Berlinale 2018 – Notizen und Kritiken

von Redaktion


Pressekonferenz zum Programm der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin: Müdigkeitsgesellschaft

von Ricardo Brunn

Deutlicher kann man sich nicht positionieren. Ohne Schal betritt Dieter Kosslick mit seinem Kurator Thomas Hailer die Bühne und hängt dann knapp eine Stunde lang lustlos wie ein nasser Sack im Hochwassergebiet am Rand des Pults. Namen werden genannt und Filmtitel, teilweise mit einer Aussprache, die entweder Desinteresse oder mangelnde Vorbereitung erahnen lässt.

„Wir haben unsere Kommunikation verändert“, kommentiert Thomas Hailer die neu ausgerichtete Pressekonferenz. So kann man das auch nennen, was der Direktor des größten deutschen Filmfestivals da abzieht.

Dass es in den vergangenen Wochen und Monaten zu sehr um seine Person ging, ist richtig. Aber Größe hätte Dieter Kosslick bewiesen, wenn er gerade jetzt nicht nur die beleidigte Leberwurst gespielt hätte. Es liegt auch in seiner Hand seine letzten beiden Jahre als Direktor zu gestalten. Stattdessen plätschert die Pressekonferenz ohne jede Dramaturgie dahin, müde heruntergespulte Antworten folgen auf allzu bemühte Fragen zu den Filmen, zur Frauenquote, zur #MeToo-Debatte und natürlich zur Post-Kosslick-Ära. Alles ohne jede Spannung in den Gliedern. Ohne Begeisterung und ehrliche Leidenschaft für die Filme oder das Festival.

Der Geist von ’68 soll beschworen werden in diesem achtundsechzigsten Jahr der Berlinale. Das muss ein Witz gewesen sein. Nur es lacht eben keiner. Vielleicht stellte auch deshalb eine Journalistin die im Grunde genommen vollkommen abstruse Frage, ob denn die Berlinale auch 2018 wieder politisch sein. Angesichts der überdachten „Kommunikationsmittel“ konnte man da schon Zweifel bekommen.

Am Ende bleibt das Gefühl, dass man Kosslick von der Bühne zerren und mit ihm – wie Dietrich Brüggeman auf D-Trick schreibt – „vielleicht einfach mal einen drauf machen müsse“. Und die Woche der Kritik stellt am 20. Februar in einem Kneipengespräch die Frage nach der Zukunft der Berlinale passend dazu im Anna Koschke. Dieter, komm doch einfach rum!

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Forum: Grass (R: Hong Sang-soo, KOR 2018)

von Nicolai Bühnemann

Eine Frau und ein Mann sitzen sich am Tisch eines Cafés gegenüber und reden. Diese Szene wird Hong Sang-soo in seinem Film ein ums andere Mal wiederholen und variieren, ja, letztendlich wird fast die gesamte Laufzeit des Films von Szenen bestimmt, in denen zwei oder mehr Frauen und Männern an Tischen (oft aber nicht immer im selben Café) sitzen und reden. Dazu kommt, dass der Regisseur das formal immer wieder ähnlich auflöst, seine Mittel unauffällig aber geschickt einsetzend. Also sind die Redenden und der Tisch zwischen ihnen immer zuerst in einer Halbtotalen gemeinsam im Bild. Dann werden sie und ihre unterschiedlichen Positionen innerhalb der Gespräche durch Schwenks akzentuiert, die mal den/die eine/n der GesprächspartnerInnen, dann wieder sein/ihr Gegenüber in den Blick nehmen. Eine Auflösung der Szenen durch Schuss/Gegenschuss oder überhaupt Schnitte während des Verlaufs der einzelnen Gespräche gibt es nicht.

