Die Sanfte

(FRK 2017; Regie: Sergey Loznitsa)

Entmenschlichte Menschen

Die Kiste mit den Lebensmitteln und der Kleidung kommt wieder zurück. Vergeblich versucht Aljonka (Vasilina Makovtseva), die Sachen ihrem Mann ins Gefängnis zu schicken. Während dieser angeblich unschuldig inhaftiert ist, lebt seine schweigsame Frau allein mit ihrem Hund in einem abgeschiedenen, verwitterten Holzhaus auf dem Land. Nachts bewacht sie eine kleine, heruntergekommene Tankstelle, was aber keinen Sin macht, wie ihr eine Kollegin zu verstehen gibt. Auch Aljonkas Nachfragen und zaghaften Beschwerden auf dem städtischen Postamt bringen nichts ein. Die resolute, unfreundliche Schalterbeamtin weist sie barsch zurück, die verhärmten Umstehenden haben ihre eigenen Sorgen und auf dem Rückweg im überfüllten Bus findet sie sich wieder inmitten zeternder und schimpfender Menschen. Die Klagen der Leidgeprüften werden sich später, flankiert von patriotischen Reden und wehmütigen Gesängen, wie in einer auf ewig deprimierenden Endlosschleife wiederholen.

Sergey Loznitsa schickt in seinem neuen, erschütternden Film „Die Sanfte“ seine passive Heldin nämlich auf die Reise in eine ferne russische Gefängnisstadt. Von Hindernissen und Zurückweisungen, Kontrollen, Schikanen und Enttäuschungen gekennzeichnet, wird diese Fahrt durch das beschädigte Leben eines kaputten Landes immer mehr zum kafkaesken Trip ins Ungewisse eines undurchschaubaren Systems. Vor allem aber führt Aljonkas zum Scheitern verurteilter Versuch, das Paket persönlich zu überbringen, mitten hinein in den Hass einer Gesellschaft, deren Mitglieder in einem permanenten Gegeneinander gefangen sind. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, zitiert ein Taxifahrer genüsslich Hobbes, bevor er ein Hohelied auf den Nutzen des Gefängnisses anstimmt: Es schütze die Menschen und sichere das wirtschaftliche Überleben der Stadt. Dann bringt er die ahnungslos erscheinende Aljonka in eine billige Absteige, wo sie in ein wüstes, von deprimierender Hässlichkeit gezeichnetes Saufgelage gerät.

In Sergey Loznitsas ebenso realistischer wie grotesker Parabel auf den entmenschlichten Menschen, der in einer sich ewig fortsetzenden Hölle gefangen ist, wird die gleichmütige, unentwegt behördlicher Willkür und Gewalt ausgesetzte Heldin zu einer unfreiwilligen Führerin in die Abgründe einer zerstörerischen Gesellschaft. Deren Kälte und Aggressivität kontrastieren mit dem warmen Licht und den Sepiafarben des Films. In den langen Einstellungen des rumänischen Bildgestalters Oleg Mutu wechseln sich räumlich gestaffelte, parallele Handlungen akzentuierende Kompositionen ab mit Arrangements zusammengedrängter Körper und Gesichter, die beeindruckend authentisch sind. Deren müder, ausgemergelter Ausdruck spiegelt eine schlafende Gesellschaft, die von mächtigen, unsichtbaren „Chefs“ gelenkt wird. „Für die sind Menschen nichts“, sagt einmal einer über deren Niedertracht. In dieser Schlechtigkeit sind jedoch, jeder auf seine Weise, alle gefangen. Schließlich geht es in der verstörend absurden Zuspitzung von Loznitsas Film um nichts weniger als um die Einheit von Volk und Gefängnis.

Die Sanfte
(Krotkaya)
Frankreich 2017 - 143 min.
Regie: Sergey Loznitsa - Drehbuch: Sergey Loznitsa - Produktion: Marianne Slot, Peter Warnier, Gunnar Dedio, Olivier Père, Marc van Warmerdam - Kamera: Oleg Mutu - Schnitt: Danielius Kokanauskis - Verleih: Grandfilm - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Vasilina Makovtseva, Liya Akhedzhakova, Valeriu Andriutã
Kinostart (D): 03.05.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5618752
Foto: © Grandfilm

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