich zum Gelingen des Films beiträgt, sind die grandiosen Schauspieler. Vor allem Bérénice Bejou brilliert als Frau, die das Geschehen gerne lenken würde, der es jedoch immer weiter entgleitet. Wenn Farhadis Filme oft voller latenter Aggressionen sind, die sich dann mehr oder weniger plötzlich in verbalen und/oder körperlichen Gewaltausbrüchen entladen, dann findet er in Ali Mosaffa und Tahar Rahim zwei ideale Schauspieler dafür. Sie machen die Feindseligkeit zwischen den beiden Männern deutlich spürbar, ohne dass sie ausgesprochen werden müsste. Den Gegenpol dazu bildet das expressive Spiel der mindestens ebenso beeindruckend agierenden Kinder. Allen voran Elyes Aguis als Fouhad.  

Farhadi sagte in einem Interview: "In meinen Filmen drücken die Personen sich indirekt aus. Das ist Teil meiner Kultur, aber ich setze das auch als dramaturgisches Mittel ein. In Frankreich ist das nicht üblich (…) im Allgemeinen sind die Franzosen direkter." Umso interessanter, dass es gerade in Farhadis erstem französischen Film um das Problem von Menschen geht, miteinander zu reden - in einer vermeintlich offenen und aufgeklärten Gesellschaft. Dialektik der Sprachlosigkeit.

Nicolai Bühnemann

Benotung des Films: (8/10)


Le passé - Das Vergangene
OT: Le passé
Frankreich 2013 - 130 min.
Regie: Asghar Farhadi - Drehbuch: Asghar Farhadi - Produktion: Alexandre Mallet-Guy - Kamera: Mahmoud Kalari - Schnitt: Juliette Welfling - Verleih: Camino / StudioCanal - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Bérénice Bejo, Tahar Rahim, Ali Mosaffa, Pauline Burlet, Elyes Aguis, Jeanne Jestin, Sabrina Ouazani, Babak Karimi, Valeria Cavalli
Kinostart (D): 30.01.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2404461/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FRK, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...