Transit

(D/F 2018; Regie: Christian Petzold)

In der Schwebe

Ein Klima aus Angst, Verfolgung und Misstrauen liegt über der Stadt. Polizei-Sirenen als Signale der Hetze hallen bedrohlich durch die Straßen von Paris. Im Frühjahr 1940, angesichts der heranrückenden deutschen Armee, kündigen sie brutale Razzien und willkürliche Verhaftungen an. Mit einem sogenannten „Frühjahrsputz“ soll die französische Metropole „gesäubert“ und „dicht gemacht“ werden. Immer enger legt sich die Schlinge aus Denunziation und Gewalt um den eingeschränkten Bewegungsradius von Exilanten, Flüchtlingen und jüdischen Mitbürger. Wer sich nicht verstecken kann, hat bald nur noch die gefährliche Option, sich irgendwie in die noch feie Zone im Süden des Landes durchzuschlagen. Christian Petzolds trotzdem in warmes Licht getauchter Film „Transit“, eine freie Adaption von Anna Seghers gleichnamigem, autobiographisch inspiriertem Roman, macht die unwirkliche Normalität dieser Klaustrophobie fast körperlich spürbar. Unter den Ausgegrenzten und Verfolgten führen Hunger und Verzweiflung gehäuft zu Selbsttötungen.

Der aus Deutschland geflohene Georg (Franz Rogowski), dessen persönliche Hintergründe weitgehend im Dunkeln bleiben, ist einer von ihnen. Ohne Geschichte erscheint der schweigsame Einzelgänger ebenso geheimnisvoll wie gegenwärtig. Georg ist ein außenstehender Beobachter, der zwar verwickelt ist in die Geschicke seiner Leidensgenossen, der diese aber zugleich beobachtet. Von der anderen Seite aus betrachtet, fungiert er als Spiegelbild, Projektionsfläche und Katalysator. Später, bei seiner Ankunft in Marseille, fühlt er sich gar „unsichtbar“ und geht den Geschichten der anderen Flüchtlinge lieber aus dem Weg. Doch weil er sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer falschen Identität tarnt, wird er zunehmend involviert in die Schicksale der anderen und dabei selbst sichtbarer. Noch in Paris, konfrontiert mit dem Selbstmord des Schriftstellers Weidel, hat er dessen Nachlass an sich genommen. Jetzt, auf der illegalen Fahrt nach Süden, gewähren ihm die augenblickshaften Ausschnitte der vorbeiziehenden Landschaft eine Ahnung der Freiheit.

Das Manuskript des toten Schriftstellers, aus dem mittels Voiceover wiederholt zitiert wird, nutzt Petzold für einen Perspektiv- und Erzählerwechsel, wodurch eine Distanz entsteht. Wie in einem Modiano-Roman resultieren daraus eine melancholische Unbestimmtheit und ein Schweben zwischen Raum und Zeit. Verstärkt wird diese oszillierende Atmosphäre noch dadurch, dass Petzold das Historische im Gegenwärtigen situiert und damit ein gewisses zeitloses Nebeneinander evoziert, in dem die Übergänge fließend sind. Analog dazu befinden sich die Menschen in einem Zwischenraum, wo sie sich, herausgefallen aus der Ordnung des Lebens, eine Passage nach Übersee erhoffen. In diesem prekären Kontext tritt Georg unter falschem Namen immer deutlicher in die Sichtbarkeit. Zeitweise wird er zum Ersatzvater und zum beruhigenden, unerschrockenen Begleiter; er entwickelt Gefühle, empfindet Scham und Schuld und findet sich schließlich als Liebender. Doch im Schattenreich zwischen Leben und Tod, das ganz selbstverständlich den Transitraum der Heimatlosigkeit zwischen Gehen und Bleiben grundiert, bleibt alle Zukunft in der Schwebe.

Transit
Deutschland, Frankreich 2018 - 101 min.
Regie: Christian Petzold - Drehbuch: Christian Petzold - Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber - Kamera: Hans Fromm - Schnitt: Bettina Böhler - Musik: Stefan Will - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt, Sebastian Hülk, Emilie de Preissac, Antoine Oppenheim
Kinostart (D): 05.04.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6675244/
Foto: © Piffl Medien

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