In der Unterhaltung zu Beginn, die sich langsam zu einer erbitterten Diskussion steigert, geht es um einen tragischen Todesfall: die Freundin des jungen Mannes hat sich das Leben genommen. Die junge Frau, die ihm gegenübersitzt, gibt ihm die Schuld daran, wird im Verlaufe des Gesprächs immer wütender. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich gibt dieses erste Gespräch den Ton des weiteren Films an. Wie hier wird es auch im folgenden immer wieder um Suizid(-Versuche), um Traumata, (Schaffens-)Krisen und auch den Alkohol als Versuch einer Bewältigungsstrategie gehen. Immer wieder sprechen die Figuren vom Trinken und davon, dass sie es damit übertreiben. Die Variation der ewig gleichen Szene schärft den Blick der Zuschauenden für die kleinen Unterschiede umso mehr; von der Position der Kaffeetassen und Gläsern auf den Tischen bis zu den verschiedenen Schicksalsschlägen, die die einzelnen Personen in ihre jeweiligen Krisen stürzen.

Von dem seit geraumer Zeit bei Filmkritik und festival circuit hoch im Kurs stehenden südkoreanischen Regisseur Sang-soo habe ich tatsächlich noch nie einen Film gesehen. „Grass“ ist ein wirklich interessanter Einstieg, der definitiv Lust auf mehr macht. Trotz der ganz großen Themen und der formalen Strenge bewahrt sich der Film eine gewisse Leichtigkeit. Die niedrigen Kontraste seines sanften Schwarz-Weiß tauchen die Figuren in ein Grau, das es irgendwie schafft, heimelig und gemütlich zu wirken. Und die Frau am Nebentisch des Cafés, die an ihrem Macbook sitzt und schreibt (was in diesem – im besten Sinn des Wortes – Redefilm dann auch nochmal auf eine andere Art der Kommunikation zu verweisen scheint), dabei auch über die Geschichten der anderen Figuren reflektiert, diese weiter spinnt und zu ihnen in Kommunikation tritt (bzw. sie zu ihr), ist dann hier eben auch mehr als ein bloßes Alter Ego des Regisseurs als Geschichtenerzähler. Vielmehr hat auch sie eine Geschichte, von der wir zumindest ein paar Fragmente erfahren, die sie Familienangehörigen erzählt. Bei Tisch sitzend. Einander gegenüber.

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Wettbewerb: Las Herederas (R: Marcelo Martinessi, PAR 2018)

von Lena Prisner

Gleich der zweite Wettbewerbsbeitrag sorgt für positive Überraschung: Die Koproduktin aus Paraguay und Uruguay „Las Herederas“ (dt: „Die Erbinnen“) erzählt von zwei älteren Frauen, die in einer Partnerschaft zusammen leben. Eingeführt werden die Figuren anders, als wir sie später im Laufe des Filmes noch kennenlernen. Chela scheint die verschüchterte, ängstliche Spielverderberin, Chiquita die Taffe, Lebensfrohe, mit der man zunächst sympathisieren soll. Das Bild, das man von den Figuren hat, beginnt sich aber zu drehen, als Chiquita wegen ihrer Schulden ins Gefängnis muss. Die anfangs geäußerten Sorgen Chelas, als die beiden auf einer Geburtstagsfeier sind („denkst du, sie wissen davon?“) beginnen nun, Sinn zu ergeben: Was man zunächst noch als Probleme von Chela hätte deuten können, war eigentlich auf Chiquita bezogen. Obwohl die beiden nach und nach sämtliche geerbte Einrichtung des Hauses verkaufen, scheinen die Schulden nicht zu begleichen zu sein.

Mit Chiquitas Freiheitsenzug kommt ein Wendepunkt für Chela. Aus dem verschreckten Mäuschen wird mit der Zeit eine neugierige, würdevolle Dame, die das Abenteuer zu suchen beginnt. So fängt sie an, mit ihrem Auto Fahrdienste anzubieten, obwohl sie, wie später herauskommt, gar keinen Führerschein hat. Obwohl man mit jeder verstreichenden Filmminute auf den doch scheinbar vorprogrammierten Unfall wartet, spielt dieses Spannungselement gar keine tragende Rolle. Ähnlich einer Knospe entfaltet sich die eigentliche Geschichte erst mit der Zeit, und das gelingt Regisseur Marcelo Martinessi mit „Las Herederas“ wunderbar. Denkt man zu Beginn noch, dass Chela doch irgendein unangenehmes Geheimnis hat, so kommt man ihr nach und nach immer näher, was der sensibel geführten Kamera zu verdanken ist. Man versteht, dass sie von Chiquita nicht aufgemuntert, sondern heruntergespielt wird, dass sie nicht beschützt, sondern verkindlicht wird. „Wenn du weiter Auto fährst, könntest du jemanden umbringen“, versucht diese ihr Angst einzujagen.

