Lulu – Die nackte Frau

Sie war noch niemals in New York
von Ricardo Brunn

Plötzlich ist sie da. Obwohl sie sich in der Rückschau natürlich über einen längeren Zeitraum angekündigt hat, überrascht ihr Auftritt doch den, den sie erwischt: Die Sehnsucht aus dem eigenen Leben auszubrechen. Sehnsucht weniger im Sinne eines Fernwehs, sondern als schmerzvoller Abschied, als Versuch vermeintlichen Sackgassen zu entkommen, weil die Lebenssituation wie ein unauflöslicher Betonklotz erscheint, es keine Außenperspektive mehr gibt, die einen anderen Blick und damit Offenheit suggerieren könnten. Und zuerst ist diese Sehnsucht eine gedankliche Flucht verbunden mit der Frage, in was man da nur hineingeraten ist und Leben nennt. Irgendwann werden die Fragen mehr und gewichtiger, nur gesellen sich zu ihnen keine Antworten. Bleischwer und ausweglos folgt ein Tag auf den anderen. „Noch einmal voll von Träumen sein, sich aus der Enge hier befrei’n“, heißt es bei Udo Jürgens, der Zeit seines Lebens von nichts anderem als der Sehnsucht gesungen hat. Und eines Tages verschwindet man dann tatsächlich aus dem eigenen Leben, lässt alles zurück. So wie Lulu, 40 Jahre alt und Mutter dreier Kinder nach einem missglückten Bewerbungsgespräch plötzlich von ihren Füßen aus dem Alltag heraus getragen wird. Ein Anruf bei der Familie noch, der beruhigend gemeint ist, aber auf der Gegenseite nur Unverständnis provoziert, dann ist sie allein mit dem Schlüssel in der Hand in einem Hotelzimmer. Mit dieser Plötzlichkeit einer sich in Wirklichkeit verwandelnden Sehnsucht beginnt der französische Autor Étienne Davodeau seine nicht weniger als großartig zu nennende Graphic Novel „Lulu – Die nackte Frau“.

Das, was über Lulus Verschwinden bekannt ist, darüber berichten ihre Freunde und die Familie. Und weil es so plötzlich geschehen ist wird auch der Erzähler kurz zurückgepfiffen und gebeten mit seinem Bericht zu warten bis die Kinder ins Bett gebracht wurden. In der Folge werden Vermutungen angestellt und tatsächlich Erlebtes zusammengetragen. Man wechselt sich ab, bleibt ratlos stehen, nimmt den Faden der Erzählung wieder auf, begibt sich auf Spurensuche in das Leben einer Person, die man dachte zu kennen. Lulu selbst liefert keine Antworten für ihr Verhalten. Étienne Davodeau begleitet sie einfach durch die Welt. Nur in zaghaften Nebensätzen wird Lulus Dilemma deutlich, wenn sie sich ausmalt, was in den kommenden Jahren Gutes passieren hätte können und sie darauf einfach keine Antwort findet. Die Beschreibungen und Dialoge nähern sich mit ehrlichem Staunen Lulus unauflösbarem Gefühlsstau. Es ist die Kraft der Berichterstattung, die hier die Reflexion ermöglicht, die nach dem Ende so häufig einsetzt und für verständnisvolle Klarheit sorgt. Auf diese Weise setzt der Autor den vielen Momenten der Erzählung, die allen Klischees des Road Movies sehr nah rücken, eine Ernsthaftigkeit in der Betrachtung der Figur entgegen, die von großem Respekt und Verständnis geprägt ist. Behutsam bewegt sich Davodeau an der Schwelle entlang, an der Sehnsucht in Wirklichkeit kippt, das Ende einen Anfang bedeutet oder irgendwo dazwischen im Moment verharrt.

Wie stark diese Graphic Novel ist lässt sich auch an den unspektakulären Bildern ersehen, denen in ihrer Schlichtheit ein Höchstmaß an Spannung zu Eigen ist. Den pastellig abgelebten und verwaschenen Farben sieht man 40 Jahre Dasein und die Ratlosigkeit der Protagonistin einfach an. Wie Kaffeeflecken auf einer Tischdecke evozieren sie Gedanken an die Vergangenheit. Der unruhige Strich umrandet labil die Bildkader und verleiht den Gesichtsausdrücken eine erdrückende Kraft. Das Ende und einen Neuanfang nie fest im Blick, aber latent in jedem Bild erspürbar, erwachsen aus den zittrigen Zeichnungen knochige und zugleich anmutige Physiognomien, die in ihrer schnoddrigen Einfachheit Raum für die Lebenserfahrung und die Unsicherheit der Figuren lassen. Dicke Wangen, schiefe Nasen und ungekämmtes Haar erzählen von der Enge und den Irrwegen, die das Leben einem manchmal aufzwingt. Und plötzlich bekommen die Bilder eine Breite in denen sich das weiß und die Nacktheit, im Sinne einer neuen Offenheit, ungewohnt und deshalb noch unsicher ausdehen darf, wenn Lulu den Strand erreicht.

Nacktheit ist in „Lulu – Die nackte Frau“ ausschließlich auf die emotionalen Zustände der Protagonisten zu beziehen, die hier von außen (in der Beschreibung von Freunden und Familie) und von innen (wenn wir ganz nah bei Lulu sind) erfahrbar werden und die eigene Nacktheit in der Welt transzendieren. Aus Davodeaus Buch wird jede Leserin geschüttelt und um einige Erfahrungen bereichert ins eigene Leben zurückkehren. Und wie das Leben selbst gern elliptisch seine Bahnen zieht und immer wieder Situationen schafft, die einem bekannt vorkommen, zur Reflexion zwingen oder zum andächtigen Schweigen raten, schwingt auch „Lulu – Die nackte Frau“ – ohne, dass es konstruiert wirken würde – in einer Kreisbewegung aus, entlässt die LeserInnen mit dem Gefühl, dass die belebende Kraft der Flucht auch ins Leben zurück führen kann, weil dadurch erst ein Referenzrahmen geschaffen wird, der das Erlebte mit anderen Augen sehen lässt. Und es liegt eine große Beruhigung darin, dass das Leben diese Ellipsen schlägt, nicht nur erbarmungslos nach vorne prescht und Zurückliegendes in Zurückgelassenes verwandelt. Selbst, wenn manchmal die physische Rückkehr nicht möglich ist, der Geist darf irgendwann beruhigt an den Anfang erinnern, als eine große Offenheit die Angst vor der Nacktheit einfach hinfort gespült hat und einen Sprung ins Leben ermöglicht hat.

Étienne Davodeau: Lulu – Die nackte Frau. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag. Bielefeld 2012. 160 Seiten, 24,80 Euro

Dieser Text ist zuerst erschienen in: comic.de

Foto: © Splitter Verlag

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