Tournée

(F 2010; Regie: Mathieu Amalric)

Tour de France

Wer glaubt, er habe mit Christina Aguileras „Burlesque“ einen Einblick in die New-Burlesque-Szene erhalten, irrt. Was mit Aguilera und Cher lief, war Hollywood, Musikvideo, schöner Schein, Kindergeburtstag. Die wahre, burleske New Burlesque zeigt Mathieu Amalric in seiner dritten Regiearbeit: „Tournée“ beschreibt den Weg eines Produzenten und einer Handvoll New-Burlesque-Künstlerinnen durch Frankreich, von Hotel zu Hotel, von Auftritt zu Auftritt, und er geht fast dokumentarisch vor.

Amalric ist eigentlich Schauspieler, hat den Gelähmten in „Schmetterling und Taucherglocke“ gespielt und Bonds Gegenspieler in „Ein Quantum Trost“. Nun inszeniert er sich selbst als Joachim, Produzent einer Tournee bizarrer Künstlerinnen durch die französische Provinz, ein selbstgefälliger, abgefuckter, liebevoller, begeisterter, verzweifelter, abgebrannter, hoffnungsvoller Manager einer Gruppe bizarrer, gutgelaunter, selbstbewusster, lauter, überschwänglicher, hemmungsloser, extravaganter und exzentrischer Girls. Die heißen beispielsweise Mimi le Meaux, Dirty Martini, Kitten on the Keys und spielen sich mehr oder weniger selbst – denn es sind tatsächliche New Burlesque-Künstlerinnen, die mit Amalric in dessen Rolle auf Tournee gehen und dabei echte Auftritte vor echtem Publikum absolvieren, die dokumentarisch gefilmt in die fiktive Spielhandlung eingefügt sind – und dabei in voller Länge gezeigt werden.

New Burlesque – das geht zurück auf die Burlesque-Shows im Amerika bis ca. 1930, Zutritt nur für Männer erlaubt, in denen die normale Vaudeville-Show – verschiedene Nummern, ähnlich dem europäischen Varieté – um frivole Auftritte halb- oder ganz nackter Damen ergänzt wurden. New Burlesque ist in den 90ern aufgekommen, und diese Show reichert das alte Konzept mit dem Feminismus der letzten Jahrzehnte an. Denn es geht nicht primär ums Ausziehen, ums Befriedigen männlicher Blickgelüste: New Burlesque ist kein Strip, sondern Tease, das selbstbewusste, offensive, auch subversive Zurschaustellen weiblicher Körper, die den gängigen Schönheitsidealen – jung, schlank, knackig – entgegenstehen.

Die Künstlerinnen inszenieren sich dabei selbst, sie führen die Regie bei ihren Auftritten und lassen sich nicht dreinreden: Sie führen das Erotische hinüber ins Satirische, Selbstreflexive, Komische. Die üppige, weiblich-leibliche Nacktheit wird ironisch präsentiert, das Treiben von Stripshows wird bizarr verzerrt und dadurch auf eine neue, reflexive Ebene gehoben – und das alles zum Vergnügen des Publikums, das oftmals vor allem weiblich ist. Eine der Tänzerinnen bläst um sich herum einen Luftballon auf, eine strippt als Freiheitsstatue, eine mit scheinbar abgehackter Hand, und der einzig männliche Tänzer der Truppe tritt als Louis XIV. auf. Diese Auftritte sind wirkliche Einblicke in die (Sub)Kultur des New Burlesque, und allein sie lohnen den Film schon – wahrscheinlich für sie hat Amalric in Cannes 2010 den Regiepreis erhalten.

Die Rahmenhandlung des Films, das Fiktive, zeigt authentische Einblicke in das Leben hinter der Bühne, wenn die Truppe von Provinzstadt zu Provinzstadt zieht, in tristen Hotels übernachtet und abgekapselt von der Außenwelt von Langeweile bedroht sind. Dann wird in der Lounge eine spontane Party gefeiert, oder man mischt sich unter die Hochzeitsgäste im Hotelrestaurant – und versucht, Joachim aufzuheitern. Dessen Gemütslage ist der grundsätzlichen Heiterkeitsbereitschaft der Damen entgegengesetzt, er hatte in Frankreich alle Brücken abgebrochen und in Amerika Glück und Karriere gesucht – vergebens. Jetzt kehrt er zurück mit der Hoffnung auf ein Comeback, die Tournee soll ihn wieder ins Geschäft bringen. Doch alte Geschäftspartner hauen ihm auf die Nase, die Ex-Freundin überlässt ihm seine kleinen Söhne, obwohl er auf Tour ist, und der Veranstaltungsort für den Tourneeabschluss in Paris lässt sich einfach nicht organisieren … Das Niemandsland, in dem die Burlesque-Truppe auf der Reise durch die Provinz steckt, ist für ihn ein Nichts und seine Girls versuchen, dieses Nichts mit ihrer Leiblichkeit auszufüllen.

Das ist ein gelungenes Konzept für einen Film, doch leider lässt Amalric die Dramaturgie fahren, der Handlungsablauf wirkt unzusammenhängend, zerfasert, fast willkürlich – zwar gibt es schöne running gags, schöne Einfälle für Charakterisierungen sowohl des Managers als auch der sich selbst darstellenden Künstlerinnen – doch wenn auch das Gesamtbild die Hektik des Tourlebens wahrhaftig darstellt, sind doch Details allzu verwaschen und Handlungsschlenker allzu gewollt. Wenn Joachim ständig in jedem Hotel erst mal bitten muss, die Hintergrundmusik leiser zu stellen, weil er das Gedudel nicht leiden kann: dann führt das doch eigentlich zu nichts.

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Tournée
(Tournée)
Frankreich 2010 - 111 min.
Regie: Mathieu Amalric - Drehbuch: Mathieu Amalric, Philippe Di Folco, Marcelo Novais Teles, Raphaëlle Valbrune - Produktion: Laetitia Gonzalez, Yaël Fogiel - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: Annette Dutertre - Verleih: farbfilm - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Mathieu Amalric, Mimi Le Meaux, Dirty Martini, Roky Roulette, Kitten on the Keys, Evie Lovelle, Julie Atlas Muz, Angela De Lorenzo, Alexander Craven, Damien Odoul
Kinostart (D): 08.09.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1451762/

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