Blade Runner 2049

(USA/GB/CDN 2017; Regie: Denis Villeneuve)

Der Schmerz der Leere

30 Jahre sind vergangen, seit der Blade Runner Rick Deckard (Harrison Ford) mit der Replikantin Rachael (Sean Young) durchgebrannt ist. Nach ihrer Flucht kam es in L.A. erst zu einem Blackout, verursacht durch aufständische Nexus-8-Replikanten der Tyrell Corporation und anschließend zum Verbot ihrer Produktion. Doch von den alten Replikanten, deren besonderes Merkmal eine unbegrenzte Lebensdauer ist, gelang einigen die Flucht. Nun leben sie im Untergrund und keiner weiß, was sie da treiben. Nach wie vor braucht es Blade Runner, um diese Replikanten ausfindig zu machen und in den Ruhestand zu versetzen. Niander Wallace (Jared Leto), der die Tyrell Corporation nach dem Kollaps übernommen und begonnen hat, neue, vollkommen hörige und emotionslose Nexus-9-Replikanten für die Arbeit in den Off-World-Kolonien anzufertigen, stellt auch die Blade Runner zur Jagd auf die alten Modelle zur Verfügung.

Einer von ihnen ist Officer K (Ryan Gosling). Zu Beginn von Denis Villeneuves „Blade Runner 2049“ begibt er sich für einen Routineeinsatz auf eine Farm außerhalb von Los Angeles. Hier stöbert er einen gesuchten Nexus 8 (David Bautista) auf und schaltet ihn in seinem an Gemütlichkeit nicht mehr zu unterbietenden Bauernhaus nach einem brutalen Kampf aus. Allerdings nicht ohne aus dessen letzten Worten die kryptische Andeutung herauszuhören, dass in der Stadt der Engel, die nur noch Sklaven und Götter kennt, ein Wunder geschehen sei. Und so endet der Einsatz nicht nur mit einer rätselhaften Frage, sondern auch mit dem Fund einer Kiste und darin verborgenen Knochen, die auf das angesprochene Wunder verweisen und die etablierte Ordnung zwischen Menschen und Replikanten zum Einsturz bringen könnten.

Das Bemerkenswerte an dieser Eröffnungsszene ist, dass sie auf einem Storyboard für den ersten Teil aus dem Jahre 1982 basiert, damals jedoch von Ridley Scott nicht gedreht wurde. Villeneuves Sequel beginnt demzufolge nicht einfach mit einer Reminiszenz an das Vorbild, sondern mit einer Erinnerung, die sich in der Realität nie zugetragen hat, womit wiederum direkt auf das zentrale Thema dieses erstaunlichen Erzähkosmos’ verwiesen wird: Nach wie vor steht hinter dem Spiel mit (implantierten) Erinnerungen die Frage, was den Menschen ausmacht. Und nach wie vor bestimmt die zugegebenermaßen pessimistische Sichtweise, dass die Möglichkeiten auf jedwede Selbsterkenntnis äußerst beschränkt sind, das Geschehen. „Blade Runner 2049“ spitzt diese Frage sogar weiter zu, wenn wir uns bewusst machen, dass in Villeneuves Vision von der Zukunft die Menschheit ins Altersheim verfrachtet wurde und wir über einen Gutteil der Zeit hinweg ausschließlich Replikanten und Hologrammen dabei zusehen, nach Antworten auf die allermenschlichsten Fragen zu suchen.

