Der lange Sommer der Theorie

(D 2017; Regie: Irene von Alberti)

Fröhliche Differenz

„Es darf nicht alles bleiben wie es ist“, lautet die Maxime der drei Protagonistinnen, die in Irene von Albertis dokufiktionalem Film „Der lange Sommer der Theorie“ in einer Berliner Frauen-WG zusammenleben. Die Schauspielerin Katja (Katja Weilandt), die Noise-Punk-Musikerin Martina (Martina Schöne-Radunski) und die Filmemacherin Nola (Julia Zange), deren Rollen ihren Trägerinnen nachempfunden sind, führen prekäre Künstlerinnenexistenzen in einem Leben, das sie „provisorisch“ nennen. Sie sind frei und ungebunden, verfolgen nur „kurzfristige Ziele“ und sind deshalb „immer auf dem Sprung“. Das müssen sie auch sein, denn die Kündigung für ihre spartanisch eingerichtete Wohnung liegt schon auf dem Frühstückstisch, womit Irene von Alberti gleich ein zentrales Thema des Films anspricht: Wie ändert sich die Gesellschaft, wenn die Stadt an Investoren verkauft wird und die letzten Nischen und Freiräume der Gentrifizierung zum Opfer fallen? In ihrem früheren, zusammen mit Miriam Dehne und Esther Gronenborn realisierten Episodenfilm „Stadt als Beute“ (2005) hat sich die Filmemacherin schon einmal mit dem Thema beschäftigt.

Besonders eng verknüpft sind diese Fragen mit dem nicht messbaren Wert künstlerischer Arbeit und der „Willkürlichkeit unserer ökonomischen Grundlagen“. Die kreativen Heldinnen des Films empfinden es als Widerspruch, für ihre Unabhängigkeit zu schuften und fordern ein Recht auf Faulheit; was natürlich auch mit der nach wie vor prekären Rolle der Frau in der Arbeitswelt korreliert. Handelt es sich dabei um „Staatsfeminismus“, wie die Autorinnen Lilly Lent und Andrea Trumann meinen, die Nola für ihren Film im Film interviewt? Jedenfalls spielen Martina, Katja und Nola mit Stil, Witz und Phantasie immer wieder mit den Möglichkeiten anderer „Lebensformen“ – ein Begriff der im Film mit der Philosophin Rahel Jaeggi diskutiert wird – und imaginieren sich in andere Existenzen.

Wie kommt man aber von der Theorie zur Praxis? Ist es möglich, dafür einen gewissermaßen „neutralen“ Standort zu finden? Und wie entgeht man dabei dem zunehmenden Zwang zur Selbstoptimierung? Während in den mehr fiktionalen, bewusst theatralisch gehaltenen Spielszenen des Films diese Fragen mit anarchischem Humor und fröhlicher Differenz behandelt werden, dokumentieren die Interviews mit zeitgenössischen Wissenschaftlern und Philosophen, die Nola für ihren Film inszeniert, theoretische Standpunkte. So glaubt etwa der Historiker Philipp Felsch, dessen kulturgeschichtliches Buch über die geistige Revolte der 68-Generation Irene von Albertis Film inspirierte und ihm seinen Titel gab, dass sich nach dem Ende der Utopie-Gläubigkeit die Geschichte wieder zurückmeldet.

Ist also die Zeit reif für eine neue Revolution und muss man sich dafür, wie der Medientheoretiker Boris Groys meint, wie in einem Film fühlen? Irene von Albertis gewitzter Diskursfilm über den Status quo des Feminismus, Identitätsfallen, den „Stadtkörper“ und die Möglichkeitsbedingungen einer romantischen Revolte angesichts einer erstarkenden politischen Rechten ist weniger trocken, als das hier klingt, sondern vielmehr höchst vergnüglich und leicht, undogmatisch und offen.

Der lange Sommer der Theorie
Deutschland 2017 - 81 min.
Regie: Irene von Alberti - Drehbuch: Irene von Alberti - Produktion: Frieder Schlaich - Kamera: Jenny Lou Ziegel - Schnitt: Silke Botsch - Musik: Toni Kater - Verleih: Filmgalerie 451 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Julia Zange, Katja Weilandt, Martina Schöne-Radunski, Timo Jacobs, Mario Mantrup, Lukas Steltner
Kinostart (D): 23.11.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6982508/
Link zum Verleih: http://www.filmgalerie451.de/filme/der-lange-sommer-der-theorie/
Foto: © Filmgalerie 451

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