Meine schöne innere Sonne

(F/B 2017; Regie: Claire Denis)

Die Liebessucherin

Isabelle (Juliette Binoche) ist eine unabhängige Frau mittleren Alters, die als bildende Künstlerin in Paris lebt. Seit der Trennung von ihrem Mann François (Laurent Grévill) wohnt sie allein. Appartement und Atelier befinden sich unter einem Dach, Leben und Arbeit gehen ineinander über. Nur einmal sieht man sie aus der Draufsicht beim Bemalen einer riesigen, auf dem Boden befestigten Leinwand. Und nur einmal begegnet sie als Mutter ihrer 10-jährigen Tochter Cécile, allerdings getrennt durch das Fensterglas einer Autoscheibe. Als reife, attraktive Frau mit verführerischem Chic hat sie wechselnde Liebhaber. Zwar steht sie von verschiedenen Seiten aus im Zentrum männlichen Begehrens, doch Isabelle ist unglücklich und hat Angst, dass ihr Liebesleben vorbei sei. Nur in Momenten lichtet sich ihr schwankendes Gefühlschaos. Zu kompliziert sind ihre Beziehungen, zu missverständlich ist die Sprache des Begehrens. Doch Isabelle beharrt auf ihrer romantischen Sehnsucht: „Ich möchte Liebe erleben, die echte Liebe.“

Ein missverständliches Wort und eine falsche Geste können den Zauber von einem Augenblick auf den anderen zerstören. Claire Denis beginnt ihren Film „Meine schöne innere Sonne“ (Un beau soleil intérieur), das ebenso melancholische wie komische Portrait einer Frau in der Liebeskrise, mit einer Sex-Szene. Ernst, Humor und Ernüchterung liegen darin nah beieinander. Später wird Isabelle zu ihrer Freundin Ariane (Sandrine Dumas) über den reichen, sehr dominanten Bankier und Macho Vincent (Xavier Beauvois) sagen, er habe sie nur deshalb angetörnt und zum Orgasmus gebracht, weil er ein „Drecksack“ sei. Anders liegt der Fall bei einem Freund (Nicolas Duvauchelle), der als Theater-Schauspieler arbeitet und sich sowohl in einer beruflichen als auch privaten Krise befindet. Der erdrückend gleichförmige Alltag habe seinem Leben das Verlangen ausgetrieben, er hoffe nur noch auf das Unbekannte.

Wenn sich die Liebesbedürftigen in Claire Denis‘ zusammen mit der Schriftstellerin Christine Angot geschriebenen Konversationsstück immer wieder verfehlen, liegt das vor allem daran, dass sie sich nicht verstehen oder alles zerreden, statt sich körperlich einander hinzugeben. Wiederholt hält die Reflexion, genährt von sozialen Differenzen und kulturellen Codes, das Begehren auf Distanz. Isabelles unsicheres Verhalten gegenüber dem aus einem anderen Milieu stammenden, sehr viel spontaner und vorbehaltloser agierenden Sylvain (Paul Blain) macht das besonders deutlich. Immer wieder erforscht Agnès Godards geschmeidig geführte Kamera deshalb Gesichter und Räume. Dabei ordnet Claire Denis die verzweifelte Liebessuche ihrer Heldin, die Fragmente ihres gefühlsintensiven Hin und Hers zwischen Wunsch und Wirklichkeit ganz unauffällig zu einem filmischen Stationendrama. An dessen Ende begegnet Isabelle einem Wahrsager (Gérard Depardieu), der ihr rät, sie solle sich um sich selbst kümmern und dabei authentisch und offen bleiben, um „eine schöne innere Sonne“ zu finden.

Meine schöne innere Sonne
(Un beau soleil intérieur)
Frankreich, Belgien 2017 - 94 min.
Regie: Claire Denis - Drehbuch: Claire Denis, Christine Angot - Produktion: Olivier Delbosc - Kamera: Agnes Godard - Schnitt: Guy Lecome - Musik: Stuart A. Staples - Verleih: Pandora Film - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Juliette Binoche, Gérard Depardieu, Xavier Beuvois, Philippe Katerine, Josiane Balasko, Nicolas Duvauchelle, Alex Descas
Kinostart (D): 14.12.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6423776/
Foto: © Pandora Film

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