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Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll

(USA 2013; Regie: Steven Soderbergh)

Die große Erzählung

foto: © dcm
Für dramatische schwule Rollen gilt etwa das gleiche, was Kate Winslet in der britischen Comedy-Serie "The Extras" mal über die Hauptrollen in Filmen über den Holocaust gesagt hat: Sie sind reines Oscar-Material. Michael Douglas' letzte denkwürdige Rolle liegt inzwischen eine Weile zurück, einen Oscar wird er aber auch für seine Darstellung der amerikanischen Las Vegas/Camp-Ikone Liberace in Steven Soderberghs gleichnamigem Biopic nicht bekommen. Produziert hat der amerikanische Bezahlsender HBO, in den USA lief der Film nur im Fernsehen. In Europa dagegen kommt "Liberace" noch in die Kinos.

In anderen Händen als in Soderberghs hätte "Liberace" leicht zur Farce geraten können. Soderbergh interessiert sich freilich nur vordergründig für den flamboyanten Glamour, in dem die Chimäre Liberace abgetaucht war. Liberace war ein wandelndes Paradoxon. Er lebte der Öffentlichkeit eine blütenweiße Scheinexistenz vor, während seine Auftritte eindeutige Codes aussendeten, die 1977, das Jahr, in dem der Film beginnt (zu Silvesters "I Feel Love"), für Insider leicht dechiffrierbar waren. "Ich wusste gar nicht", meint Matt Damen als Liberaces späterer Liebhaber Scott Thorson beim Anblick der älteren Damen und Herren, "dass dieses Publikum etwas so Schwules gut finden würde." "Sie wissen nicht, dass er schwul ist", erklärt ihm sein Begleiter.

Soderbergh erzählt diesen Widerspruch mnicht als persönliches Drama, sondern als Spiel, das Lberace eine nicht unbeträchtliche Macht uber seine Mitmenschen verlieh. Douglas spielt diese Figur, die auf den Memoiren von Scott Thurson beruht, als zerrissenen Charakter: einerseits getrieben von seiner Lust auf junge Männer, andererseits als zutiefst paranoiden Menschen, der hinter jeder Zuwendung Verrat witterte. Wenn Liberace (mit Hermelinmantel und goldenem Rolls-Royce) und Scott gemeinsam billige Sexclubs aufsuchen, kommt darin ein Überlegenheitsgestus: die Unantastbarkeit des Superstars zum Ausdruck. Gleichzeitig kündigt die Szene einen dramatischen Bruch an, der mit einer Schlagzeile über den Tod Rock Hudsons schließlich auch gesellschaftlich evident ist.

"Liberace" ist für Soderbergh-Verhältnisse ein interessantes Schlussplädoyer. Nachdem seine letzten Kinofilme etwas guerillamäßig heruntergedreht waren, beweist er nun ausgerechnet mit einem Fernsehfilm, dass er die große Kinoerzählung noch immer beherrscht.

Andreas Busche

Benotung des Films: (7/10)


Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll
OT: Behind the Candelabra
USA 2013 - 119 min.
Regie: Steven Soderbergh - Drehbuch: Richard LaGravenese, Scott Thorson, Alex Thorleifson - Produktion: Susan Ekins, Gregory Jacobs, Michael Polaire - Kamera: Steven Soderbergh - Schnitt: Steven Soderbergh - Musik: Marvin Hamlisch - Verleih: DCM - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Matt Damon, Michael Douglas, Rob Lowe, Dan Aykroyd, Boyd Holbrook, Debbie Reynolds, Caroline Jaden Stussi, Scott Bakula, Max Napolitano, Paul Reiser, Kiff VandenHeuvel, Nicky Katt, Cheyenne Jackson, Eddie Jemison, Tom Papa
Kinostart (D): 03.10.2013
DVD-Start (D): 21.03.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1291580/

Details zur DVD:
Bild: 1.78:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Making of, Interviews, Trailer - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Universum

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