Und so passiert es, dass mit Chelas Lebensenergie auch ihre Lust erwacht, dessen Zielscheibe eine attraktive Frau mittleren Alters ist – Angy, die ihre sexuelle Offenheit nicht zu verheimlichen versucht. Will Angy Chela provozieren, oder bildet sie sich dessen Interesse an ihr nur ein? Ist sie verrückt, sich Hoffnungen bei ihr auszumalen? Das Gefühlschaos in Chelas Innerem wird durch eine wacklige Kamera, die durch Türspalten spickt und den Hintergrund verschwimmen lässt, gekonnt an den Zuschauer transportiert. Bemerkenswert, wie durch so sanfte Bilder eine elektrisierende Spannung erzeugt wird und man in jeder Szene das Unheil vermutet.

Ältere Frauen in Alltagssituationen vor der Kamera, das alleine ist schon eine Rarität. Dass hier kein einziger Mann in einer Hauptrolle zu sehen ist, soll dabei nicht unerwähnt bleiben. Martinessi aber gelingt es zudem, die stille, aber nicht weniger bewegende Reise einer Frau im letzten Lebensabschnitt zu porträtieren, der es gelingt, noch einmal eine andere Richtung einzuschlagen. Mit dem Auto, das sie eigentlich gar nicht fahren dürfte. Zum Glück tut sie es trotzdem.

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Forum: Last Child (R: Shin Dong-seok, KOR 2018)

von Nicolai Bühnemann

Ein Ehepaar hat seinen Teenager-Sohn verloren. Er ist, so scheint es zunächst, ertrunken, um einem anderen Jungen das Leben zu retten. Der Vater nimmt sich dem (vermeintlich) Geretteten, der einen schweren Stand bei seinen Klassenkameraden hat, an, gibt ihm einen Job in dem von ihm geleiteten Handwerksbetrieb, kümmert sich um ihn. Die Eheleute hat ihre Trauer nicht enger zusammengeschweißt, sondern eher voneinander entfremdet – sie schlafen in getrennten Betten, werden sich über ihre Pläne für neuen Nachwuchs nicht einig. Wo sich der Vater ihm gegenüber auf der Arbeit zunächst kühl distanziert verhält, seine mangelnden Ambitionen und seine Unpünktlichkeit rügt und die Mutter gleich gar nichts von ihm wissen will, weil sie ihn für den Tod ihres Sohnes verantwortlich macht, bauen sie langsam eine immer innigere Beziehung zu ihm auf. Doch der so gefundene Ersatzsohn hütet ein dunkles Geheimnis.

Regisseur Shin Dong-seok legt mit „Last Child“ ein durchaus gelungenes Debüt vor. Der Film verfügt über ein schönes Gespür für Dramaturgie und Cinemascope-Bildkompositionen, die gleichermaßen unauffällig und effektiv sind. Ein Kino der ganz leisen Töne, was sich schon im Einsatz der Musik offenbart, auf die in der ersten Hälfte ganz verzichtet wird, die dann, wenn sich die Konflikte in dem quasi-familiären Figurendreieck weiter zuspitzen, gekonnt, aber eben auch sparsam und subtil eingesetzt wird, um die Dramatik zu steigern. Das Ende ist dann nicht nur denkbar intensiv, sondern vor allem auch deshalb interessant, weil es der Geschichte um den Ersatz von geliebten Menschen durch Stellvertreter um immer neue Schichten zu erweitern scheint. So wird die Rache, die gegen Ende eine ganze Weile bedrückend in der Luft hängt, auch als eine Art Stellvertretertod lesbar. Aber kann an die Stelle der destruktiven Suche nach Vergeltung, auch die konstruktive Macht der Vergebung treten? Kann man jemanden vielleicht nicht töten, weil er für den Tod eines anderen geliebten Menschen verantwortlich war, sondern ihn stellvertretend für diesen retten?

