Gauguin

(F 2017; Regie: Edouard Deluc)

Paradiesische Verwilderung

Kaum ist das eröffnende Fernwehbild mit dem Blick auf die Weite des Meeres verklungen, sehen wir den Künstler als Lastenträger. Die thematischen Gegensätze sind in Édouard Delucs Film „Gauguin“ schnell und (über)deutlich gesetzt: Weil Paul Gauguin (Vincent Cassel) mit seiner Malerei kein Geld verdient, muss er sich mit schwerer körperlicher Arbeit als Tagelöhner verdingen. Um seiner Armut und der Pariser Enge des Jahres 1891 zu entfliehen, träumt der vielgereiste Abenteurer deshalb von fernen Paradiesen jenseits der Zivilisation und einer ursprünglichen, wilden Natur. „Es ist Zeit, zu verschwinden“, verkündet er engagiert und nicht ohne Enthusiasmus gegenüber seinen Künstlerfreunden, um seinen Überdruss an „abgenutzten“ Lebensformen zu artikulieren. „In Tahiti brauchen wir kein Geld“, lockt er seine Vertrauten aus der Reserve. „Fischen, Ernten, Malen“ – mit diesem Credo beschwört er die zukünftige Künstleridylle. Doch seine Freunde verweigern ihm die Gefolgschaft. Gauguin bleibt mit seinem Traum allein und gewissermaßen auch isoliert.

Édouard Deluc inszeniert den Künstler als einen Getriebenen, von seiner Arbeit und schöpferischer Berufung Besessenen. Noch in Paris kommt es deshalb zum Konflikt mit seiner aus Dänemark stammenden Ehefrau Mette (Pernille Bergendorff), die dem Vater von fünf Kindern Egoismus und Verantwortungslosigkeit vorwirft. Nach seiner Ankunft auf der polynesischen Insel sieht man ihn deshalb geradezu fiebrig Malen, während ein heftiger Tropenregen auf seine primitive, undichte Strandhütte prasselt. Die Überzeichnung dient hier zugleich der Zuspitzung seiner fast krankhaften Manie, die auch am neuen Ort isolierend zu wirken scheint. Als seine Frau in einem Brief ihre Scheidungsabsicht ankündigt, erleidet Gauguin einen Infarkt und bricht zusammen. Doch entgegen ärztlichem Rat verweigert er die Behandlung, um erneut aufzubrechen: „Ich werde in den Wald zurückkehren, um dort von der Ruhe, der Ekstase und der Kunst zu leben.“

Dieser Trip mit seinen Strapazen führt Paul Gauguin tatsächlich zum Unberührten. Zugleich markiert die einsame Reise durchs grüne Dickicht seine künstlerische Selbstvergewisserung: „Ich bin ein Kind. Ich bin ein Wilder.“ Und: „Ich setze meinen Weg fort. Ich habe ein Ziel.“ Tatsächlich findet er in dem Maori-Mädchen Tehura (Tuheï Adams) seine Muse und sein Modell. Die ebenso schöne wie geheimnisvolle junge Frau ist ihm „unberührte Eva“ und Geliebte zugleich. Für eine kurze Zeit verschmelzen für Gauguin Leben, Liebe und Kunst zu einer Einheit. „Um etwas Neues zu schaffen, muss man zur Quelle zurück“, beschwört er sein Ideal „kindlichen Menschseins“.

In den stärksten Momenten überlässt Deluc seinen Film diesem unbestimmten, entgrenzenden und urwüchsigen Sog, der nahtlos von den Farben der Natur zu den Schatten der Nacht wechselt. Doch noch zu oft bemüht er die Mechanik einer aus zeitökonomischen und dramaturgischen Gründen plakativen Erzählkonvention. Delucs freie Adaption von Gauguins unter dem Titel „Noa Noa“ erschienenen Tahiti-Aufzeichnungen handelt schließlich in mancherlei Hinsicht von einer Desillusionierung. Schon auf den ersten Seiten seines Reiseberichts schreibt der Maler: „Das war ja Europa – das Europa, von dem ich mich zu befreien geglaubt hatte!“ Doch trotz dieses dem französischen Kolonialismus geschuldeten „Kulturschocks“ und mancher erlittener Niederlage konstatiert Gaugin bei seiner Abreise im Jahr 1893: „Zwei Jahre älter geworden und um zwanzig Jahre verjüngt gehe ich fort, verwilderter als ich gekommen war und doch gescheiter.“ In seinem Gepäck birgt er einen Gemälde-Schatz.

Gauguin
(Gauguin - Voyage de Tahiti)
Frankreich 2017 - 101 min.
Regie: Edouard Deluc - Drehbuch: Edouard Deluc, Étienne Comar, Thomas Lilti, Sarah Kaminsky - Produktion: Bruno Levy - Kamera: Pierre Cottereau - Schnitt: Guerric Catala - Musik: Warren Ellis - Verleih: Studio Canal - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Vincent Cassel, Tuhei Adams, Malik Zidi, Pua-Tai Hikutini, Pernille Bergendorff, Marc Barbé
Kinostart (D): 02.11.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6330052/
Foto: © Studio Canal

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