Vergiss mein Ich

(D 2014; Regie: Jan Schomburg)

Von der Unschärfe in die Unschärfe

Nach einer nicht diagnostizierten Hirnhautentzündung verliert Lena Ferber (Maria Schrader) plötzlich auf einer Party ihr Gedächtnis. Alles und jedes, was zuvor ihren Standort markiert und ihre Identität definiert hatte, ist auf einmal ungreifbar und nicht nur optisch verschwommen geworden. Der Ehemann, die beste Freundin, doch zuerst sie selbst ist sich ganz plötzlich ein unbeschriebenes Blatt. Das alles lernt auch der Zuschauer erst nach und nach, weil er gewissermaßen mit dem Erkenntnisstand und Blickwinkel der Protagonistin kurzgeschlossen ist, sprich: Wir wissen, dass wir nichts wissen, bis uns jemand (Arzt, Ehemann, Freundin) mitteilt, dass wir etwas vergessen haben.

Jan Schomburg scheint sich zum Neurologen unter den Regisseuren zu entwickeln. Befasste sich sein erster Langfilm „Über uns das All“ mit dem Verlust eines geliebten Menschen, bzw. mit der Unfähigkeit der hinterbliebenen Partnerin, diesen Verlust überhaupt zu registrieren, so setzt er sich diesmal mit dem Verlust des Ich auseinander, mit der Phänomenologie der biografischen Identität, die ja gerade dann besonders erkennbar wird, wenn sie plötzlich fehlt.

Jedenfalls tut sie das für Lenas Mann Tore (Johannes Krisch), der auf einmal eine fremde Frau bei sich wohnen hat und deren Naivität im völligen Gegensatz zum Ich der bisherigen Lena Ferber zu stehen scheint, die als Wissenschaftlerin sich mit Gender Studies befasste und sich ausgerechnet mit Phänomenen des Identitätenkonstrukts auseinandersetzte. Es bleibt dabei: Lena kann sich an nichts und niemanden erinnern. Nur dass Angela Merkel Kanzlerin ist, weiß sie, aber dieser Fakt zählt eh täglich mehr zu den archaischen Tatsachen dieser Welt. Für diese Info braucht‘s eher Urinstinkt und keine Identität.

Die neue Lena versucht sich der alten Lena zu nähern, indem sie ihre Tagebücher und ihre publizierten Bücher liest, Fotos, Familienfilme und Videoaufzeichnungen ihrer Vorlesungen studiert: Wie bewege ich mich? Welche Gesichter mache ich? Wie intoniere ich meine Sätze?

Bei der Frage „Welche Sätze denke, sage, schreibe ich?“ gerät auch das logische Konstrukt des Films leider ein wenig ins Verschwimmen. Denn hier ist es nicht mehr mit Imitationen des Gesehenen und Gehörten getan, die Lena zunächst bravourös zu Stande bringt (obwohl doch ihr rätselhaft naives neues Ich ganz andere, sagen wir mal, „landläufigere“ weibliche Moden anstrebt). Für die (Re-)Konstruktion einer kompletten Persönlichkeit, dazu die einer Wissenschaftlerin, braucht es dann doch schon so etwas wie eine persönliche Biografie, darin Bildung oder Studium, daraus Erfahrung und am Ende ein erworbenes Bewusstsein, und das kann nicht „nachgemacht“ werden.

Dass Lena von ihrem Mann trotz aller offenbarer Vergeblichkeit noch dazu angehalten wird, wieder „sie selbst“ zu werden, das passt nicht recht zu seiner Intelligenz; und weil dann auch der Film versucht, diese Unmöglichkeit zu verifizieren, braucht es leider auch ein wenig guten Willen von Seiten des Zuschauers, um Lenas Weg weiter mit zu verfolgen. Leicht gemacht wird diese Verfolgung aber durch das wunderbare Spiel der (wieder entdeckten) Maria Schrader, die mit atemberaubender Präsenz abwechselnd die abgeklärte Intellektuelle und dann wieder die mehr als kindliche Reinheit verströmende Frau spielen kann, die alles neu für sich erfährt – unter anderem die Liebe, die sie übrigens für jemand ganz anderen als für ihren Mann entdeckt.

Wie in „Über uns das All“ Sandra Hüller glänzte, so glänzt in „Vergiss mein Ich“ Maria Schrader. Das belegt zum Einen, was die beiden Frauen können und es lässt Rückschlüsse darauf zu, wie einfühlsam Schomburgs Regie auch und gerade in den intimsten Momenten (derer es nicht wenige gibt) sein muss, und wie viel Raum er seinen Darsteller/innen zu geben bereit sein mag.

Was in „Vergiss mein Ich“ sehr gut funktioniert, ist die Schauspielregie, und auch das Aufwerfen der Frage, was denn eigentlich uns, bzw. unsere Identität ausmacht, gelingt vollkommen. Weitgehende Spannung entsteht übrigens nicht zuletzt dadurch, dass ein Mensch ohne biografische Identität ständig in der Lage ist, alle, eingeschlossen sich selbst, neu zu überraschen.

Ob, so frage ich mich dann privat, aber das neurologische Ausnahmephänomen einer auf Grund retrograder Amnesie nicht vorhandenen Identität nun gerade ein Schlüssel für besonders aufschlussreiche psychologische, soziologische oder philosophische Fragestellungen/Antworten sein könnte? Ist nicht das Interessantere der Mensch mit Biografie, das beschriebene Blatt, weil darin alles irgendwie lesbar, also wenigstens chiffriert ist: Kultur, Gesellschaft, Historie, Ethik, Psychologie, Familie, Welt usw. usf.?

Benotung des Films :

Andreas Thomas
Vergiss mein Ich
Deutschland 2014 - 95 min.
Regie: Jan Schomburg - Drehbuch: Jan Schomburg - Produktion: Christoph Friedel, Andrea Hanke, Claudia Steffen - Kamera: Marc Comes - Schnitt: Bernd Euscher - Musik: Christopher Bremus, Steven Schwalbe, Tobias Wagner - Verleih: Real Fiction - Besetzung: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Peter Prager, Nadine Petry, Nikolai Will, Stefan Lampadius, Jürgen Rißmann, Jeffrey Zach, Yorck Dippe, Judith Wolf, Cedric Ufiteyezu
Kinostart (D): 01.05.2014

DVD-Starttermin (D): 27.03.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2518294/

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