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Wettbewerb: Transit (R: Christian Petzold, D 2018)

von Lena Prisner

Hafenstädte, sagt Georg, haben es an sich, dass die Leute gern von sich erzählen. Weil sie auf Reisen sind, niemanden kennen und viel erlebt haben. So ist es auch in Marseille, als Georg darauf wartet, sein “Transit” zu bekommen: der Beweis, dass er nicht bleiben will. Das ist nötig, um hier zu verweilen, denn es ist der Zweite Weltkrieg und die deutschen Truppen nähern sich der Stadt. Georg hat Manuskripte, Briefe und Pass des Schriftstellers Weidel bei sich, der sich vor kurzem umgebracht hat. Weidels Frau Marie ist ebenfalls in der Hafenstadt. Als Georg vor die Behörden tritt, nehmen die Beamten an, dass er Weidel ist, und nach kurzem Zögern spielt er mit. Der Schriftsteller hatte geplant, mit dem Schiff nach Mexiko zu fliehen, und so wird dessen Vorhaben zu dem von Georg.

Aber die Realität beginnt mehr und mehr zu verschwimmen. Georgs Zeit in Marseille ist wie der Traum eines Sommers, mit Meeresbrise, Eisläden und engen Gassen. Aber die Aufbruchsstimmung wirft ganz klar Schatten auf diese trügerische Leichtigkeit: Die Menschen, denen Georg wieder und wieder begegnet, symbolisieren diese Rastlosigkeit und das ungeduldige Warten auf die Flucht. Die ältere Dame mit dem Hund, die Georg aus der Behörde kennt und die eine immense Traurigkeit ausstrahlt. Oder der Arzt Richard, der wie Georg nach Mexiko will. Und dann die mysteriöse Frau, die Georg mehrfach mit jemandem verwechselt, den sie zu suchen scheint – später erfahren wir, dass es Marie ist, die ihren Mann Weidel sucht. Als ob sie wüsste, dass Georg nun dessen Identität angenommen hat, tippt sie ausgerechnet ihm auf die Schulter. Und dann ist da der kleine Driss, mit dem Georg anfangs Fußball spielt, der Georg nicht mehr sehen will, als er von dessen Reiseplänen erfährt. Alle sind miteinander verwoben, und alle verbindet die Flucht.

Petzolds Romanadaption von Alice Segher (1942 im Exil verfasst) spielt zwar im Zweiten Weltkrieg, findet aber – Kulissen und Kostüme geben darüber Auskunft – in der Gegenwart statt. Dadurch verknüpft der Regisseur geschickt verschiedene Arten von Flucht miteinander und betont die Zeitlosigkeit der Problematik.

Während man Georg durch das sommerliche Marseille folgt und beobachtet, wie er sich Marie annähert, hat man jeden Moment das Gefühl, dass er ihr gleich die Wahrheit sagt. Als sie irgendwann ins Café gestolpert kommt und “endlich hab ich dich gefunden!” ruft, denkt man für einen kurzen Augenblick, dass sie ihn jetzt tatsächlich für Weidel hält.

Alle wollen raus aus Marseille, niemand ist hier, um zu bleiben. Mit jedem Tag, den Georg dort verbringt, spürt man, dass er längst hätte weg sein wollen. Denn die Polizeirazzias übertünchen den Klang der Möwen und die trostlosen Hotelzimmer lassen unruhige Nächte vermuten. “Transit” besitzt Sogwirkung und lässt uns rätselnd über alle Figuren zurück. Wie sie können auch wir uns nicht entscheiden. Mit jedem Schiff hoffen wir, dass sie abreisen und gleichzeitig, dass sie bleiben.

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Wettbewerb: Utoya, 22. Juli (R: Erik Poppe, NOR 2018)

von Lena Prisner

Ist es moralisch vertretbar, einen Spielfilm über einen tatsächlich stattgefundenen terroristischen Akt zu drehen? Der norwegische Regisseur Erik Poppe erzählt eine fiktionale Geschichte über die Situation auf der norwegischen Insel Utoya am 22. Juli 2011, als der rechtsextremistische Anders Behring Breivik dort aus politischem Motiv heraus auf einem Ferienlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei um sich schoss. Dabei kamen 69 Menschen ums Leben. Das Drehbuch basiert auf Erfahrungsberichten Überlebender, drei von ihnen haben die Dreharbeiten begleitet. Andrea Berntzen, die die Hauptfigur Kaja spielt, erklärt in der Pressekonferenz, sie habe die Rolle nur wegen des klaren Fokus auf die Opfer angenommen. Tatsächlich bekommt man den Täter während der 90 Minuten nie richtig zu Gesicht, nur zwei Mal sieht man ihn von Weitem. Einmal blickt die Kamera von unten auf ihn, wie er am Rand einer Klippe regelrecht thront, das Gewehr fest in beiden Händen, auf der Suche nach der nächsten Beute.

