filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der Butler

(USA 2013; Regie: Lee Daniels)

Black History mit Fassung und ohne Haltung

foto: © prokino
Alle African-Americans, so heißt es früh und programmatisch im Dialog von "The Butler", haben zwei Gesichter; eines davon ist für die Weißen gedacht, deren Erwartungen immer und überall zu antizipieren seien. Das ist als Rat und Mahnung an die Titelfigur ausgesprochen, gilt aber auch für den Film selbst: Auch das Biopic "The Butler" folgt einer ostentativen Zwei-Gesichter-Logik, erzählt in Dopplungen und Innen-Außen-Kontrasten das Leben von Cecil Gaines, basierend auf der Biografie eines Mannes, der als schwarzer Diener im Weißen Haus unter acht US-Präsidenten, von Truman um 1950 bis Reagan Mitte der 1980er Jahre, stets die Form wahrt. Seine Haltung heißt Zurückhaltung.

Familie Gaines frönt zuhause in bescheidenem kleinbürgerlichen Wohlstand und Freundeskreis wechselnden Tanz- und Textilmoden und verfolgt besorgt Bürgerrechts- und Vietnamproteste im Fernsehen; ihr älterer Sohn begehrt gegen den  rassistischen Status quo auf, erfährt weiße (Staats-)Gewalt am eigenen Leib und vor Ort, als Aktivist, später als demokratischer Mandatar. Cecils stoische Dienstpose ist so unerschütterlich wie seine Verhärtung gegenüber dem quasi missratenen Filius - oder wie die pazifistisch protestierenden Freedom Riders, die beim Sitzstreik im "weißen Sektor" eines Südstaaten-Diners ihr Recht, bedient zu werden, im Licht der Medienöffentlichkeit und unter Prügeln und Schmähungen des Redneck-Mobs ertrotzen; im Parallelschnitt servieren Cecil und Kollegen beim Präsidentendinner, dazu läuft Vintage Motown Soul. (Den zeitweise militanten Sohn spielt übrigens der Brite David Oyelowo - zuletzt zu sehen in der kleinen, aber markanten Rolle des schwarzen Corporal, der Lincoln zu Beginn von Spielbergs Film ein paar deutliche mahnende Worte mit auf den Weg in sein Sklavereiabschaffungsprojekt gibt.)

Die Leitdifferenz "weiße (Welt-)Herrschaft, schwarzes Personal" hätte sich zur Klassen- und Machtspiel-Satire nach Art von Jean Renoirs "Die Spielregel" ausbauen lassen. Doch Regisseur Lee Daniels bedient (nach seinen Innenansichten schwarzen Familienlebens on welfare samt fürsorglicher weißer Sozialarbeit 2009 in "Precious") das Register des Nationalgeschichtsbilderbogens und da auch gleich ein allzu prominentes Modell: Nicht nur dem Namen von Darsteller Forest Whitaker nach erinnert Cecils passive Zeugenschaft, zumal gegenüber den Konflikten der 1960er, an "Forrest Gump" - jenen Wohlfühlfilm, der vor zwanzig Jahren die Geschichte sozialer und politischer, insbesondere schwarzer Kämpfe (und Stile) in weiß-liberaler, postpatriarchaler Perspektive appropriierte. Nun zeigt Daniels' black history-Konsensdrama alle an ihrem erwartungsgemäßen Platz: den als Rüpel notorischen (und schon 1994 mit Forrest Gumps Popo befassten) Präsident Johnson auf dem Klo, JFK tief bewegt vom Unrecht der racial segregation vor dem Fernseher, Nixon in Paranoia und Angstschweiß, dessen Nachfolger Ford und Carter gar nicht (zu unergiebig, weil unbekannt, also Zeitsprung von den Mittsiebzigern in die Mittachtziger), Reagan schließlich als Mann der Symbolpolitik (der seinem Butler die Peinlichkeit antut, ihn als Gast eines White House-Dinners einzuladen). Oprah Winfrey tritt als Mrs. Gaines auf und spielt dabei weniger sich selbst als vielmehr ihre eigene, dankbar Self-Improvement-Anweisungen aus dem Fernsehen entgegennehmende Kernzielgruppe.