Dass mit diesen Replikanten natürlich wir selbst und mit der Zukunft (wie in so vielen Science-Fiction-Filmen) die Gegenwart gemeint sind, wird gleich zu Beginn des Filmes deutlich, wenn in Ks Flug über Proteinanbaugebiete die real existierenden Tomatenplantagen in Almeria (Spanien) mit ihren weißen Gewächshäusern wieder zu erkennen sind. Unter diesem Blickwinkel stellt sich dann die Frage, ob wir heute über Facebook, Instagram und Co. nicht ebenfalls nur Erinnerungen nachhängen, die gar nicht uns gehören, wir unentwegt Illusionen hinterherjagen, Liebe virtualisieren, Berührungen vermeiden, somit vergessen, wer wir selbst sind oder sein wollen und an der Leere in uns ganz langsam verzweifeln. Wie Officer K, dem Ryan Gosling mit wenigen Regungen einen präzisen Ausdruck großer Einsamkeit verleiht. In seinen Augen spiegeln sich die traurigen Überreste einer Welt, die kurz vor ihrer vollständigen Virtualisierung steht. In diesem Zusammenhang beschreibt die im Film umworbene „Off-World“ viel weniger die Kolonien auf fremden Planeten als unsere Flucht in digitale Welten. Die Frage nach dem Menschsein weicht in „Blade Runner 2049“ dann der Frage nach der Überwindung des Menschen und allen damit einhergehenden Konsequenzen. Wozu leben, wenn es weder Vergangenheit noch Zukunft und folglich auch nichts zu verlieren gibt? Was bleibt ist eine endlose Leere. Und der Kameramann Roger Deakins findet atemberaubende Bilder, welche das gedankliche Vakuum der Figuren und all ihre beziehungsweise unsere existentiellen Fragen virtuos spiegeln.

Von Beginn an ist in den Bildern von „Blade Runner 2049“ die dramatische Wucht des Raumes spürbar. Es steckt eine bizarre Leere in den Orten und wie sie von der Kamera eingefangen werden. Waren die Räume in Ridley Scotts „Blade Runner“ noch heruntergekommene und vermüllte Labyrinthe, entleeren Villeneuve und Deakins die Räume im Sequel radikal. Aus der Sichtbarkeit filmischer Räume erwächst keinerlei Möglichkeit einer gewissen Kontrolle und damit Erkenntnisgewinn mehr für die Zuschauerin. Regisseur und Kameramann unterwandern zudem das Konzept, dass der Raum durch die Präsenz von Lebewesen erst zum Lebensraum wird. Beinahe alle Gebäude und Räume erscheinen nicht von Menschenhand gemacht. Ganz im Gegenteil kommt in ihnen die Kehrseite eines kühlen Oberflächendesigns als Entmenschlichung zum Tragen, weshalb die Lebewesen und ihre deprimierenden Beziehungen an diesen Orten fehl am Platz sind. Selbst die Stadtansichten L.A.’s zeigen nicht mehr den brodelnden Moloch, sondern einen sterbenden Ort. Zwar sind die Hauptstraßen nach wie vor grell erleuchtet. Der ganze Rest jedoch ist in Dunkelheit versunken und bezeugt damit einmal mehr die Abwesenheit des Menschen.

Die Räume sind in „Blade Runner 2049“ ganz klassische Seelenlandschaften. Und es braucht nicht lang, bis sich der Schmerz ihrer Leere auf das Publikum überträgt und es sich im Kinosessel in einer ungeheuren Melancholie über die Einsamkeit wiederfindet. Der Versuch, die Figuren im Raum zu verorten und Verhältnisse gerade zu rücken, ermüdet das schauende Auge, weil die Figuren keinen Halt in diesen mal endlosen, mal vernebelten, mal verschatteten Räumen finden. Immer wird etwas gesucht in diesen Räumen und Bildern, und das Auge der Zuschauer sucht ebenfalls. Doch es zerbricht an der Tatsache, dass es in ihnen nichts zu finden gibt.

„Blade Runner 2049“ ist ein Film von großer Traurigkeit, der uns mit unserer eigenen Menschlichkeit im Angesicht unserer selbstgewählten Abschaffung konfrontiert. Leer und ausgebrannt lässt er uns zurück. Selten hat man das Kino verletzlicher verlassen. Aber die Leere bietet immerhin auch die Chance auf einen Neuanfang ganz am Ende dieses übermächtigen und beeindruckenden Filmes.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Blade Runner 2049“.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
Blade Runner 2049
USA, Großbritannien, Kanada 2017 - 164 min.
Regie: Denis Villeneuve - Drehbuch: Hampton Fancher, Michael Green - Produktion: Andrew A. Kosove, Broderick Johnson, Bud Yorkin, Cynthia Yorkin - Kamera: Roger Deakins - Schnitt: Joe Walker - Musik: Benjamin Wallfisch, Hans Zimmer - Verleih: Sony Pictures - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto, Ana de Armas
Kinostart (D): 05.10.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1856101/
Foto: © Sony Pictures

Ein Kommentar zu “Blade Runner 2049

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