Eigentlich ist der Gedanke, die Geschichte der Opfer statt der des Täters zu erzählen, ja ein gutgewollter. Aber wenn das Resultat dann eine 90-minütige Tour de Force ist, die einem den Atem raubt und leiden lässt, dann stellt sich doch die Frage: Wofür das Ganze? Denn die Opfer im Film sind, wie sie es auch in der Realität waren, wirklich und wahrhaftig genau das: Opfer. Machtlos, ausgeliefert, jeglicher Würde beraubt. Und das zeigt der Film uns immer und immer wieder. Er zeigt uns die endlosen Qualen, das Blut und die Verletzten, die Toten und die Sterbenden. Er zeigt uns Jugendliche, die entweder niemals erwachsen werden oder schwer traumatisiert davonkommen werden. Er macht uns Angst vor dem Terror und bereitet uns Entsetzen vor dem Täter. Erik Poppe berichtet, man habe den Überlebenden und deren Familien den Film bereits gezeigt. Man möchte sich nicht ausmalen, was für eine schlimme Erfahrung das gewesen sein muss, wenn der Film schon beim nicht vorbelasteten Zuschauer solche Emotionen auslöst. Letztendlich muss man sich doch fragen, ob dem Täter der Film wohl gefallen würde. Und die Antwort darauf ist im Grunde auch die Antwort auf die Legitimation eines solchen Films.

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Wettbewerb: Daughter of mine (R: Laura Bispuri, IT 2018)

von Lena Prisner

„Ich hab Angst vor der Leere“, sagt die zehnjährige Vittoria zu Angelica, als sie mit ihr vor einer Klippe in Sardinien steht. „Die Leere besteht nur aus Luft. Es gibt nichts zum Angst haben“, entgegnet diese kühl, und sagt ihr, wenn sie nicht mitkomme, müsse sie alleine zurücklaufen. Da weiss Vittoria noch nicht, dass die Frau ihre leibliche Mutter ist. Aber vielleicht hat sie es auch bereits geahnt, als sie ihr zum ersten Mal begegnet ist, vor wenigen Tagen.

Ausser Angelica ist Vittoria vielleicht die einzige Blasse und Rothaarige auf der ganzen Insel. In der Schule wird sie deshalb ausgegrenzt und fühlt sich, als würde sie nicht dazugehören. Ihre Eltern sind beide brünett. Bisher hat sie sich darüber keine Gedanken gemacht. Als Angelica wegen Schulden ihr Haus samt Tieren verkaufen muss, hilft Vittorias Mutter Tina ihr. Die beiden scheinen sich von früher zu kennen.

Vittoria ist jung, unschuldig und gehorsam. Abends sitzt sie mit ihrer Mutter auf dem Sofa und sie sehen sich gemeinsam Liebesfilme an. Sie schlafen im gleichen Zimmer. Und wenn die Zehnjährige auf ihre Mutter zugelaufen kommt, um sie zu umarmen, dann drückt Tina sie so fest sie kann. Eine perfekte, harmonische Mutter-Tochter Beziehung. Aber doch auch öde und berechnend, denn es ist kein Zufall, dass die wilde Angelica eine enorme Anziehung auf das junge Mädchen ausübt. Sie behandelt sie wie eine Erwachsene, klettert mit ihr an steilen Hängen entlang, schubst sie von der Klippe ins Wasser und hört mit ihr laute, obszöne Musik. Sie klammert nicht – was Tina immer mehr tut, seit sie weiß, dass die beiden Zeit miteinander verbringen.