Momente des Rekurses auf die Macht und Alltagspräsenz medialer Bilder - so auch, wenn der Streit der konformistischen Eltern mit ihrem radikalisierten Sohn und dessen Afro-Hairstyle tragender Freundin in Debatten darüber mündet, ob Sidney Poitier in seinen einschlägigen Hollywood-Erfolgsrollen Ende der 1960er als Protest-Ikone oder als rich Uncle Tom zu beurteilen sei - deuten stellenweise Bereitschaft zur Reflexion an, die "The Butler" ansonsten vermissen lässt. Ärgerlich wird die aalglatte Kurz(um)schrift in Sachen Historiografie von black emancipation struggles dort, wo etwa die Black Panthers so schlecht wegkommen wie einst in "Forrest Gump", weil da offenbar irgendwie Gewalt im Spiel ist (und mit dem Irrweg des Extremismus entsorgt der Film auch gleich, ganz auf Männerschicksalswege zur Würde fokussiert, die Figur der militanten Freundin des Sohnes). Und als gälte es später, solche Gesten der Antizipation weißer Mainstream-Erwartungen durch einen Tupfer Verbalradikalismus zu kompensieren - der eigentlich weniger radikal als bloß brüskierend, aufrechnend und keineswegs erhellend ist -, vergleicht der gealterte Cecil gegen Ende in einem tiefsinnig resümierend daherkommenden inneren Monolog die Konzentrationslager der Nazis mit zweihundert Jahren des aufgezwungenen Elends in Entrechtung für African Americans. (Wären Sklaverei oder auch die bis heute institutionalisierten Rassismen in den USA oder hierzulande ohne einen solchen Schockvergleich nicht schlimm genug?)

Am Ende regiert Eintracht: Zwar hat der Butler bei Reagans (Alan Rickman) gekündigt - vielleicht, weil er trotz alle fünfzehn Jahre wiederkehrender Anfrage beim Personalchef noch immer nicht gleich viel bezahlt kriegt wie die weiße Belegschaft im Weißen Haushalt, oder weil die US-Regierung das Apartheidregime in Südafrika hartnäckig unterstützt, oder weil ihm das hohle Rumgetue von First Lady Nancy (Jane Fonda) in Sachen Dinner-Einladung unsympathisch war. Irgendwie so; das Entwerfen von minoritärer Geschichte im Zeichen und Rahmen der majoritären Staatsmacht und auf deren Anerkennung hin wird dadurch nicht weiter infrage gestellt, und das "serving the country" behält einen erbaulichen Charakter. Dafür kommen nun Vater und Sohn an einem (nicht erst seit dem Tod des Betreffenden) hochgradig konsensergiebigen Ort wieder zueinander, nämlich bei einer Demo für die Freilassung von Nelson Mandela, sowie dann - Zeitsprung, weil ja doch zwischen 1986 und 2008 sehr wenig passiert - schlussendlich noch im Stolz über die Präsidentschaftskandidatur von Barack Obama. Eine schwarze Erfolgsstory nach weißen Spielregeln: Ihr formvollendetes Kontinuum verrät mehr von gut eingeübter Erzähletikette als von konkreten Ermächtigungsprozessen.

Drehli Robnik

Benotung des Films: (3/10)


Der Butler
OT: The Butler
USA 2013 - 130 min.
Regie: Lee Daniels - Drehbuch: Lee Daniels, Danny Strong - Produktion: Lee Daniels, Cassian Elwes, Buddy Patrick, Laura Ziskin - Kamera: Andrew Dunn - Schnitt: Joe Klotz - Musik: Rodrigo Leão - Verleih: Prokino - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Alex Pettyfer, John Cusack, Robin Williams, James Marsden, Alan Rickman, Liev Schreiber, Jesse Williams, Cuba Gooding jr., Minka Kelly, Forest Whitaker, Terrence Howard, Melissa Leo, Vanessa Redgrave, Jane Fonda, Nelsan Ellis
Kinostart (D): 10.10.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1327773/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 25.05.2017

Song to Song

(US 2017; Terrence Malick)
Häutungen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?