Thou Wast Mild and Lovely

(USA 2012; Regie: Josephine Decker)

Spielwiese des Begehrens

Vater und Tochter tollen über die Wiese. Sie hält ein enthauptetes Huhn. Er schreit, dass sie ihn damit erstechen würde. Die Kamera blickt ins Unscharfe, über das Gras und zu den Bäumen. Das Huhn bleibt kopflos auf der Wiese liegen. Dann ist da ein Hund, der knurrt und kläfft. Und eine Frau beginnt aus dem Off von ihrem Liebhaber zu sprechen, so als würde sie ein Gedicht vortragen, poetisch, überhöhend.

Menschen, Tiere, Landschaften. Der Mensch in der Natur. Aber auch die „Natur im Menschen“. Begehren, Gewalt auch, die hier, in der ersten Szene von Josephine Deckers zweitem Film, noch die Form des Spiels annimmt. (Das wird sich später ändern.) Der Mensch in der Landschaft. Aber auch die Landschaft als Abbildung menschlicher Befindlichkeit. Eine Seelenlandschaft.

Die Parallelen zwischen Deckers Debüt „Butter on the Latch“ und dem ein Jahr später entstandenen „Thou Wast Mild and Lovely“, der auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde, liegen auf der Hand. Wieder ist die Handlung in einer abgelegenen, ländlichen Gegend der USA angesiedelt – und die Abgelegenheit und die Landschaft scheinen Voraussetzung des Plots zu sein. Wieder entwickelt die Kamera Ashley Connors mit ihrer kurzen Schärfentiefe, wie sie über die Gesichter und Körper der Figuren, die Natur und die Tiere streicht, eine sehr spezifische Form der Sinnlichkeit. Wieder scheint das Begehren, um das es geht, durchdrungen von einem Horror, der sich in schnellen, suggestiven Schnittfolgen in den Film einschleicht.

Jedoch wirkt „Thou Wast Mild and Lovely“ wesentlich ruhiger, ausgeglichener, auch professioneller, „filmischer“ als sein Vorgänger. Das liegt zu einem guten Teil daran, dass die Dialoge nicht improvisiert sind, das reale Setting, die Interaktion der Darstellerinnen mit den echten Festivalbesuchern aus „Butter“ fehlt. Aber auch daran, dass die Folie, die Decker ihrem Film unterlegt, deutlicher das Genre ist, der Backwoods-Horrorfilm.

Akin (Joe Swanberg) kommt für den Sommer auf die Farm in Kentucky, auf der Sarah (Sophie Traub) mit ihrem Vater Jeremiah (Robert Longstreet) lebt. In dem Figuren-Dreieck entfaltet sich ein Netz der Blicke. Jeremiah beobachtet Akin mit großem Argwohn. Schnell hat er an der „Tanline“ am Finger erkannt, was der junge Mann den beiden verschweigt, worüber er sie direkt belügt. Akin ist verheiratet und hat ein Kind. Einmal spekuliert Jeremiah am Essenstisch darüber, ob der Hausgast schwul sei, er habe etwas Schwules in seinem Gang. „Shoulders“ nennt er ihn aufgrund seiner Körperhaltung.

Akin hat unterdessen nur Augen für Sarah. Förmlich greifbar werden seine begehrenden Blicke auf ihrem Körper, der sich manchmal wie durch diese Blicke angetrieben zu bewegen scheint. Einmal öffnet sie beim Salatschneiden weit die Schenkel, um ihm, in einiger Entfernung, Einblicke unter ihren Rock zu gewähren. Die Attraktion zwischen den beiden wird als Spiel gestaltet, das keinen anderen Ort haben kann als die Felder und Wiesen mit ihrem satten Grün. Der Wind in den Blättern, das Gras und die Sonne auf der Haut, ihr Schatten auf einem Teich und ein Frosch gehören genauso zu diesem Spiel, wie seine grenzenlose Neugier auf ihren Körper. Und wenn die beiden in einer Szene auf einer Wiese miteinander kabbeln, ersetzt Akin recht deutlich den Vater, indem er an seine Stelle aus der ersten Szene tritt.

Die Situation eskaliert als Akins Frau zu Besuch kommt. Wie in „Butter on the Latch“ erhält gegen Ende ein Terror endgültig Einzug in den Film, der schon zuvor latent da war. In Visionen und (Alb-)Träumen, die nur schwer von der innerfilmischen Realität abzugrenzen sind. Deckers Stil lässt am Ende, wenn aus dem Spiel endgültig blutiger Ernst wird, (sexuelle) Phantasie und Realität, Sexualität und Gewalt ineinander übergehen. War es aber in ihrem Erstling noch ein weibliches Begehren – oder etwas, das von der Frau und ihrem Begehren Besitz ergriffen hatte – ist es hier die väterliche Gewalt, der frau schließlich Einhalt gebieten muss.

Mit ihren ersten beiden Filmen hat sich Josephine Decker als neue interessante Stimme im amerikanischen Independent-Kino etabliert. Auf ihr weiteres Schaffen darf man gespannt sein.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Thou Wast Mild and Lovely
USA 2012 - 94 min.
Regie: Josephine Decker - Drehbuch: Josephine Decker - Produktion: Adam Donaghey, William Gerber, Laura Heberton, Braden King, Laura Klein, Artemis Shaw, Russell Sheaffer, Sarah Small, Rachel Wolther - Kamera: Ashley Connor - Schnitt: Josephine Decker, Steven Schardt - Verleih: Arsenal Institut - Besetzung: Joe Swanberg, Sophie Traub, Robert Longstreet, Kristin Slaysman, Matt Orme, Geoff Marslett, Shelley Delaney
Kinostart (D): 16.10.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2481276/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.