Und so entfacht sich langsam eine Rivalität zwischen den beiden Müttern: der leiblichen, Angelica, und der „praktizierenden“, Tina. Mit Vittorias wachsender Faszination zu Angelica nimmt Tinas Verzweiflung zu, und damit die Angst, ihre Tochter, die sie ein Jahrzehnt lang aufgezogen hat, an deren leibliche und rechtliche Mutter zu verlieren. Denn der Deal zwischen den beiden war ein mündlicher, eine offizielle Adoption hat nie stattgefunden.

An ihrem absoluten Tiefpunkt nimmt Tina Vittoria mit in einen Club, in dem sich Angelica abends regelmässig betrinkt und mit immer wechselnden Männern vergnügt, nur um den nächsten Drink ausgegeben zu bekommen. Tina öffnet den silbernen Glitzervorhang, hinter dem Angelica gerade mit Giacomo zugange ist. „Schau sie dir an, was für eine Nutte sie ist“, sagt sie zu ihrer Tochter. Vittoria aber versteht genau, was hier vor sich geht. Auch die Vorzeige-Mutter ist kein Engel.

„Du hast nur Angst, dass sie wie ich wird“, schleudert Angelica Tina irgendwann entgegen. Dabei ist wohl kaum zu verhindern, dass in dem jungen Mädchen von beiden Müttern etwas steckt. Trotz ihrer jungen Jahre schafft sie es, sich von den Fängen der so grundsätzlich verschiedenen Frauen zu befreien und ihre eigene Identität zu finden. Am Ende ist sie es, die Angelica vom Boden aufhebt, und Tina an sich drücken muss.

Der Regisseurin Laura Bispuri gelingt es mit Hilfe von Vladan Radovics herausragender Kameraarbeit die emotionalen Spannungen zwischen den Figuren einzufangen. Vorwiegend mit der Handkamera gefilmt sind wir ganz nah dran an den drei Frauen, ohne dabei Partei zu ergreifen. Während wir sie nach und nach in ihre individuellen Abgruende begleiten, sind wir vor allem fasziniert von der Wucht ihrer Persönlichkeiten. Besonders Alba Rohrwacher als Angelica macht ihre Sache ausgezeichnet und ist damit sicherlich eine mögliche Anwärterin für den Silbernen Bären. Was Vittoria angeht, so kann sie sich eigentlich glücklich schätzen: Anfangs noch die Ausgegrenzte, wird sie nun von gleich zwei Frauen umworben und geliebt.

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Forum: Unas preguntas (R: Kristina Konrad, D/URG 2018)

von Nicolai Bühnemann

Der sechzehnte April 1989 ist ein verregneter Tag in Montevideo. Und die Menschen stehen Schlange an den Wahlurnen. Einige vielleicht nur, weil sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Andere, weil sie wissen, dass viel auf dem Spiel steht bei dem für diesen Tag einberufenen Referendum. Abgestimmt wird über einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, das 1986 verabschiedete Amnestiegesetz aufzuheben, dass verhindert, dass die Strafverfolgung der VertreterInnen von Militär und Polizei verhindert, die während der Militärdiktatur zwischen 1973 und 1985 Menschen vergewaltigten, folterten und ermordeten bzw. einfach „verschwinden ließen“.

Zu Beginn des Films herrscht eine Aufbruchstimmung in der Stadt, die geradezu physisch greifbar erscheint. Es ist 1986. Reden werden gehalten. Die Unterschriften zur Ermöglichung des Referendums werden gesammelt und auch in nötiger Zahl zusammen bekommen. Es wird demonstriert mit der für die Freiheitskämpfe in Lateinamerika ikonisch stehenden Parole: „El pueblo unido jamás será vencido“-Parolen (zu Deutsch: „Das geeinte Volk wird niemals besiegt werden“). In einer Einstellung, in der die Kamera mitten zwischen den demonstrierenden Menschen ist, gibt es einen sehr abrupten Schnitt. Die Leinwand bleibt ein, zwei Sekunden schwarz, dann sind Werbeclips der Zeit zu sehen, die in einem Wahlspot, der das Publikum mit der Lambada-Melodie dazu anhält, für Grün zu stimmen (das heißt für die Aufhebung der Amnestie, das gegenteilige Votum nennt sich Gelb).

