Tomboy

(F 2011; Regie: Céline Sciamma)

Rollentausch

„Es ist der Blick der anderen, der darüber entscheidet, wer man ist“, sagt die französische Regisseurin Céline Sciamma. In ihrem neuen Film „Tomboy“ hält sie den Zuschauer relativ lange im Ungewissen darüber, ob es sich bei der etwa 10-jährigen Hauptfigur um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Dieses gekonnte Spiel mit den schwebenden Einstellungen des Blicks, der nach identifizierbaren Merkmalen sucht, reflektiert das Verhältnis der Geschlechter; und er weist diesen zugleich Rollen zu. Wie der Filmtitel bereits andeutet, ist Laure (Zoé Héran) ein Mädchen, das sich nicht nur wie ein Junge kleidet, fühlt und benimmt, sondern mit seinem burschikosen Kurzhaarschnitt auch wie ein solcher aussieht. Dazu kommt noch, dass sie gerne Fußball spielt und auch vor Raufereien nicht zurückschreckt. Ihre maskulinen Bewegungen und Gesten sind Ausdruck eines androgynen Körpergefühls und sprechen zugleich von der Suche nach der eigenen Identität.

Der kontrollierende Blick in den Spiegel und die förmliche Einstudierung von Rollen zeigen aber immer auch den spielerischen Charakter dieser Unsicherheit. Dabei ist Laure emotional noch ganz Kind, das am Daumen nuckelt und sich nach väterlicher Geborgenheit sehnt. Wenn ihr Vater (Matthieu Demy) sie eingangs das Steuer seines Wagens lenken lässt, ihr später anbietet, an seinem Bier zu nippen und dann ankündigt, ihr das Pokerspiel beibringen zu wollen, thematisiert der Film auch die unterbewusste elterliche Projektion von Geschlechterrollen. Für ihre jüngere Schwester Jeanne (Malonn Lévana) wiederum ist Laure eine Mischung aus bester Freundin und beschützendem großen Bruder. Die Gefühlslage von Sciammas Heldin, von Zoé Héran ganz selbstverständlich und mit großer Natürlichkeit dargestellt, ist also äußerst komplex und widersprüchlich.

Als Laure mit ihrer Familie an einen neuen Wohnort umzieht, wo es für sie gilt, neue Freunde zu gewinnen, wird aus dem Spiel bald Täuschung und aus der Täuschung Lüge, die sich immer mehr zum Dilemma verdichtet. „Du bist nicht wie die anderen“, sagt die gleichaltrige Lisa (Jeanne Disson), als sich Laure ihr gegenüber als Mickäel vorstellt. Während zwischen den beiden Liebesgefühle aufkeimen und sich Laure in ihrer Jungs-Rolle immer besser in Lisas Clique integriert, gestaltet sich ihr Wechsel zwischen den Geschlechter-Welten immer schwieriger und komplizierter. Céline Sciamma inszeniert diese Kontraste als Spiel zwischen Wahrheit und Lüge. Die unverbrauchten Bilder ihres unaufdringlichen, geradezu luftigen Realismus spüren in alltäglichen Gesten Gefühlsnuancen auf. Angesiedelt in den Sommerferien an einem Ort inmitten der Natur und des Lichts, sind in „Tomboy“ die Aufbrüche entsprechend hoffnungsvoll und die Ausschlussverfahren umso schmerzhafter. Trotzdem findet sich zwischen Geheimnis, Scham und unvermeidlicher Wahrheit schließlich doch noch ein (zumindest vorläufig) gangbarer Weg für die Heldin.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Tomboy
(Tomboy)
Frankreich 2011 - 84 min.
Regie: Céline Sciamma - Drehbuch: Céline Sciamma - Produktion: Bénédicte Couvreur - Kamera: Crystel Fornier - Schnitt: Julien Lacheray - Musik: Jean-Baptiste de Laubier - Verleih: Alamode - Besetzung: Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy, Yohan Vero, Noah Vero, Cheyenne Lainé, Rayan Boubekri, Christel Baras, Valérie Roucher
Kinostart (D): 03.05.2012

DVD-Starttermin (D): 14.09.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1847731/

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