Killer of Sheep (WA)

(USA 1977; Regie: Charles Burnett)

Diese bittere Erde

Ein Vater spricht eindringlich und streng zu seinem Sohn: Er solle endlich begreifen, um was es im Leben gehe und lernen, sich selbst zu verteidigen. Kurz darauf sieht man Kinder und Jugendliche, die sich mit Steinen und Staub bewerfen und dabei hinter Holzschilden Schutz und Deckung suchen. Ihre Kämpfe auf dem von Gerümpel und Schutt übersäten Brachland sind für sie alltägliches Spiel, bei dem Mut erprobt und Kräfte gemessen werden. Immer geht es um Dominanz und Unterwerfung und den Sieg des Stärkeren über den Schwächeren. Begleitet wird das ständige Gegeneinander von lockeren Sprüchen und provozierenden Reden. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, wird hier anschaulich. Im Kampf intensiviert sich das Leben. Von einem sanften Swing-Rhythmus begleitet, gewinnt man aber trotzdem auch den Eindruck, dass sich in einem Unterstrom dieser gewalttätigen Spiele das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft verbirgt.

Der Vater des Jungen heißt Stan (Henry Gayle Sanders) und lebt mit seiner Familie Mitte der 1970er Jahre in ärmlichen Verhältnissen einer überwiegend von Schwarzen bewohnten Vorort-Siedlung von Los Angeles. Stan arbeitet in einem Schlachthaus, wo er Schafe tötet. Er wirkt unglücklich und findet keinen Schlaf. Zu einem Kumpel, mit dem er Domino spielt, sagt er: „Mein Leben wird immer mehr zur Hölle.“ Stans deterministische Weltsicht rechnet nicht mit einer Veränderung. Seine Frau (Kaycee Moore) betrachtet ihn deshalb mit zärtlicher Sorge und sucht bei ihm vergeblich nach Zuwendung. Trotzdem hat man bei ihnen das Gefühl, dass sie sich lieben und verstehen. Einmal tauchen zwei coole Typen auf, die Stan zu einem krummen Ding überreden wollen. Die beiden sind Wölfe im Schafspelz. Sie sagen zu Stan, er solle endlich begreifen, worum es im Leben gehe: „Das Tier hat seine Zähne, der Mann hat seine Fäuste.“ Und: „Man lebt nicht richtig, wenn man Angst hat vor dem Sterben.“ Doch Stan, der geduldig ist wie ein Schaf, versucht, ehrlich zu bleiben.

Trotz dieser sozialdarwinistischen Anklänge und einem ungeschönt realistischen Blick auf schwierige Lebensverhältnisse ist Charles Burnetts Debütfilm „Killer of Sheep“ aus dem Jahre 1977 alles andere als düster. Mit Freunden, Bekannten und wenig Geld an Originalschauplätzen in Watts gedreht, vermittelt er vielmehr eine heitere Gelassenheit. Diese resultiert aus der Offenheit, mit der Burnett den Portraitierten begegnet, und aus der Sympathie, mit der er ihr Scheitern an den Widrigkeiten des Alltags begleitet. Manches davon, eingefangen in einem dokumentarischen, unspektakulären Stil, ähnelt dem Tun des Sisyphos. Die Melancholie von Dinah Washingtons Song „This Bitter Earth“ spiegelt das wider. Trotzdem überwiegt am Ende des Films, als eine Schwangerschaft angekündigt und imaginiert wird, die Hoffnung. Einfühlsam, poetisch und gegen die falschen Bilder Hollywoods macht Charles Burnett eine Black Community – nicht zuletzt in ihrem Flow und ihrer Sprache – sichtbar, deren Lebendigkeit, so der Regisseur, in jedem Augenblick zählt.

Killer of Sheep
(Killer of Sheep)
USA 1977 - 83 min.
Regie: Charles Burnett - Drehbuch: Charles Burnett - Produktion: Charles Burnett - Kamera: Charles Burnett - Schnitt: Charles Burnett - Verleih: Arsenal - Besetzung: Henry G. Sanders, Kaycee Moore, Charles Bracy, Angela Burnett
Kinostart (D): 09.02.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0076263/
Link zum Verleih: http://www.arsenal-berlin.de/berlinale-forum/archiv/programmarchiv/2007/special-screenings/killer-of-sheep.html
Foto: © Arsenal

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