Nach dieser Werbeunterbrechung ist der Film kaum wiederzuerkennen, entwickelt er sich doch nun zu dem Interviewfilm, der er für (fast) seine gesamte restliche Laufzeit bleiben wird. Zwischen Dezember 1988 und dem Tag der Volksabstimmung machen sich Kristina Konrad, in der Schweiz geborene Professorin und Dokumentarfilmmacherin, die ab 1986 mehrere Jahre in Montevideo lebte, und ihre Kamerafrau daran, den Menschen auf der Straße in den verschiedensten Ecken der uruguayischen Hauptstadt und in anderen Teilen des Landes ein paar Fragen zu stellen. Ihre GesprächspartnerInnen sind jung oder alt, arm oder reich, links oder rechts, grün oder gelb – mit allen denkbaren Abstufungen zwischen den Extremen – und Konrad will von ihnen wissen, wie sie zu der Abstimmung stehen.

Aus den Aussagen der Menschen auf dem zuvor unveröffentlichten und nun zu einem vierstündigen Film montierten Material sprechen die verschiedensten sozialen, politischen und persönlichen Interessen, aber auch Desinteresse oder schlicht Verwirrung. Auf die immer wieder wiederholte Frage, was Frieden ist etwa, antworten viele damit, dass in Uruguay kein Frieden (und/oder keine Demokratie) herrschen würde – was im sonderbaren Kontrast zu dem ruhig und geregelt erscheinenden Straßenleben und auch dazu, dass hier jeder seine Meinung öffentlich in eine Kamera sagen darf, steht. Mehr als einmal widersprechen die Befragten mit einem Satz ihren vorherigen. Die politischen Positionen führen auch zu stark divergierenden historischen Narrativen. Einige sehen alles Unrecht bei der linken Stadtguerilla der Tupamaros, die ab 1970 auch gewalttätige Aktionen durchführte – und scheinen teilweise die Verbrechen der Junta schlicht komplett auf sie zu projizieren. Andere sahen in den Guerilleros eine einzige und nunmehr enttäuschte Hoffnung auf ein besseres Leben. Viele beklagen sich über Armut und Kriminalität (wobei für einen Mann die Zeit der Diktatur eine bessere, weil sichere für das Land war). Im besten Fall kommen die AnhängerInnen der verschiedenen Positionen in einem zutiefst gespaltenen Land, dessen episches und kaleidoskopartiges Bild Konrad in ihrem beeindruckenden Film zeichnet, auf der Straße vor ihrer Kamera ins Gespräch miteinander.

Aus ihren eigenen politischen Präferenzen macht Konrad dabei keinen Hehl. Nicht als Interviewende, die diejenigen, die sich klar gelb positionieren, wiederholt fragt, was sie tun würden, wären ihre eigenen Angehörigen von staatlicher Repression, Vergewaltigung und Mord betroffen. Aber auch nicht als diejenige, die das Material heute zusammenstellt. Die Werbeunterbrechungen werden sich wiederholen, genauso wie die harten Schnitte, die den Sprechenden oft regelrecht das Wort abschneiden. Es geht Konrad darum einerseits die Brüche aufzuzeigen, die das im Film nachgezeichnete Geschehen für die Geschichte eines ganzen Landes bedeutet. Andererseits scheint es auch um einen medienkritischen Diskurs zu gehen, um eine Eventisierung der Politik, in dem die mal vor Pathos geradezu triefenden, mal einfach nur bescheuerten Clips für Grün oder Gelb zwischen Pepsi- oder Instantkaffee-Werbung und der Ankündigung des nächsten Fußballspiels platziert werden – was dann vielleicht auch einen nicht geringen Anteil daran haben könnte, dass der Eine oder die Andere unter den Interviewten sich für Politik im allgemeinen und die Abstimmung im besonderen nicht interessieren oder ein großes Unwissen an den Tag legen.

Wo der Hauptteil des Films eben die verschiedensten Standpunkte und Ansichten sprechen lässt, schließt Konrad am Ende den Rahmen, indem sie auf die große Hoffnung im Prolog eine nicht minder große Desillusionierung im Epilog folgen lässt. Wenn schließlich Gelb mit 57 Prozent gewinnt, zeigt der Film Reaktionen von Fassungslosigkeit und grenzenloser Enttäuschung. Dass „Unas preguntas“ ein forderndes und niederschmetterndes Erlebnis ist, liegt nicht so sehr an seiner Länge, sondern vor allem daran, dass die Täter in der uruguayischen Militärdiktatur straffrei ausgingen und die Opfer um Gerechtigkeit betrogen wurden. Und zwar (trotz mehrerer linker Regierungen in den vergangenen dreißig Jahren) bis heute.

