Trollhunter

(NOR 2010; Regie: André Øvredal)

Verschwörung auf dem Lande

Das found footage-Prinzip, welches „The Blair Witch Project“ 1999 als vollwertiges dramaturgisches Gerüst endgültig im Horrorfilm etablieren sollte, erlebt in jüngster Zeit eine kleine Renaissance. „[Rec]“ (2007), dem ein Sequel und ein amerikanisches Remake folgen sollte, „Cloverfield“ (2008), „Paranormal Activity“ (2007) samt Fortsetzung im Jahre 2010 oder „Der letzte Exorzismus“ (2010) funktionieren als – zumindest was die Originale betrifft –teilweise exquisite Genrebeiträge allesamt mittels der Übereinkunft, dass es sich beim Filmmaterial um unbearbeitete oder jedenfalls unverfälschte dokumentarische Aufnahmen handelt, die durch Zufall an die Öffentlichkeit gelangt sind. Dieses Pantheon wird zukünftig mit „Trollhunter“ um einen besonders schönen Beitrag bereichert, dessen norwegische Herkunft auch zugleich für einige seiner Qualitäten verantwortlich zeichnet.

Bereits die Grundidee ist ein Spiel mit nationaler Folklore. Denn die Trolle, die als Märchen- und Sagengestalten oder als Touristenschreck Norwegen mythologisch und popkulturell überbevölkern, gibt es wirklich. Von einem Zeitgenossen mag man hier verniedlichend allerdings wirklich nicht mehr sprechen. Der Troll ist ein ziemlich primitives, gigantisches Tier, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit in abgegrenzten Reservaten lebt (die riesigen Strommasten fungieren in Wirklichkeit als elektrische Zäune) und mit Hilfe von regierungseigenen Organisationen geheim gehalten wird. Eine veritable Verschwörungstheorie also, aber eine von ziemlich unglamouröser Herkunft, wie ein Studententrio schon bald herausfinden muss. Um nämlich den Schwindel aufzudecken und nicht zuletzt um den eigenen Mutmaßungen Evidenz zu verschaffen, heftet man sich mit einer Kamera bewaffnet an die Fersen von Hans (Otto Jespersen), einen vermeintlichen, äußerst bärbeißigen Trolljäger. Der gibt nach eifriger Penetranz auch schließlich nach, schon weil er des Versteckspiels und des undankbaren Jobs überdrüssig ist, und so erfasst die Kamera relativ frühzeitig die ersten Bilder eines gleich dreiköpfigen Troll-Ungetüms.

An dessen Präsentation zeigt sich bereits, dass sich der Schrecken dramaturgisch aus anderen Mitteln speist. Steuern die restlichen found footage-Filme auf die finale Enthüllung des Unvorstellbaren oder eine endgültige (Nicht-)Erklärung zu und gehorchen beim Arrangement des Materials entsprechend einem Steigerungsgesetz, bietet sich „Trollhunter“ vergleichsweise schaulustig dar. Statt also rein auf die Erschütterung der Rationalität zu setzen, streift der Plot lakonisch das Satirische, ohne dazu jedoch den Schauer zu kastrieren. Immerhin wird aus einem kitschigen Nationalmythos ein monströser Störfaktor, für dessen Geheimhaltung die Regierung in Gestalt getöteter, aus Osteuropa importierter Bären sorgt, deren Leichname recht plump von den Spuren der Trolle ablenken sollen. Auch das triste Leben von Hans in seinem vor Trollmist berstenden Wohnwagen auf einem Campingplatz könnte nicht weiter von der landläufigen Vorstellung eines offiziösen Regierungsagenten entfernt sein. Von den vielgestaltigen Trollen, die zwar Christen wittern können, ansonsten jedoch tumb aufs Fressen und Überleben gepolt sind, mal ganz abgesehen. Zur omnipräsenten Ironie, die dem Monsterfilm bloß den Boden unter den Füßen wegreißen will, gerinnt der Plot trotzdem niemals. Zu sehr schwelgt die Kamera in Impressionen der pittoresken Wald- und Berglandschaften und zu erhaben entwickelt sich indes auch die Reise der Filmcrew zusammen mit Hans, der quer durchs Land einem ausgenommen riesigen und, wie sich herausstellen wird, tollwütigen Exemplar hinterher jagen muss. Dann gerät die Natur tatsächlich zum fantastischen Ort, der auf fast romantische und dann natürlich wieder ironische Weise das Schöne und das Unheimliche beherbergt, weil die Haptik der Zerstörung die Spurensucher (und natürlich auch die Zuschauer) zwangsläufig zu anderen Schlüssen als jenen der unaufgeklärten Bürger führt. Aus Felsengeröll wird das Indiz eines Trollkampfes und eine gleichmäßig umgestürzte Baumreihe zeugt keinesfalls von der peniblen Brachialität eines nächtlichen Tornados. Zwischen Apotheose und Ironisierung, Faszinosum und nivellierter Unschuld schafft „Trollhunter“ ein kurioses Zwischenstadium, das erst über seine Disparitäten glückt. Wem an der Entdeckung roher Genreperlen gelegen ist: Hier wird man fündig!

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Trollhunter
(Trolljegeren)
Norwegen 2010 - 103 min.
Regie: André Øvredal - Drehbuch: André Øvredal - Produktion: Sveinung Golimo, John M. Jacobsen - Kamera: Hallvard Bræin - Schnitt: Per-Erik Eriksen - Verleih: Universal - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Otto Jespersen, Glenn Erland Tosterud, Johanna Mørck, Tomas Alf Larsen, Urmila Berg-Domaas, Hans Morten Hansen, Robert Stoltenberg
Kinostart (D): 07.04.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1740707/

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