Venus im Pelz

(F 2013; Regie: Roman Polanski)

Gefangener der Kunst

Anklänge an Ravels „Boléro“ mischen sich von fernher in Alexandre Desplats Soundtrack, während die Kamera im Gewitterregen und dämmrigen Licht durch eine menschenleere Allee gleitet, bevor ihre Bewegung in einem alten Pariser Theater zur Ruhe kommt. Ihr subjektiver Blick gehört der Schauspielerin Vanda (Emmanuelle Seigner), die durchnässt und verspätet zu einem Casting eintrifft, das der Theaterregisseur Thomas (Mathieu Amalric) leitet. Dieser sucht für seine selbst adaptierte Bühnenfassung von Leopold von Sacher-Masochs berühmter Novelle „Venus im Pelz“ eine geeignete Hauptdarstellerin, wurde bislang aber nur enttäuscht. Entnervt und im Gehen begriffen, hat er zunächst auch wenig Lust, die ziemlich ausgeflippte, forsch und bestimmend auftretende Vanda vorsprechen zu lassen. Doch dann gelingt es der ebenso schillernden wie mysteriösen Schauspielerin den Regie-Neuling zu erweichen. Denn bald lässt sich bei der in vielen Rollen versteckten Vanda nicht mehr ausmachen, wo ihr Spiel beginnt und endet.

Nach Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ hat Meisterregisseur Roman Polanski mit David Ives‘ Broadwayerfolg „Venus im Pelz“ erneut ein Theaterstück verfilmt. Nur zwei Personen, ein minimalistisches Setting, bestehend aus Bühne und Saal, sowie ein anspielungsreicher, vieldeutiger Text sind nötig, um eine perfekte Theater-Illusion zu erzeugen. Diese wird freilich immer wieder durchbrochen oder in eine andere Richtung gelenkt. So finden sich die beiden Protagonisten bald verstrickt in die Rollen des Stückes, in dem die Herzen eines „Hypersensualisten“ und einer heidnischen „Göttin“ in Liebe aneinander gekettet sind und der Mann als „Asket der Wollust“ die „Lust an der Demütigung“ entdeckt: „Ich bin ihr Sklave, seit sie diesen Raum betraten.“

Das trifft auch immer deutlicher auf Thomas zu, der Vandas „Hunger nach Dominanz“ anstachelt und herausfordert und sich dabei immer mehr öffnet. Im permanenten Austausch zwischen Spiel und Realität findet schließlich ein Rollentausch statt. Nacheinander wird Vanda zur Regisseurin, die auch mal den Text ergänzt, zur freudschen Analytikerin und zur Mänade, die das Stück als frauenfeindlich und sexistisch brandmarkt und dabei ihre erotische Macht in einem wilden Freudentanz zelebriert. Thomas wiederum, hinter dem man auch Polanski selbst vermuten darf – neben der Besetzung mit seiner Ehefrau Emmanuelle Seigner lassen sich weitere Spuren in sein Leben und Werk ausmachen -, verwahrt sich gesellschafts- und theaterkritisch gegen solch simple Deutungen und wird dabei zum schutzlos ausgelieferten Gefangenen seiner obsessiven Liebe. „Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben“, wird wiederholt das aus dem apokryphen Buch Judith stammende Motto von Sacher-Masochs Novelle zitiert. Wenn das Theater-Licht erlischt und das Spiel der Imagination endet, bleibt der Regisseur als Gefangener seiner Kunst zurück.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Venus im Pelz
(La Vénus à la fourrure)
Frankreich 2013 - 96 min.
Regie: Roman Polanski - Drehbuch: David Ives, Roman Polanski - Produktion: Robert Benmussa, Alain Sarde - Kamera: Pawel Edelman - Schnitt: Hervé de Luze, Margot Meynier - Musik: Alexander Desplat - Verleih: Prokino - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric
Kinostart (D): 21.11.2013

DVD-Starttermin (D): 28.03.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2406252/

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