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Wettbewerb: Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot (R: Phillip Gröning, D 2018)

von Lena Prinser

Er hätte ein Unikat werden können, der fast dreistündige Wettbewerbsbeitrag von Philip Gröning. Denn die ersten beiden Stunden erzählt er vom Nichtstun. Elena steht kurz vor dem Abitur in Philosophie, und der Tag beginnt mit dem Ziel, mit ihrem Zwillingsbruder Robert dafür zu lernen. „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, spricht sie bereits nach zwei Minuten den Filmtitel aus. Was dann stattfindet, ist ein – nennen wir es „alternativer“ – Lernansatz. Die beiden sitzen im Gras, um sie endlose Weite, bis auf die Tankstelle, der sie alle paar Stunden einen Besuch abstatten. Bier holen, oder Zigaretten. Zwischen Elena (deren Namen wir erst nach 45 Minuten erfahren) und Robert schwingt eine leicht erotische Energie mit, sie fahren sich durch die Haare, liegen freizügig im Gras herum, necken sich. Elena malt sich die Lippen und Zähne rot und zieht ihren Bruder mit deren Freundin auf. Ob er mit ihr geschlafen habe, löchert sie ihn wieder und wieder. Na gut, denkt man sich, die beiden sind Zwillinge und haben eine besondere Verbindung. Man sieht den beiden beim Herumlungern und der Zeit beim Verstreichen zu. Und wenn man sich darauf einmal eingelassen hat, ist das sehr befreiend: Endlich mal ein Film, in dem nicht Handlung auf Handlung folgt und der einem keine Verschnaufpausen gönnt. Der Film ist eine einzige Verschnaufpause. Das ist erfrischend und neu. Schade ist nur, dass einzig Robert Heideggers Theorien zur Zeit erklärt und Elena als naive, unreife und auch gänzlich an der Philosophie desinteressierte junge Frau daherkommt. Mit geringem Redeanteil begrenzen sich ihre Handlungen auf eine von ihr vorgeschlagene Wette, dass sie es schafft, vor dem Abi mit jemandem zu schlafen. Dass sie versucht, einen wildfremden Tankstellenbesucher und später den Kassierer zu verführen, ist dem Frauenbild im Film nicht gerade zuträglich. Denn sie verspürt ja nicht wirklich Lust auf die beiden, es geht ihr legidlich darum, Robert damit eifersüchtig zu machen. Scheinbar ohne Respekt für den eigenen Körper.

Undurchsichtig wird es, als die beiden den Kassierer schließlich fesseln, bedrohen und die Kontrolle über die Tankstelle übernehmen. Der plötzliche Genrewandel zum Crime hin zeigt das Einknicken des Drehbuchautors (ebenfalls Gröning). Er dachte wohl, es müsse jetzt doch noch irgendwas passieren, und ein Blutbad ist da das naheliegendste. Als die Geschwister dann auch noch auf dem Tankstellenboden miteinander schlafen, meint man im Saal die Hände zu hören, die sich jetzt endgültig an den Kopf fassen. Eine gewisse Chemie zwischen den beiden anzudeuten war spannend, aber das Inzestuöse auszubuchstabieren wirkt dann doch sehr gewollt. Mit dem Gewaltakt können die Figuren jetzt für psychisch labil erklärt werden, was im Gegensatz zur Stimmung bis zu diesem Punkt steht. Zwar versucht Gröning diesen Wendepunkt in der Pressekonferenz mit dem Wunsch der Zwillinge nach dem Anhalten der Zeit zu verteidigen, aber da hätte man sich sicher andere Metaphern überlegen können. Schade – der ewige Drang nach Handlung und das Erliegen der Filmnorm hat dem über so lange Zeit meditativen Werk ein unsauberes Ende verpasst.

Foto: © Berlinale, Ricardo Brunn, Schramm Film, Agnete Brun

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