Eine fantastische Frau

(CH/D/USA/ESP 2017; Regie: Sebastián Lelio)

Im Fluss der Trauer

Orlando Onetto (Francisco Reyes) ist ein kultivierter, ausgeglichen wirkender Mann Mitte sechzig, der zu Beginn der Films eine Sauna besucht. Entspannt und nachdenklich liegt er ausgestreckt auf der Massagebank. Dabei sieht er aus wie ein Toter. Später am Abend trifft er in einem Nachtclub von Santiago de Chile die Sängerin Marina Vidal (Daniela Vega), die vierzig Jahre jünger ist als er und die gerade singt: „Deine Liebe ist wie eine Zeitung von gestern“. Der von seiner Familie getrennt lebende Orlando und die als Kellnerin arbeitende Marina sind auf selbstverständliche Weise ein Paar. Der Ältere begegnet der Jüngeren, die an diesem Tag Geburtstag feiert, mit sanfter Aufmerksamkeit. Die beiden lieben sich. Als später in der Nacht Orlando über starkes Unwohlsein klagt, kurz darauf infolge eines Treppensturzes das Bewusstsein verliert und auf dem Weg ins Krankenhaus plötzlich stirbt, ist das ein Schock, der lange nachwirkt.

Überwältigt von Schmerz und Trauer muss sich Marina trotzdem einer peinigenden, polizeilichen Befragung unterziehen. Denn der behandelnde Arzt und die herbeigerufene Polizei begegnen ihr mit Misstrauen und Vorurteilen. Marina, deren amtlicher Vorname Daniel lautet, besitzt nämlich eine schillernde, zwischen den Geschlechtern oszillierende transsexuelle Identität, die starker Diskriminierung ausgesetzt ist. Sebastián Lelio vermittelt das in seinem bei der Berlinale gleich mehrfach (Silberner Bär, Teddy Award) ausgezeichneten Film „Eine fantastische Frau“ indirekt über die deutlichen Vorbehalte und abschätzigen Reaktionen von Marinas Gegenspielern. Von Orlandos Ex-Frau wird sie etwa als „Schimäre“ bezeichnet: „Wenn ich dich ansehe, weiß ich nicht, was sich sehe.“ Marina ist eine Ausgestoßene, die überall auf Ablehnung trifft und durch ihr Anderssein zur Projektionsfläche für die Aggressionen der anderen wird.

Marina geht still leidend, aber mutig gegen den Wind, was Sebastián Lelio in seinem magisch zwischen Erinnerungen und Visionen changierenden Film bildlich nimmt. Sein visuell eindrucksvoll gestaltetes Werk, von dem der chilenische Regisseur sagt, es besitze eine „multiple Identität“, entfaltet Marinas Kampf gegen Vorurteile und für das Recht, in Würde trauern zu dürfen, nämlich vor allem in atmosphärischen Stimmungen und faszinierenden Bildern. Lelio zeigt eine Frau, die durch ihren unbeugsamen Widerstand Stärke gewinnt und dabei einen Weg findet, sich gegen alle Anfeindungen in einem Prozess der Trauer von Orlando zu verabschieden. „Alles fließt“, könnte man mit Heraklit angesichts der von Sebastián Lelio in seinem bewegenden Film etablierten Wassermetaphorik sagen, die in Fontänen, Dampfbädern und den beeindruckenden Wasserfällen von Iguazú ihren Ausdruck findet. Und sich schließlich kongenial mit dem Song „Time“ des Alan Parson Project verbindet: „But time keeps flowing like a river to the sea“.

Eine fantastische Frau
(Una Mujer Fantástica)
Chile, Deutschland, USA, Spanien 2017 - 104 min.
Regie: Sebastián Lelio - Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza - Kamera: Benjamín Echazarreta - Schnitt: Soledad Salfate - Musik: Matthew Herbert - Verleih: Piffl Medien - Besetzung: Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco
Kinostart (D): 07.09.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5639354/
Foto: © Piffl Medien

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